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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 11/2010 |

Abdullah Öcalan: Jenseits von Staat, Macht und Gewalt

Köln: Mesopotamien Verlag, 2010
573 Seiten, 15 Euro
von Ulf Petersen

In den letzten 10 bis 15 Jahren findet ein Prozess der Umwandlung der PKK zu einer antinational, antistaatlich, feministisch und ökologisch orientierten Bewegung statt. Treibende Kraft ist dabei der politische Führer Abdullah Öcalan, der seit seiner Entführung durch den türkischen Geheimdienst 1999 in Einzelhaft auf der Gefängnisinsel Imrali lebt.

Er sucht in seinen umfangreichen Gefängnisschriften nach einem Ausweg aus der ideologischen und praktischen Sackgasse des bewaffneten Kampfes für nationale Befreiung: «Wenn ich mich in einer Weise schuldig gemacht habe, dann deshalb, weil auch ich durch die Macht- und Kriegskultur infiziert wurde. Ich wurde Teil dieses Spiels, weil ich mit beinahe religiöser Überzeugung geglaubt habe, dass um Freiheit zu erlangen, ein Staat und dafür wiederum ein Krieg nötig sei. Vor dieser Krankheit konnten sich nur wenige Freiheitskämpfer retten, die sich im Namen der Unterdrückten aufgemacht haben.»

Um die Wurzeln der «Krankheit» zu finden, geht Öcalan weit in die Menschheitsgeschichte zurück. Er sieht sie vorrangig in der Unterdrückung der Frau: «Die Frau wurde aus der natürlichen Gesellschaft herausgerissen und geriet in eine nahezu vollständige Sklaverei. Alle anderen Formen von Sklaverei und Knechtschaft entwickelten sich als Folge der Versklavung der Frau … Sie [die patriarchalische Konterrevolution] hat in der Mentalität von Mensch und Gesellschaft derart fest Wurzeln geschlagen, dass wir immer noch weit davon entfernt sind, sie auch nur ansatzweise zu überwinden. Immer noch beherrschen uns die sumerischen Priester. Die staatlichen Institutionen, die sie erfanden und die Götter, die sie als Ausdruck für deren Legitimation erdachten, lenken uns weiterhin, und wir folgen ihnen blind.»

Der Staat ist für Öcalan ein Strukturprinzip, das wie Gott im Singular gedacht werden muss. Sein Schlüsselbegriff der natürlichen Gesellschaft (vor der Etablierung von  Patriarchat, Klassen und Staat) ist an den Begriff der «organischen Gesellschaft» des US-amerikanischen Anarchisten Murray Bookchin angelehnt, dessen Buch Ökologie der Freiheit 1982 auf deutsch erschien.

Öcalans positive Begriffe Demokratie und Kommunalismus (an wenigen Stellen auch Sozialismus) bleiben unscharf. Der Text ist wie eine sich in Kreisen bewegende Meditation über die Grundthese, dass wir uns in einem tieferen Sinne immer noch von den sumerischen Priestern beherrschen lassen.


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