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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 10/2010 |

Das menschliche Erbe. Anmerkungen zur Ungleichheit

Verwandtschaft und Variationen
von Manuel Kellner

Die Apostel der gesellschaftlichen Ungleichheit haben immer wieder angebliche Naturgegebenheiten und vorgebliche Resultate naturwissenschaftlicher Forschung für sich in Anspruch genommen, um Ansprüche auf soziale Gleichheit zu bekämpfen. Die missbräuchliche Anwendung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse auf gesellschaftliche Gegebenheiten gehört zurückgewiesen.

Vorkämpfer gesellschaftlicher Gleichheit setzen auf die kritische Analyse der gesellschaftlichen Entwicklung, ihrer inneren Widersprüche und der ihr innewohnenden emanzipatorischen Potenziale.

Es gibt allerdings keinen Grund, die kritische Auseinandersetzung mit den auf «Natur» rekurrierenden Rechtfertigungsideologien von Herrschaft nicht auch auf jenem Terrain aufzunehmen, wo Befunde der Naturforschung als Beleg für eine angeblich objektive Fundierung gesellschaftspolitischer Positionen in Anspruch genommen werden.

In einem seiner originellen und richtungsweisenden Aufsätze hat Stephen Jay Gould bereits im Jahr 1984 gezeigt, dass die neueren Erkenntnisse der Entwicklungsbiologie die Positionen derjenigen stützt, die für Gleichheit eintreten.

Es gibt keine Rassen

Die Überschrift dieses Aufsatzes lautet: «Die Gleichheit der Menschen ist ein entwicklungsgeschichtlich kontingentes Faktum» (in: Das Lächeln des Flamingos, Frankfurt 1995). Die Erläuterung des Titels klärt zugleich den Inhalt und die Tragweite der Argumente, die Gould anführt. Mit «Gleichheit» ist hier nicht die soziale Gleichheit gemeint, sondern jene Gleichheit, die etwa auch für alle heute lebenden Pferde gilt: die Gleichheit der Individuen, die einer Art angehören.

In der biologischen Systematik wird eine Art als Fortpflanzungsgemeinschaft definiert. Irgendwann ist diese Art entstanden, als sich zwei Populationen getrennt haben, um anschließend eine ausreichend lange Zeit getrennte Wege zu gehen, sodass schließlich neue, deutlich voneinander unterschiedene Arten entstanden, die sich in aller Regel nicht mehr miteinander paaren

Unter naturgeschichtlichem Blickwinkel ist unsere Art (Homo sapiens) sehr jung. Die heutige Menschheit ist entwicklungsbiologisch gesehen eine Abstammungsgemeinschaft, die auf eine kleine Population von wenigen tausend «ersten (modernen) Menschen» zurückzuführen ist, die vor ungefähr 150.000 Jahren irgendwo im östlichen Afrika lebte, von wo aus ihre Nachkommen im Laufe der Jahrzehntausende nach und nach die ganze Erde besiedelten.

Biologisch gesehen sind also alle heute lebenden Menschen extrem nahe miteinander verwandt. Es gibt keine relevanten Unterschiede zwischen verschiedenen Menschengruppen; alle vorkommenden Variationen beziehen sich auf oberflächliche Merkmale (wie Grad der Hautpigmentierung, Haarstruktur usw.), die sich in kürzester Zeit (in ganz wenigen Generationen) ändern können. An diese Art von oberflächlichen, aber auffälligen Merkmalen knüpfte im 19. und 20.Jahrhundert die scheinwissenschaftliche Rechtfertigung des Rassismus an.

Seit Jahrzehnten ist jedoch klar, dass es keine menschlichen Rassen gibt. Man müsste sie als «Unterarten» definieren, die sich in bedeutenden Merkmalen voneinander unterscheiden. Seit der Entschlüsselung des menschlichen Genoms wissen wir aber, dass die Variationsbreite innerhalb einer Menschengruppe etwa im südlichen Afrika oder in Köln-Mülheim größer ist als diejenige zwischen den beiden Populationen.

Widerspricht das nicht der Intuition? Gould sagt dazu ironisch: «Aber die Menschen sind mobil und halten an ihrer berüchtigten Gewohnheit fest, sich untereinander über alle Grenzen hinweg fortzupflanzen.» Die «Gleichheit» der Menschen im biologischen Sinne ist also eine Tatsache (ein «Faktum») ihrer Entwicklungsgeschichte; aber wieso ist sie ein «kontingentes» Faktum – also ein Faktum, das nicht aus einer Naturgesetzlichkeit folgt?

Weil es auch anders hätte kommen können. Vor rund 6 Millionen Jahren trennten sich zwei Affenpopulationen. Aus einem der beiden Zweige gingen die beiden heute lebenden Schimpansenarten hervor (Pan troglodytes und Pan paniscus). Aus dem anderen gingen die heute lebenden Menschen hervor. Dazwischen gab es aber eine Vielzahl (einen ganzen evolutionären «Busch») anderer Vormenschen- und Menschenarten. Nur wir sind übriggeblieben, alle anderen Arten sind ausgestorben.

Wenn wir heute nicht die einzige Menschenart auf Erden wären, gäbe es in der Tat unterschiedliche Arten von Menschen. Wie würden wir uns ihnen gegenüber verhalten? Gould möchte sich das lieber nicht vorstellen, auch mir schwant da Fürchterliches. Es ist aber nicht so gekommen. Über unsere ethischen und politischen Überzeugungen hinaus stützt sich unser Eintreten für soziale Gleichheit auch auf die biologische Gleichheit der Menschen. Es gibt keine signifikant voneinander unterschiedenen Menschengruppen; wirklich voneinander verschieden sind nur die Individuen.

Intelligenz

Es fällt heutzutage schwer, auf die Frage nach dem Anteil der Erbanlagen und der Umstände an den Unterschieden bei kognitiven Fähigkeiten mit ebenso lockerem Humor zu reagieren wie einst Karl Marx, der meinte, der typisch irische Charakter sei vererbt, während die häufige Rothaarigkeit der Iren auf die Umstände zurückzuführen sei.

Eine finstere Tradition vorgeblich wissenschaftlicher Forschung hat Instrumente der Selektionierung und Diskriminierung von Menschengruppen hervorgebracht, die teils auch heute noch im Einsatz sind. Stephen Jay Gould entlarvt sie in seinem Buch Der falsch vermessene Mensch (Frankfurt 1988; im Original 1981 erschienen). Gerade angesichts der jüngsten Delirien der bundesdeutschen veröffentlichten Debatte ist dringend zu fordern: Dieses Buch muss Pflichtlektüre an den Schulen werden.

Im 19.Jahrhundert grassierten Schädelmessung und Schädelkunde. Gould zeigt anhand vieler Beispiele, wie hierbei das erwünschte Ergebnis (der «Minderwertigkeit» der Schwarzen, der Indianer, der Frauen, der Verbrecher usw.) auch dann immer wieder zustandekommt, wenn Wissenschaftler nicht bewusst fälschen, sondern gewissenhaft vorgehen. Sie merken nicht, wie verschiedene Details des experimentellen Arrangements, der Interpretation statistischer Daten, der Darstellungsweise ihre Resultate entscheidend beeinflussen.

Für das 20.Jahrhundert konstatiert er: «Die Argumente der Schädelmessung haben … viel von ihrem Glanz verloren, als die Deterministen mit fliegenden Fahnen zum Intelligenztest übergingen…» Aber was ist «Intelligenz»? Und wie wird sie gemessen? Die Selbstverständlichkeit, mit der der «Intelligenzquotient» eines Menschen als ein ihn objektiv charakterisierendes Grundmerkmal angeführt wird, zeigt, in welchem Maße die heute herrschende Ideologie auf Gedankenlosigkeit beruht (dem Korrelat der Zukunftsunfähigkeit der herrschenden Klasse).

Ein ganzes Bündel unterschiedlicher Fertigkeiten wird unter dem Begriff Intelligenz zusammengefasst. Es ist nicht nur völlig ausgeschlossen, dass solche komplexen Eigenschaften von wenigen «Genen» vererbt werden, sie sind auch völlig heterogen. Ein Höchstmaß an Fähigkeiten auf dem einen Gebiet schließt höchst mangelhafte Fertigkeit auf anderen Gebieten nicht aus (nennen wir als Beispiel den Schachweltmeister von 1972, Bobby Fischer – um nicht Lebende zu kränken). Die Intelligenztests, zeigt Gould, die die USA zur Selektionierung und Stigmatisierung osteuropäischer Einwanderer benutzten, belohnten alle Arten von Vorwissen u.a. zum Baseballspiel. Gerade auf diesem Gebiet ist auch der Autor dieser Zeilen ziemlich dumm.

Wissenschaftlich erwiesen ist heute Folgendes: Die Anlagen der Individuen sind verschieden, doch werden diese Unterschiede erst wirksam, wenn die Umstände – hauptsächlich die soziale Lage betreffend – die Entfaltung dieser Anlagen erlauben und begünstigen. Erst gesellschaftliche Gleichheit ermöglicht die Entfaltung aller zu sehr verschiedenen Individuen.


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