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«Die Befreiung lesen und denken»

Der chinesiche Musiker Sun Heng über sein Museum für Kunst und Kultur der Wanderarbeiter und die «Heimstatt für Wanderarbeiter» in Peking

Der Künstler Matthijs der Bruijne bereiste 2008/09 China, um Träume von Arbeitern aufzunehmen. Dabei traf er den Musiker Sun Heng, Gründer des «Museums für Kunst und Kultur der Wanderarbeiter». Exponate dieses Museums sind im Rahmen der Ausstellung «Das Potosí-Prinzip» zu sehen, zudem tourt Sun Heng im Oktober durch Deutschland.

Sun Heng wurde 1975 in der Provinz Shanxi, in den Bergen, geboren. Seine Eltern waren Bauern in einem staatlichen Landwirtschaftsbetrieb. Er arbeitete als Musiklehrer, bis er das rigide chinesische Schulsystem nicht mehr ertragen konnte. 1999 reiste er auf den Spuren von Woody Guthrie ein Jahr durchs Land, spielte auf der Straße, auf Baustellen und lernte so die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Wanderarbeiter kennen. Er sah, «dass sie kein Leben außer Arbeit hatten. Sie hatten weder ein Sozialleben noch kulturelle Aktivitäten».

2002 gründete er die Gruppe namens «The Art Troups of Young Migrant Workers», die überall dort, wo Wanderarbeiter leben, kostenlos auftritt. 2007 begann er mit anderen zusammen ein Museum für Kunst und Kultur der Wanderarbeiter aufzubauen. Es ist im Pi-Cun-Dorf, nahe dem Flughafen Pekings, gelegen – ein Gebiet, das Heimstatt für 10.000 Wanderarbeiter ist.

Das Museum öffnete am 1.Mai dieses Jahres und erzählt Geschichte und Geschichten der neuen Arbeiterklasse Chinas in ihren Worten. Ein Set von Ausstellungstafeln informiert über ihr Arbeiten und Leben. Es gibt eine Webseite des Museums und eine elektronische Version der Ausstellung, die erlauben, all dies auch in anderen Teilen des Landes zu sehen.

Matthijs de Bruijne und der Kurator Jorge Hinderer sprachen im September 2009 mit Sun Heng in Mannheim. Frau Lin Zhibin war als Übersetzerin zugegen, Anne Scheidhauer übersetzte den hier leicht gekürzten Text aus dem Englischen. Die Redaktion bedankt sich für die Zustimmung zum Abdruck.

Das Museum ist Teil der «Heimstatt für Wanderarbeiter». Kannst du uns etwas über die Geschichte der «Heimstatt» erzählen?

Unsere Organisation heißt «Heimstatt für Wanderarbeiter» und wurde offiziell im November 2002 eingerichtet. Anfangs machten wir vor allem Aufführungen mit der «Art Troupe». Im ersten Jahr hatten wir 40 oder 50 Aufführungen. Wir hatten eine Hotline, bei der die Arbeiter anrufen und rechtliche Fragen stellen konnten. Einige davon versuchten wir selbst zu beantworten. Wenn wir mit einem Fall nicht klar kamen, versuchten wir eine Antwort von einem Rechtsanwalt oder Freiwilligen zu bekommen, der das Gesetz besser kennt. Wir boten auch Schulungen in Rechtsfragen und Computernutzung. Wir kombinierten Unterhaltung mit der Formulierung von Rechten, wir versuchten durch unsere Songs und ihre Texte ein Bewusstsein für die rechtlichen Ansprüche der Arbeiter zu schaffen.

2004 stellten wir einige CDs her. Wir wollten sie nicht offiziell herausbringen, sondern brannten ein paar CDs mit einer Zusammenstellung unserer Songs. Und dann hörte eine bekannte große chinesische Firma unsere Musik und bot an, die CD herauszubringen. Sie machte auch Werbung und verkaufte 100.000 Scheiben. Viele Leute, Unistudenten und Akademiker, die sich für die Arbeiter interessierten, kauften die CD. Auch einige bekannte Fernsehstars und Popshowmoderatoren unterstützten den Verkauf. Wir verdienten 75.000 RMB. Wir machten richtig Profit mit dieser CD.

Mit dem Geld gründeten wir eine Schule für Wanderarbeiterkinder: Wir mieteten das Unterrichtsgelände – eine verlassene Fabrik, die der Gemeinde gehört – und bauten Klassenzimmer. Ursprünglich haben wir die Schule deshalb gegründet, weil wir gesehen haben, dass viele Wanderarbeiterkinder weder einen Platz an einer Schule hatten, noch einen Ort zum Spielen.

Wussten die lokalen Behörden von eurer Schule?

In China gibt es nicht eine einzige, einheitliche Regierung. Es gibt Regierungen auf der nationalen, der Provinz- und der städtischen Ebene; in ein und derselben Abteilung kann es Beamte mit unterschiedlichen Ideen geben. «Die chinesische Regierung» ist also kein einheitliches Gebilde. Außerdem ändern sich die Strategien der Regierung; vor allem 2003 hat sich in der Politik vieles geändert, nachdem die neue Führung von Hu Jintao die Macht übernommen hatte.

Unsere Schule hat momentan 400 Schüler, vom Kindergarten bis zur sechsten Klasse. Sie dient auch als kommunales Bildungszentrum, als Abendschule. Die Gemeindemitglieder können die Bibliothek nutzen und Schulungen zu Rechtsthemen und Computernutzung besuchen.

Was für Objekte sammelt und zeigt ihr in dem Museum?

Die Objekte, die wir zeigen, haben uns die Arbeiter überlassen, dazu gehören Fotos, Briefe, Instrumente, Arbeitsuniformen, Aufenthaltserlaubnispapiere, Artikel, CDs, NGO-Veröffentlichungen. Außerdem haben wir Regierungsverlautbarungen aus unterschiedlichen Phasen gesammelt. Wir haben inzwischen ein Forschungszentrum, und die Veröffentlichung von Büchern wird ein wichtiger Teil unserer Arbeit. Das ist sozusagen «Learning by doing», praktisches Lernen.

Wir haben über die Entwicklung von Bildung für Kinder geforscht. Gerade machen wir eine Untersuchung über die Aufenthaltsrechte der Arbeiter. Darüber hinaus haben wir unser Theater, unsere DVDs und CDs. Wir möchten gern jedes Jahr ein neues Theaterstück und eine neue CD und DVD machen.

Eure Theaterstücke und Songtexte sprechen von dem Traum, einen kollektiven Prozess zu begründen, dabei aber auf den Rechten der Wanderarbeiter und der Überwindung der Ausbeutung zu beharren, welche auf unregelmäßigen Lohnzahlungen ohne jegliche Absicherung und ohne angemessenen Aufenthaltsstatus beruht. Was würdest du im Hinblick auf Ausbeutung noch hinzufügen?

Dies ist ein historischer Moment. Eine riesige Anzahl von Leuten wechselt gerade ihre Identität: Sie werden von Bauern zu Stadtbürgern. Jetzt sind es 240 Millionen Wanderarbeiter. In den kommenden Jahren könnten es 300 oder 400 Millionen werden. Wir haben die Idee, die positiven Elemente einer neuen Kultur der Wanderarbeiter zu befördern. Wir benutzen Kultur als ein Instrument, um Bewusstsein unter den Arbeitern zu erzeugen.

Wir hoffen außerdem, dass Kultur ein Weg sein kann, internationale Solidarität unter den Arbeitern aufzubauen. Das Kapital ist bereits globalisiert, aber die Arbeiter sind in unterschiedliche Länder aufgeteilt, also hoffen wir, dass die Kultur der Arbeiter internationalisiert werden kann. Wenn die ökonomische Befreiung so unglaublich wichtig sein soll, wie viel wichtiger muss dann erst die kulturelle Emanzipation für die Arbeiterklasse sein, im Sinne von «die Befreiung lesen und denken».

Arbeitet ihr mit anderen ähnlichen Organisationen in China zusammen?

Die Regierung organisiert einen Teil ihrer kulturellen Aktivitäten in Kulturzentren. Solche Zentren gibt es in jeder Stadt als Ort für Konzerte, Kino, Theater usw. Das Kulturzentrum in unserem Distrikt, vor allem der Leiter, unterstützt viele unserer Aktivitäten. Wir arbeiten zudem mit 20 unterschiedlichen Arbeitsgruppen und Einrichtungen der Universität in Peking zusammen, wo viele Studenten hinkommen und freiwillige Dienste anbieten. Wir arbeiten auch mit 20 Nichtregierungsorganisationen in ganz China, die im gleichen Bereich arbeiten wie wir. Wir haben auch Kontakte zu Massenmedien.

Zu Gewerkschaften haben wir wenig Kontakt. Aber gerade jetzt ist ein interessanter Moment. Die lokale Regierung hat eben erklärt, uns bei der Gründung einer gemeindebasierten Gewerkschaft unterstützen zu wollen. Das kam ganz plötzlich vor ein paar Wochen. Ich war unterwegs, als mich meine Kollegen informierten, wir hätten gerade mit Unterstützung der Lokalregierung eine Gewerkschaft gegründet. Zunächst dachte ich, das wäre ein Scherz.

Wäre das nicht ein Wendepunkt, wenn die Arbeiter selbst die Gewerkschaften organisieren könnten?

Lin Zhibin: Darum darf man die chinesische Regierung nicht über einen Kamm scheren. China hat eine große Bevölkerung, und es gibt viele Möglichkeiten.

Wie hat sich die neoliberale Ökonomie allgemein auf die sozialen Beziehungen in China ausgewirkt?

Heute dreht sich alles ums Kapital. Wenn du einen Job mit einem hohen Einkommen hast, wirst du respektiert, sonst nicht. Selbst auf dem Land sind die alten Traditionen obsolet geworden. Es geht nur noch ums Geld. Die Menschen sind sehr vereinzelt, weil sie im Wettbewerb mithalten und Profit machen müssen – individualisiert, um dem kapitalistischen Ideal zu entsprechen.

Der Sozialismus hat in Russland und China versagt, aber wir können die erfolgreichen Aspekte der Geschichte der sozialistischen Länder nicht leugnen. Von diesen Aspekten sollten wir ebenso lernen, wie wir aus dem Versagen unsere Lektion lernen sollten. Wir sollten auch die neuen sozialistischen Bewegungen in Lateinamerika betrachten, als eine Hoffnung, eine Alternative.


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