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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 10/2010 |

Auf der Suche nach einem zeitgemäßen Rassismus

von Angela Klein

Sarrazin? Igitt. «Das Buch habe ich nicht gelesen und werde es auch nicht lesen.» «Man wertet ihn nur auf, wenn man sich mit ihm beschäftigt.» Solche Reaktionen gab es unter Linken viele in den Tagen, als die Debatte hochkochte. Mit Verlaub, das ist betriebsblind:

Aufrechte Linke schlagen (zu Recht) Alarm, kaum dass 50 Nazis auf der Straße sind. Aber die viel größere Gefahr, dass die anhaltende gesellschaftliche Zerrüttung auch in Deutschland einmal in einer rechtspopulistischen Partei vom Schlage eines Geert Wilders mündet, wird weggedrückt, weil ihre potenziellen Protagonisten bislang noch traurige Gestalten vom Schlage eines Sarrazin, einer Frau Steinbach oder eines Herrn Koch sind – oder käme auch ein Herr Gauck in Frage?

Besorgniserregend sind ja nicht die gesammelten Dummheiten des ehemaligen Finanzsenators, besorgniserregend ist die Leichtigkeit, mit der manifeste Volksverhetzung innerhalb kürzester Zeit von einschlägigen Massenmedien zur Enthüllung eines vermeintlich «realen gesellschaftlichen Problems» umgedichtet wird: «Man wird ja wohl noch sagen dürfen…» Wo braune Scheiße so schnell hochkocht, zeigen sich Probleme, die über die Person eines Sarrazin hinausgehen.

Dessen Ausfälle (wie auch die eines Westerwelle oder Koch) sind der Versuch, einen menschenverachtenden Diskurs mit Hilfe der Provokation ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit zu rücken. Menschenverachtend ist der Versuch, die Verantwortung für die Verfestigung von «Unterschichten» von der Gesellschaft abzuwälzen und zu naturalisieren, d.h. den Individuen als Kainsmal einzubrennen.

Dabei vergaloppieren sich die Autoren regelmäßig (immer noch und zum Glück) – nur deshalb werden ihre Positionen als «nicht gesellschaftsfähig» zurückgewiesen. Hätte Sarrazin nicht das Judengen bemüht und nicht versucht, die Mangelerscheinungen in der Unterschicht als «vererbt» zu erklären, wären seine Thesen durchgegangen.

Zugegeben, der Griff in die Kiste der Rassenlehre des 19.Jahrhunderts ist altmodisch. In Holland ist man da weiter, da wird die soziale Ungleichheit den «kulturellen Eigenschaften von Volksgruppen» zugeschrieben. Und da kulturelle Unterschiede sich am leichtesten an Äußerlichkeiten wie Hautfarbe, religiösen Bräuchen oder Kleidung festmachen lassen, konzentriert sich der kulturelle Rassismus auf den Anti-Islamismus. Eine scheinbar so weltmännische Figur wie Klaus Dohnanyi greift das auf, er will in seiner Verteidigung Sarrazins vor dem Parteiausschuss der SPD den biologischen Rassismus zurückdrängen, damit für den kulturellen Rassismus die Bahn frei wird: «Niemand mit Sachkenntnis», zitiert ihn die Bild-Zeitung anerkennend, könne heute noch bestreiten, «dass es besondere kulturelle Eigenschaften von Volksgruppen gebe». Dohnanyi ist gefährlicher als Sarrazin.

Der grassierende Sozialrassismus ist ein Reflex auf die zunehmende Angst vor dem sozialen Absturz, die inzwischen auch gut verdienende Facharbeiter und Mittelschichten erfasst. Eine Studie des DIW hat dies im Juni bestätigt, sie stellt ein Abschmelzen der Mittelschicht seit dem Beginn des Jahrtausends fest (von 66,5 auf 61,5%).

Interessanterweise wurde der Befund vom Rechtsaußen der Sozialforschung und Vordenker des Sozialabrisses, Meinhard Miegel, umgehend in Frage gestellt. Er konterte, nicht der Abstieg aus der Mittelschicht sei die Ursache dafür, dass die Armut in Deutschland seit den 90er Jahren zugenommen hat, sondern «der gesellschaftliche Wandel». Das meint: «Der wachsende Anteil der Migranten an der Bevölkerung sowie die Zunahme der Alleinerziehenden sind die Hauptursachen für diesen Trend.» Der Zerfall der klassischen Familien sei hierzulande das größte Armutsrisiko, die Unterschicht wachse, weil Migranten zuviele Kinder bekommen, usw. – es folgen alle Argumente, die Sarrazin auch vorträgt, nur kruder.

Die etwas liberalere bürgerliche Presse hat darauf aufmerksam gemacht, dass für eine Partei vom Schlage Wilders’ derzeit in Deutschland noch die geeignete Führungsfigur fehlt. Das trifft zwar zu, entschärft das Problem aber nicht. Die Verhältnisse suchen sich ihr Personal, darauf kann man bauen. Der Erosionsprozess der CDU nimmt seit 1994 stetig zu, wurde 2002 vorübergehend von der CSU aufgefangen und 2009 spektakulär von der FDP, die jedoch ebenso spektakulär schnell in der Wählergunst wieder abgestürzt ist – bezeichnenderweise, weil der Populismus der Art, wie ihn Westerwelle versucht hat, beim Wähler nicht ankam. Ein anhaltende (unzufriedene) konservative Nichtwählerschaft hat jedoch irgendwann kein Vertrauen mehr in die etablierten bürgerlichen Mechanismen und sucht «eine andere Sprache» – oder auch «den starken Mann». Die Bereitschaft, den politischen Diskurs auf der bürgerlichen Seite zu radikalisieren, um der sog. «schweigenden Mehrheit» Geltung zu verschaffen, nimmt zu.

Hierin liegt die wirkliche Gefahr. Und die liberale Mischpoke, die Sarrazins Gestrigkeiten so genüsslich zerreißt, weist gegenüber dem kulturellen Rassismus eine ganz offene Flanke auf – ist die Abwälzung gesellschaftlicher Versäumnisse auf persönliche Verfehlungen doch ein legitimes Kind der liberalen Ideologie, wonach es bekanntlich «keine Gesellschaft gibt» (Margret Thatcher), nur Individuen.


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