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Das «Prinzip Potosí»

Ausstellung über den Beginn des Kapitalismus
Berlin, 8.10.2010–2.1.2011

Die Ausbeutung der Gold- und Silberminen von Potosí (im heutigen Bolivien) durch die spanischen Kolonialherren, deren Schätze allesamt nach Europa verschifft wurden, waren Anfang des 17.Jahrhunderts der Beginn einer enormen «ursprünglichen» Akkumulation. Sie gilt als der Beginn des Kapitalismus. Die Dynamik, die von der Ökonomie der Kolonien ausging, verursachte eine gewaltige Bilderproduktion, einhergehend mit der Gegenreformation.

Nun werden vom 8.Oktober bis zum 2.Januar im Berliner Haus der Kulturen der Welt unter dem Titel «Das Potosí-Prinzip – Wie können wir das Lied des Herrn im fremden Land singen?» Beispiele des sog. «andinen» Barocks mit aktuellen künstlerischen Arbeiten kombiniert, wodurch ein Bezug zur Gegenwart hergestellt wird: zu den Wanderarbeitern in China, die das dortige Wirtschaftswunder ermöglichten, wie zur Wirtschaftmacht Dubai, die sich als Kunstmetropole neu erfinden möchte. Ziel ist, Facetten einer globalisierten Welt zu zeigen, in der das Prinzip Ausbeutung – ähnlich wie zu Beginn der Moderne – vorherrscht.

Alice Creischer, eine der Kuratorinnen der Ausstellung im Haus der Kulturen der Welt, erläutert nachstehend das Prinzip Potosí und die Anliegen der Ausstellung.

Zusätzlich zur Ausstellung im Haus der Kulturen der Welt ist im Haus der IG Metall ein gesonderter Teil der Ausstellung über das «Prinzip Potosí» zu sehen.


Was ist das Prinzip Potosí?
von Alice Creischer

Auf spanisch hat «Principio Potosí», das Prinzip Potosí, zwei Bedeutungen. Die erste ist zeitlich und meint einen Beginn oder Ursprung, in der zweiten kann «Principio Potosí» eine technische oder mechanische Funktion beschreiben, die sich wiederholt. Außerdem war Potosí zu Beginn des 17.Jahrhunderts eine der größten Städte der Welt, vergleichbar mit London oder Paris. Warum diese Stadt den Titel unserer Ausstellung, «Das Potosí-Prinzip» inspirierte, will ich nun erklären.

Der Legende nach war die Potosí so reich, dass man mit dem Silber, das von Potosí nach Europa ging, eine Brücke über den Atlantik bis zum Hafen von Cádiz in Spanien hätte bauen können. Die Zahl der Toten, die durch die Zwangsarbeit in den Minen starben, kann man nur schätzen. Es waren wohl Hunderttausende. In der Ausstellung geht es aber nicht um einen geschichtlichen Rückblick, sondern darum, dass sich bis heute Ausbeutung und Bereicherung an anderen Orten der Welt nach demselben Prinzip wie damals fortsetzen.

Das in Potosí gewonnene Silber wird nach Cádiz verschifft. So sehr ist der spanische König verschuldet, dass es noch vor dem Hafen auf Schiffe umgeladen wird, die die Börsen ganz Europas ansteuern. So entsteht eine entscheidende Dynamik für die Entwicklung der Industrie, des Bankenwesens, der kolonialen Handelskompanien und ihrer Kriegs- und Sklavenschiffe, der Agrarindustrie und für die Vertreibung, Verelendung, die Verfügbarmachung von Personen zu Arbeitskräften. Diese Verfügbarkeit von Personen besteht gleichzeitig in Europa und in den Kolonien. Sie ist der Beginn eines Systems, das schon seit jeher global agiert.

Wir behaupten in diesem Projekt, dass die Entwicklung der modernen europäischen Gesellschaft und ihres Wirtschaftssystems nie ohne seine koloniale Bedingtheit und seine Verbrechen gedacht werden kann. Wir glauben, dass das Prinzip Potosí kein abgeschlossener historischer Fall ist. Er findet gleichzeitig überall in der globalisierten Welt statt, jetzt und in allen historischen Formen.

Propagandistische Bilderproduktion

Die Kolonialisierung und Missionierung von Lateinamerika war auch das Labor einer Bilderproduktion mit einer enormen ideologischen Funktion. Nach dem Konzil von Trient und unter dem Handlungszwang der Gegenreformation entstand eine Massenproduktion von Bildern in Europa mit dem Anliegen, den katholischen Glauben gegen die Reformation zu verteidigen. Diese Bilder und Grafiken werden zunächst in die neuen Kolonien verschifft. Dort entsteht bald eine eigene Malerzunft, die, fast wie eine Industrie, Bilder für die Kirchen der missionierten Indios und der reichen Handelsleute, Land- und Minenbesitzer produziert. Der Bedarf nach Bildern war immens. Ein Zeitgenosse, der Geistliche Diego de Ocana, schreibt: «Wenn ich nur zwanzig- oder dreißigtausend Kopien der Jungfrau von Guadalupe hätte, ich könnte sie alle verteilen.»

Der Kunsthistoriker Thomas Cummins beschreibt in seinem Aufsatz «Images for a New World» (Bilder für eine Neue Welt) die Verwendung der Bilder so: «In Cartagena de las Indias, dem Hafen von Neu-Grenada … für den Sklavenhandel wurden sofort bei Eintreffen der Männer, Frauen und Kinder Bilder mit dem Leiden Christi und der Hölle gezeigt … Porträts von Päpsten, Kardinälen und Königen wurde um diese Altäre herumgestellt. Die Bilder zeigten eine ganze Welt der himmlischen und weltlichen Hierarchie, in der die Neugetauften sich einzufinden hatten, sie erzeugten eine solche Furcht vor der Verdammung und Hölle und einen solchen Wunsch, an der Eucharistie teilzunehmen … dass sie mehr wert waren als alle anderen Drohungen oder Überredungen.»

Die Bilder in der Ausstellung sind Zeugen dafür, dass die kulturelle europäische Vormacht keine symbolische Größe ist, sondern eine Gewalt. Es gibt keine gerade Linie von den Bedingtheiten dieser Vormacht bis zu den globalisierten Wertschöpfungen von heute. Es existieren jedoch Zusammenhänge zwischen der Funktion der Kolonialmalerei und der Funktion, die Kunst heutzutage übernimmt, um die neuen Eliten der Globalisierung mit Legitimität auszustatten. Diese Zusammenhänge sind keine lineare geschichtliche Erzählung. Man kann vielleicht zwischen der Conquista, der Dominanz euroamerikanischer Konzerne in Südamerika und der fortwährenden Unterlegenheit kolonialer und exkolonialer Kultur eine sehr gerade Linie verfolgen. Aber es gibt auch eine Gleichzeitigkeit und Unabgeschlossenheit von Geschichte, die es ermöglicht, die gegenwärtige künstlerische Produktion mit dieser Malerei zu befragen.

Wenn es Parallelen gibt zwischen dem Reichtum und der Pracht der Boomtown des 16.Jahrhunderts, Potosí, und den aktuellen Brennpunkten eines totalitären Kapitalismus und den sich dort ansiedelnden Kunstbiennalen, dann betrifft dies auch unsere eigene Involvierung darin.

Die Entstehung der Ausstellung

2006 fuhren wir nach Potosí in Bolivien und sahen dort zum ersten Mal die Bilder, die im 16. und 17.Jahrhundert unter spanischer Kolonialherrschaft in den Minenstädten entstanden. Bis heute sind sie noch nie in Europa ausgestellt wurden. Wir luden zeitgenössische Künstler ein, auf diese Bilder zu antworten. Wir wollten keine kultur- oder kunsthistorische Ausstellung machen, sondern aus unserer gegenwärtigen Perspektive als Künstler auf die Kolonialgeschichte blicken. Aus eigenen Erfahrungen und Gesprächen mit Freunden entstand so für die Ausstellung ein Geflecht, das Dubai, London, Moskau, Peking auf die historische Bedeutung und Situation Potosís bezieht. Für die Umsetzung unseres Vorhabens haben wir ein Netzwerk von sog. Korrespondenten gewonnen, die in unserem Namen vor Ort arbeitende Künstler, Gruppen und Aktivisten zur Teilnahme am Projekt einladen.

Potosí und Marx

Ein wichtiger Bezugspunkt für die Analyse des Potosí-Prinzips war für uns das Kapitel über die ursprüngliche Akkumulation von Karl Marx, der sie als Vertreibung der Menschen von ihrem Land, ihre Verfolgung und Terrorisierung, und schließlich ihre Nutzung zu Arbeitskräften im Kontext der Situation in England ab dem 16.Jahrhundert beschrieb, geprägt von der Entwicklung der Finanz- und Industrietechnologie.

Diese Analyse ist auf Potosí anwendbar, Aspekte davon tauchen immer wieder in unserer globalen Gegenwart auf: sei es die Sojaindustrie in Argentinien, die der Künstler Eduardo Molinari beschreibt, sei es die neue Reichtumsakkumulation in Russland, die der Film über den Gazprom Tower der Gruppe Chto Delat zeigt, oder die Arbeitsmigration in China, der sich das «Migrant Worker Museum» bei Peking widmet.

Entscheidend ist, dass wir keine «Kuratoren» sind, sondern Künstler, die manchmal kuratieren, um danach zu fragen, wie man unter den heutigen politischen Bedingungen weiter künstlerisch arbeiten kann. Die Ausstellung ist ein gemeinschaftlicher Prozess, in dem wir die Arbeiten nicht einfach aussuchen und hinstellen, sondern mit den Künstlern zusammen entwickeln. Wir reagieren damit einerseits auf die Tatsache, dass politische Information ein seltenes Gut ist in der Welt der großen Medienkonzerne, und dass jeder sich darum bemühen muss, diese politische Arbeit in seinem eigenen Bereich zu machen.

In unserem Fall geht es auch um die Suche nach einer anderen Kunstgeschichte, eine spannende und erschöpfende Spurensuche inmitten einer akademischen Geschichtsschreibung und einem Ausstellungsbetrieb, der im Zwang des Eventmarketing sowohl die Verantwortlichkeit für Sinngebung als auch das eigene politische Gedächtnis und seine Archivierung ausgelagert hat. Das Projekt ist also ein Gemeinschaftsprojekt von Kuratoren und Künstlern, mit dem Ziel, auch den eigenen Kunstbereich zu kritisieren.


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