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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 11/2010 |

Eine kleine Geschichte der Anti-AKW-Bewegung

Wie alles anfing
von Thadeus Pato

Die Ursprünge der Anti-AKW-Bewegung liegen im Protest der 50er Jahre gegen die nukleare Aufrüstung. In Großbritannien organisierte das Direct Action Committee Against Nuclear War gewaltfreie Aktionen und war der Vorläufer der Campaign for Nuclear Disarmament (CND). Diese organisierte Ostern 1958 den Marsch zum Atomforschungszentrum Aldermaston. Das war der Beginn der Ostermarschbewegung.
In Deutschland richtete sich die entsprechende Initiative gegen die nukleare Aufrüstung der Bundeswehr – Adenauer sagte damals: «Taktische Atomwaffen sind nichts weiter als die Weiterentwicklung der Artillerie» – bzw. gegen die atomare Bewaffnung im Allgemeinen. Die Bewegung, die ab 1960 Ostermärsche durchführte, hatte öffentlichkeitswirksame, weil allgemein angesehene Fürsprecher – das waren in Deutschland der Physiker Otto Hahn, in den USA Robert Oppenheimer.

Die Anlagen zur zivilen Nutzung der Atomenergie waren in ihrer Anfangszeit noch nicht Gegenstand von massenhaftem Widerstand. Erst als die ersten schweren Unfälle ruchbar wurden und inzwischen auch die gesundheitlichen Gefahren radioaktiver Strahlung zutage traten, kam es zu einem Bewusstseinswandel.

Die Anfänge der Anti-AKW-Bewegung

Die Ausbreitung der zivilen Nutzung der Atomkraft vollzog sich in zwei Schüben. Zunächst begann sie in den 50er Jahren. Vor der UNO verkündete am 8.12.1953 US-Präsident Eisenhower: «Die USA sind davon überzeugt, dass die friedliche Nutzung der Atomenergie kein Zukunftstraum ist.» Das erste zivile Kernkraftwerk der Welt wurde 1954 im russischen Obninsk in Betrieb genommen, es hatte 5 MW Leistung. 1956 ging mit Calder Hall in England das erste kommerzielle AKW mit 55 MW ans Netz.

In Deutschland entstand das erste AKW in Kahl (16 MW), es nahm 1960 seinen Betrieb auf, dann kam der Forschungsreaktor Karlsruhe (1965). In der DDR ging Rheinsberg 1966 ans Netz. Grundremmingen (1966) und Obrigheim (1968) folgten in der BRD.

Der zweite Schub kam ab 1973 mit der sog. Ölkrise. Gigantomane Pläne wurden daraufhin entworfen: Die Atomenergiebehörde der USA präsentierte 1973 ein Konzept, nach dem weltweit 24000 AKWs gebaut werden sollten, in der BRD sahen die ersten Planungen 600 AKWs und 35 Wiederaufbereitungsanlagen vor, in der DDR 15 AKWs. Dagegen entwickelte sich zunächst Widerstand in den USA, aber auch in Frankreich. Die ersten Bürgerinitiativen wurden in Paris bereits 1968 gegründet, und während in Deutschland Teile der radikalen Linken noch bis Mitte der 70er Jahre diskutierten, ob unter anderen gesellschaftlichen Umständen die Nuklearenergie nicht doch sinnvoll zu nutzen, verkündete in Frankreich die Ligue Communiste Révolutionnaire bereits die grundsätzliche Ablehnung der Kernenergie.

Der entscheidende Schub

Ab 1972 gab es auch in Deutschland Initiativen gegen die Atomenergie. Aber erst im Jahr 1975 kam es zu einer denkwürdigen Aktion: Eine Allianz aus Bauern, Winzern, Umweltschützern und linken Aktivisten, insgesamt rund 28000 Menschen aus der Schweiz, Österreich, Frankreich und Südwestdeutschland besetzten den Bauplatz des geplanten AKW Wyhl am Kaiserstuhl.

Diese Aktion war der Startschuss für eine der größten und gesellschaftlich wirkungsmächtigsten Bewegungen im Nachkriegsdeutschland. Und sie bezog ihre Schubkraft auch daraus, dass sie mit einem Erfolg startete: Wyhl wurde nicht gebaut, die Landesregierung knickte vor der Bewegung ein. Das war sozusagen die Initialzündung für die nachfolgenden erbitterten, von Seiten der Staatsmacht mit beispielloser Härte geführten Kämpfe um Atomkraftwerke allüberall – zu nennen sind hier vor allem Brokdorf, Grohnde und der Schnelle Brüter im niederrheinischen Kalkar.

Das Jahr 1977 war das Jahr der Anti-AKW-Bewegung. In diesem Jahr hatte sie allerdings auch ein Todesopfer zu verzeichnen: Bei den Demonstrationen gegen den Schnellen Brüter in Malville starb der Franzose Vital Michalon an der Explosion einer Gasgranate, zahlreiche Schwerverletzte waren zu beklagen.
Auch in Deutschland versuchte die Staatsmacht, die Bewegung zu kriminalisieren.

Das scheiterte jedoch daran, dass diese inzwischen eine sehr breite Basis gewonnen hatte. Und so wurden seither keine neuen AKWs mehr geplant bzw. genehmigt. Nach einem gewissen Rückgang der Bewegung zu Beginn der 80er Jahre kam es 1988 zum dritten großen Erfolg der deutschen Antiatombewegung nach Wyhl und Kalkar: Die geplante Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf in der Oberpfalz scheiterte am bayern- und bundesweiten Widerstand – der Betreiber, die VEBA, zog sich zurück. Die Katastrophe von Tschernobyl 1986 hatte für den Kampf um Wackersdorf wesentliche Bedeutung: Gerade Ostbayern war (und ist) vom Fallout des explodierten Reaktors mit am stärksten betroffen.

Internationale Erfolge

Österreich beschloss als erstes Land weltweit bereits 1978 nach einem Volksentscheid den Ausstieg aus der Atomenergie; das bereits fertiggebaute AKW Zwentendorf ging nicht in Betrieb. Das Beispiel machte auch in anderen Ländern Schule: In Irland, Norwegen, Dänemark und den Philippinen wurde das geplante Atomprogramm von der Anti-AKW-Bewegung in den 80er und 90er Jahren gekippt. Kuba stellte den Bau seines einzigen Reaktors ein.

Aber es gab auch in vielen anderen Ländern militante Auseinandersetzungen mit Demonstrationen, Besetzungen und Sabotage von Baustellen von Atomanlagen: In den 70er und 80er Jahren fanden solche Kämpfe in den USA, Japan, Südkorea, Taiwan, Australien (wegen des Urantagebaus), Südafrika, Spanien, England, Schweden, Italien, Schweiz und Frankreich statt. Diese Kämpfe waren die Voraussetzung dafür, dass in einer Reihe von Ländern (s.o.) anschließend die Atomkraft politisch nicht mehr durchsetzbar war.

Und der Widerstand geht weiter. Die jüngste Meldung kam dieses Jahr aus Australien: Die Gewerkschaft der Elektrizitätsarbeiter hat ihren Mitgliedern aus Gründen des Gesundheitsschutzes die Arbeit in den Uranminen untersagt.

Zukunftsaussichten

Es ist das Verdienst der Anti-AKW-Bewegung, die derzeit einen Aufschwung erlebt, dass nach wie vor eine stabile Mehrheit der Bevölkerung die Nukleartechnologie ablehnt. Der aktuell anschwellende aktive Widerstand an den AKW-Standorten im ganzen Bundesgebiet – in Gorleben, Biblis, Bayern, Wolfenbüttel und anderswo – als Reaktion auf die geplanten Laufzeitverlängerungen, das Ende des Gorleben-Moratoriums und die Skandale in der Asse und in Schacht Konrad beweist, daß die Anti-AKW-Bewegung nichts von ihrer gesellschaftlichen Wirkungsmacht verloren hat.

Und, was besonders wichtig ist: Eine neue Generation von jungen Aktivisten betritt die Bühne. Die Hoffnung der Atomlobbyisten, dass sie mit der Mär vom Klimaschutz durch «saubere Atomenergie» die öffentliche Meinung kippen könnten, ist vergeblich. Die Herrschenden haben sich verrechnet. Sie werden es zu spüren bekommen.


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