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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Don Winslow: Tage der Toten

Frankfurt: Suhrkamp, 2010, 689 S., 14,95 Euro
von Udo Bonn

In den letzten Monaten werden vermehrt Meldungen veröffentlicht, nach denen das mexikanische Militär schwere Schläge gegen die einheimischen Drogenkartelle führt und der Staat erstmalig seit dem Beginn des von Präsident Calderón 2006 ausgerufenen Drogenkrieges in der Offensive ist.
Wer Don Winslows Thriller Tage der Toten liest, wird solchen Meldungen zumindest misstrauisch gegenüberstehen, zu komplex sind die politischen, ökonomischen und persönlichen Geflechte, zu weit ragen sie über die unmittelbar handelnden mafiösen Strukturen und Gangster hinaus, um der Verhaftung von Kartellbossen mehr abzugewinnen als die Tatsache eben dieser Verhaftung.

Don Winslows Roman geht zurück in die 70er Jahre, New York. Die alten Geschäfte der italienischen Mafia laufen nicht mehr so richtig, aber ins Drogengeschäft einzusteigen ist ihr zu gefährlich. Auch wenn die Behörden korrupt sind, bei Drogen hört der Spaß auf. Und doch verbünden sich abtrünnige Gangster aus dem zweiten Glied mit irischen Kleinkriminellen, um von dem Geschäftszweig der Zukunft zu profitieren.

In Mexiko erlebt der Drogenfahnder Art Keller, früher ein CIA-Mann und jetzt unwillkommener Agent bei seinen neuen Kollegen der DEA, wie das Sinaloa-Imperium des Don Pedro ökonomisch und militärisch vernichtet wird, dabei werden keine Gefangenen gemacht. In Mexiko und in den USA heißt es nun: Es gibt kein Drogenproblem mehr im Mexiko.

Keller glaubt dieser Propaganda nicht und arbeitet verdeckt weiter. Über die Jahre erfährt er, dass der hohe Sicherheitsbeauftragte des Gouverneurs von Sinaloa, Tio Barrera mittlerweile die Seiten gewechselt hat, neue Strukturen des Transports aufgebaut hat (der Anbau findet jetzt in Kolumbien statt) und die US-amerikanische Seite nicht umsonst schweigt: In ihrem Kreuzzug gegen die Linke in Zentral- und Lateinamerika werden Bündnisse mit den Narcotraficantes eingegangen, um die Todesschwadronen und Contras mit Waffen und Geld zu versorgen.

Kellers Untersuchungen und vorübergehende Erfolge, nach einem bestialischen Mord an einem seiner Kollegen von Hass vorangetrieben, führen am Ende zu immer mehr Opfer unter Menschen, die ihm helfen wollen. Und gelingt ihm der große Schlag gegen die Köpfe der Kartelle, steht schon die nachwachsende Generation bereit, mit neuen Marketingstrategien den Drogenfluss in die USA zu garantieren und zu optimieren. Eine neue Generation ohne irgendwelche Skrupel und Ehrgefühl. Wer sich ihr entgegenstellt, wird vernichtet. Wer von ihren politischen Verbündeten zum Freiwild erklärt wird, wird verraten, auch wenn diesen Menschen gegenüber größter Respekt oder Liebe empfunden wird.

Ein großartiger Roman aus dem wahren Reich des Bösen, oder wie James Ellroy kommentiert: «Winslow ist einfach der Hammer.»


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