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Rassismus und Islamophobie

Der neue, kulturelle Rassismus braucht die Verteufelung des „Islam an sich“.
von Alex de Jong

Im Jahr 2002 machte der niederländische Populist, Geert Wilders, noch einen Unterschied zwischen «guten Muslimen», deren Religion man respektieren müsse, und einer Minderheit fanatischer Fundamentalisten. Mittlerweile behauptet er,  der Islam sei an sich totalitär und der Koran ein faschistisches Buch.

Dies sei kein Rassismus, da Muslime ja keine «Rasse» seien; es gehe nur um «Religionskritik». Diese Entgegensetzung geht an der Art und Weise, wie Rassismus funktioniert, vorbei.

«Rasse» ist ein biologischer Begriff, der auf unterschiedliche Menschengruppen nicht anwendbar ist. Im 19.Jahrhundert kam in Europa der sog. «wissenschaftliche Rassismus» auf, der versuchte, den Begriff «Rasse», auf Menschen zu übertragen. Menschen wurden auf der Grundlage äußerlicher Kennzeichen in verschiedene Rassen eingeteilt. Heute ist die Vorstellung, dass es möglich sei, Menschen in biologische Rassen zu unterteilen, nicht mehr populär. Die Verbrechen der Nazis haben sehr dazu beigetragen, dass das, was einst in der westlichen Welt eine weitgehend geteilte Auffassung war, diskreditiert wurde.

Bevor Rassismus biologisch begründet wurde, wurden die Argumente für die angebliche Unterlegenheit von «Negern» und anderen kolonisierten Völkern aus der Bibel entnommen. Als die religiöse Begründung von Diskriminierung ihre Anziehungskraft verlor, bedeutete dies nicht das Ende der Diskriminierung: es wurden nur neue, angeblich «wissenschaftliche» Argumente für das Festhalten an alten Hierarchien aufgelegt.

Etwas ähnliches passiert derzeit: Die biologische Argumentation mit der Zuordnung zu «Rassen» ist diskreditiert, an ihre Stelle tritt nun ein Diskurs über «Kulturen» und «kollidierende Zivilisationen». Ein Rassist ist nicht nur jemand, der an eine biologisch festgelegte Rangordnung zwischen verschiedenen Menschengruppen glaubt. Den Begriff so wörtlich zu nehmen, entleert ihn seiner Bedeutung. Es ist, als ob man behaupte, Araber könnten keine Antisemiten sein, weil sie ja selber, wie die Juden, Semiten sind.

Ein Rassist ist jemand, der an eine natürliche, gegebene und unveränderliche Ungleichheit zwischen Menschengruppen glaubt.  Die «neuen Sündenböcke», die Opfer des neuen Rassismus in Europa, sind größtenteils Muslime. Anstelle von Rassen wird nun von einem unversöhnbaren Unterschied zwischen der europäischen oder westlichen Kultur – die gleichgesetzt wird mit Demokratie – und der Kultur der Muslime gesprochen.

Der Begriff «Islamophobie» bezeichnet die Feindschaft gegen alles, was als islamisch gilt. Dieser Begriff hat heftige Reaktionen hervorgerufen. Daniel Pipes, ein rechtsgerichteter US-amerikanischer Nahost-Kommentator, lehnt den Begriff ab, weil er angeblich zwei Dinge vermengt: die Feindschaft gegen den Islam mit der Kritik am politischen Gebrauch des Islam. Einen Begriff abzulehnen und wieder von vorn anzufangen, weil mit ihm Missbrauch betrieben werden kann, bringt uns jedoch nicht weiter.

In seiner heutigen Form wurde der Begriff Islamophobie durch eine Veröffentlichung des Runnymede Trust, eines britischen antifaschistischen Thinktanks, eingebürgert (Islamophobia: A Challenge for Us All [Islamophobie – eine Herausforderung für uns alle]). Nach dieser Definition handelt es sich um Islamophobie, wenn die islamische Religion als ein monolithischer Block betrachtet wird. Denn das impliziert die Vorstellung, es gebe nur eine Auslegung der islamischen Religion, die von allen Gläubigen geteilt würde.

Ein zweites Merkmal von Islamophobie ist die Vorstellung, es gebe eine unüberbrückbare Kluft zwischen «dem Islam» und dem Rest der Welt, die ein Zusammenleben mit anderen Kulturen unmöglich mache.
Drittens behauptet Islamophobie, der Islam sei gegenüber der westlichen Zivilisation minderwertig, weil besonders barbarisch, gewalttätig und sexistisch.

Zusammen bilden diese Kriterien eine gute Beschreibung des Diskurses, den wir heute von bestimmten Politikern zu hören bekommen – Geert Wilders ist ein typischer Vertreter davon. Die Vorstellung, es gebe eine unüberbrückbare Kluft zwischen der «westlichen Zivilisation» und «dem Islam» (der damit implizit als eine Form der Barbarei betrachtet wird) besteht, zeigt sich allerdings schon am beinah routinemäßigen Gebrauch des Begriffs «jüdisch-christliche westliche Zivilisation», die angeblich mit islamischen Traditionen unvereinbar sein soll.


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