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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Sarrazins Lügen und Legenden

Ein Kleinbürger dreht durch
von Paul B. Kleiser

Deutschland schafft sich ab ist mitnichten eine historische Entdeckung, vielmehr strotzt es vor Klischees, Übertreibungen und Stimmungsmache.

Wochenlang überlagerte die Debatte um Thilo Sarrazins Buch Deutschland schafft sich ab alle anderen politischen Themen. Presse und Medien stürzten sich im Sommerloch auf den hunderttausendfach verkauften Bestseller und puschten die Auflage in unerwartete Höhen, Bild und Spiegel warfen Vorabdrucke unters Volk.

Man könnte meinen, ein Genie habe eine historische Entdeckung gemacht – dabei wirft der Autor nur ein marktradikales, rassistisches und von zahllosen Klischees, Vorurteilen, Fälschungen und Übertreibungen strotzendes Machwerk auf den Markt. Angeblich werden Tabus hinsichtlich der Kriminalitätsraten, der Sprachprobleme, der Ghettobildung, der Gefahren des Islam oder der importierten türkischen oder arabischen Patriarchatskulturen gebrochen und eine «unaufschiebbare» Debatte angestoßen.

In Wirklichkeit geht es darum, Stimmung gegen «Ausländer» zu machen. Doch «der Ausländer» ist bei Sarrazin – ähnlich wie bei anderen Rechtsradikalen – ein reines angstbesetztes Fantasieprodukt. Die «falschen» Frauen bekommen Kinder Das britische Wirtschaftsmagazin The Economist brachte die Grundideologie des Buches auf den Punkt: «Im Kern lautet Sarrazins Argument, dass die richtige Sorte deutscher Frauen [nämlich die Akademikerinnen] zu wenig Kinder bekomme und die falsche – Musliminnen und andere Mindergebildete – zu viele. Die Folge sei, dass Deutschlands Bevölkerung nicht nur schrumpft, sondern auch dümmer wird.»

Und weil sie dümmer wird – so folgert der Autor – fällt sie im weltweiten Konkurrenzkampf zurück und wird immer ärmer. Wie umnachtet der Mann ist, sieht man schon daran, dass derzeit die deutschen Konzerne gerade erfolgreich ihre Konkurrenz – vor allem in der EU – ins wirtschaftliche Abseits drängen und immer größere Anteile am Weltmarkt erobern. Doch das tut nichts zur Sache – «der Jude wird verbrannt» (Lessing).

Da Migrantinnen viel mehr Kinder bekommen als Deutsche, komme es zu einer Entwicklung «wie im Kosovo»: Die Deutschen werden wegen der viel höheren Geburtenrate der Migrantinnen eine Minderheit im eigenen Land. Zum wirtschaftlichen Absturz tritt also noch die demografische Katastrophe hinzu (der nächste neoliberale Gemeinplatz): «Ich möchte nicht, dass das Land meiner Enkel und Urenkel zu großen Teilen muslimisch ist, dass dort über weite Strecken Türkisch und Arabisch gesprochen wird, die Frauen ein Kopftuch tragen und der Tagesrhythmus vom Ruf der Muezzine bestimmt wird.» Sarrazin zitiert den deutsch-türkischen Unternehmer Vural Öger, der vor türkischen Unternehmern gesagt haben soll: «Im Jahr 2100 wird es in Deutschland 35 Millionen Türken geben. Die Einwohnerzahl der Deutschen wird bei ungefähr 20 Millionen liegen.»

Leuten wie Sarrazin kann man nur schwer mit rationalen Argumenten beikommen. Selbst der Bezirksbürgermeister von Neukölln und SPD-Parteigenosse Buschkowsky nannte Sarrazin «beratungsresistent». In der Debatte kommt es darauf an, den Blödsinn auseinanderzunehmen und auch den sozialpsychologischen Hintergrund zu verstehen, auf dem diese Sumpfpflanze gedeihen kann und Zuspruch findet.

Schwere Krisen des Kapitalismus (wie in den 1880er und 1930er Jahre) haben regelmäßig dazu geführt, dass die Krisenursachen nicht im System gesucht, sondern Sündenböcke ausfindig gemacht wurden. Immerhin haben nun – bei (allerdings dubiosen) Meinungsumfragen – 56% der deutschen Bevölkerung Zustimmung zu Sarrazins Thesen signalisiert; unter FDP-Anhängern sollen es sogar 80% gewesen sein. Zum Glück ist Sarrazin zu sehr deutscher Beamter, als dass er die Rolle eines Geert Wilders als rechtspopulistischer Rattenfänger übernehmen könnte.

Zuwanderung rückläufig

Seit Jahren nimmt die Zuwanderung von Türken und Kurden ab. Nicht nur das: Kamen im vergangenen Jahr 30.000 türkische Staatsbürger nach Deutschland, verließen 40.000 die BRD (dies gilt laut Bericht des Bundesamts für Migration für alle Migrantengruppen). Anscheinend ist das deutsche Hartz-IV-System, dessen Attraktivität Sarrazin breit auswalzt und für die Migranten sogar noch aushebeln will, nicht besonders anziehend.

Sarrazins Überfremdungsängste werden auch durch die Geburtenzahlen widerlegt: Diese sinken in der Türkei seit den 80er Jahren, aktuell liegen sie dort gleichauf mit denen in Frankreich. In Deutschland ist der Migrantenanteil an den Geburten von 11,9% im Jahr 1990 auf 5% im Jahr 2008 gesunken. Spätestens in der dritten Generation – das zeigen alle internationalen Erfahrungen – gibt es keine Unterschiede mehr im Fortpflanzungsverhalten zwischen den «Einheimischen» und den «Zugewanderten».

Aber Sarrazin setzt einfach Zahlen in die Welt: Angeblich hätten mehr als 40% der deutschen Akademikerinnen keine Kinder – gemäß dem von ihm zitierten Bericht des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung sind es tatsächlich 23,9%.

Türken haben höheren Bildungsanspruch

Auch die Behauptung, der Islam sei ein Hindernis für eine gute Ausbildung, wird von den Fakten widerlegt: Die Zuwanderer aus Palästina, Irak, Iran oder Afghanistan erreichen deutlich bessere Abschlüsse als die deutsche Bevölkerung. Die Türken liegen (bei Abitur und Studium) etwa 2% unter der deutschen Quote, doch der Wunsch, durch gute Bildung sozial aufzusteigen, ist – wenn man ähnliche soziale Hintergründe miteinander vergleicht – deutlich ausgeprägter als in deutschen Familien. So sagt eine Studie des Mannheimer Zentrums für europäische Sozialforschung eindeutig: «Der Bildungsanspruch türkischer Familien ist höher als der von deutschen.»

Dass also vom Islam oder den islamischen Ländern eine (genetisch bedingte?) Gefahr der Verdummung ausginge, gehört ins Reich der rechten Legenden. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass diese Legende eine lange Tradition hat: Im deutschen Kaiserreich waren es zunächst die Katholiken, die man für bildungsunfähig und nicht staatstreu hielt, später dann die Ostjuden (in Großbritannien und in den USA waren es die Iren).

Auch die abgeschmackten Kostenrechnungen, die Sarrazin hinsichtlich der Zuwanderung vornimmt («Die letzten Jahrzehnte haben gezeigt, dass die finanziellen und sozialen Kosten der muslimischen Einwanderung weitaus höher waren als der daraus fließende wirtschaftliche Ertrag»), missachten eine volkswirtschaftliche Gesamtrechnung (denn dann wäre das krude Weltbild futsch). Sie berücksichtigen nur die Ausgaben des Staates (bzw. des Landes Berlin) ohne zu beachten, dass aufgrund des niedrigeren Altersdurchschnitts bei Immigranten deren Anteil an der Zahlung von Steuern, Abgaben und Rentenbeiträgen größer ist.

Antiislamische Ressentiments

Die ganze Debatte ist aber nicht nur vor dem Hintergrund der in Deutschland und in den westlichen Gesellschaften weit verbreiteten Ressentiments gegen «Ausländer» zu sehen, ihre Wurzeln ruhen auch in dem seit dem 11.September 2001 massiv gestärkten «Antiislamismus». In rechten Kreisen hat dieser Antiislamismus die Nachfolge des Antikommunismus angetreten, er ist eine Art neuer Endkampf zwischen dem Reich der Aufklärung und dem der Finsternis.

Dieser Import aus den USA hat auch in Deutschland viele Anhänger gefunden, so Henryk M. Broder, Ralph Giordano oder auch Necla Kelek, die Sarrazin bezeichnenderweise beigesprungen ist (Faz, 30.8.10), von den «Antideutschen» erst gar nicht zu reden. So schrieb Necla Kelek in ihrem neuesten Buch: «Ich bin zu der Erkenntnis gelangt, dass der Islam, so wie er sich in seinem politischen Kern heute darstellt und repräsentiert, nicht in eine demokratische Gesellschaft zu integrieren ist.» Sarrazin nimmt den Ball auf und betont, für ihn sei entscheidend, dass «Europa seine kulturelle Identität als europäisches Abendland [wozu der Islam natürlich nicht gehört] wahrt … Dieses Europa der Vaterländer ist säkular, demokratisch und achtet die Menschenrechte [mitnichten, wie man beispielsweise am Umgang mit Flüchtlingen gut beobachten kann].»

Was aber folgt daraus? Sollen Muslime deportiert werden und wenn ja, wohin? Will man sie in Ghettos sperren? Oder brauchen wir Umerziehungsanstalten – aber was ist dann mit den Genen? So viele unbeantwortete Fragen. Der Islam – verkünden unsere fanatischen «Aufklärer» – habe keine Aufklärung gekannt und es gebe dort keine Trennung von Staat und Religion. Einige versteigen sich sogar dazu, in der Nachfolge des Nazi-Kronjuristen Carl Schmitt von einem Weltbürgerkrieg zwischen westlicher Zivilisation und islamischer Barbarei zu schwadronieren. Denn «die Scharia» sei eine vom Staat unabhängige Instanz der Rechtsetzung und man müsse sich als gläubiger Muslim entscheiden, dem Koran zu gehorchen oder dem Grundgesetz. Aber steht nicht auch für Christen die Bibel höher als das Grundgesetz? Und wie sieht es hierzulande mit der Trennung von Staat und Kirche aus?

Diese direkte oder insgeheime Beschwörung einer letztlich «christlichen Leitkultur» stammt ursprünglich aus evangelisch-fundamentalistischen Kreisen des US-amerikanischen Protestantismus, die (wie vordem die «Gott gemordet habenden» Juden) das islamische Drittel der Weltbevölkerung zu ihren Werten bekehren möchte. Von dieser «Leitkultur» (Leidkultur?) hat der Hugenotte Sarrazin (mit gemäß seinem Namen islamischen Wurzeln, also Selbsthass?) eine kräftige Prise abgekriegt.


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