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Der neue Sozialdarwinismus

von Robert Lochhead

Ende 1994/Anfang 1995 war in den USA ein voluminöses Buch voller Statistiken der neue Bestseller (400.000 verkaufte Exemplare in zwei Monaten): The Bell Curve («Die Glockenkurve») von Richard Herrnstein und Charles Murray. Die Autoren «zeigen» Unterschiede der Intelligenz zwischen den sozialen Klassen sowie zwischen Schwarzen und Weißen, die genetisch bedingt seien und mittels des IQ (Intelligenzquotient) gemessen werden.

Man liest dort: «Der Erfolg und das Scheitern der amerikanischen Wirtschaft und alle Begleiterscheinungen werden mehr und mehr bestimmt durch die Gene, die weitergegeben werden.» Und: «Es wird Zeit für Amerika zu versuchen, mit der Ungleichheit in neuer Weise zu leben, denn so ist es nun einmal…»

Das Erscheinen des Buches Sociobiology (1975) von Harvard-Professor und Spezialist für Ameisen, E.O.Wilson, markiert die Renaissance des Sozialdarwinismus seit dem Ende der 60er Jahre. Die «Soziobiologie» hat sich als akademische Disziplin etabliert. Sie will den modernen Darwinismus auf die Erklärung von Tier- und menschlichen Gesellschaften anwenden.

Ein breites Angebot von Publikationen von Genetikern, Psychologen und Anthropologen hat ihr Projekt konkretisiert: die Soziobiologie streitet um einen Platz unter den Humanwissenschaften. Die Mehrzahl ihrer Arbeiten vermeidet rassistische oder antiegalitäre Schlussfolgerungen der Art, wie sie Herrnstein und Murray vorgebracht haben, aber sie tauchen mal hier, mal dort auf. E.O.Wilson hat trotz seines freundlichen Stils mehr als einmal durchblicken lassen, dass seine wissenschaftlichen Thesen und seine rechten politischen Ideen nicht ohne Verbindung sind.

Wie lässt sich der Erfolg der Soziobiologie erklären?
– Durch die Faszination für ein Projekt der Neubegründung der Humanwissenschaften auf der Basis der Naturwissenschaft.
– Durch das Beharren auf dem «Augenschein des gesunden Menschenverstands», der, jeder wissenschaftlichen Erkenntnis zum Trotz, beharrlich geltend gemacht wird und laut dem die Verhaltensmerkmale und moralischen Eigenschaften jedes Individuums in seinen Genen liegen.
– In der liberalen Gesellschaft ist ein «Darwinismus», der die soziale Ungleichheit als das Resultat der natürlichen Selektion erklärt, die auf die miteinander konkurrierenden Individuen wirkt, ebenso verführerisch, wie er für manche plausibel und nützlich erscheint.

Allgemeiner lassen sich, vereinfacht, zwei Schulen unterscheiden, die sich heute im Darwinismus gegenüberstehen.
1. Der «Ultradarwinismus», an den sich die Soziobiologie anschließt. Die natürliche Selektion ist der aktive Mechanismus der Evolution der lebenden Organismen. Sie produziert optimale und adaptierte (angepasste) physische und Verhaltensmerkmale. Bei der Konkurrenz unter den Individuen geht es einzig um die Weitergabe eines Maximums von Genen auf die folgende Generation; in Wirklichkeit handelt es sich um eine Konkurrenz zwischen den Genen. Diese Strömung ist sehr reduktionistisch: die großen Phänomene der Geschichte des Lebens auf der Erde (Makroevolution) werden auf die Genetik von Populationen (Mikroevolution) zurückgeführt; die Gesellschaften auf die Eigenschaften von Individuen; das Individuum auf seine Gene.

2. Eine zweite Strömung ist «offener»: Die natürliche Selektion zielt zunächst auf das bloße Überleben in einem konkreten ökologischen Kontext ab. Merkmale und Verhaltensweisen sind nicht alle adaptiv, schon gar nicht optimal. Man muss mehrere Hierarchieebenen der Erklärung unterscheiden. Die Makroevolution ist nicht auf die Genetik von Populationen reduzierbar; eine Gesellschaft ist nicht reduzierbar auf die Eigenschaften der Individuen.

Aus dieser Strömung kommen die durchschlagendsten Kritiken des Sozialdarwinismus, bspw. jene von Richard Lewontin oder Stephen Jay Gould, um nur zwei Harvard-Professoren zu nennen. Unter anderem zeigten sie die wissenschaftliche Hohlheit von The Bell Curve auf.

Gekürzt aus: Der Rote Planet, Nr.1, 1997.


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