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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 11/2010 |

Serie zur Krisentheorie: III.Unterkonsumtion

Von der Konsumankurbelung zum Börsenkrach und zur ökologischen Krise
von Ingo Schmidt

In der SoZ vom September 2010 haben wir eine Serie zur Krisentheorie und Krisenpolitik begonnen. Alle Beiträge der Serie gehen jeweils einem Strang der marxistischen Theorie nach und klopfen ihn auf seine historische und aktuelle Relevanz ab.

Bislang haben wir Theorien vorgestellt, die von hohen Lohn- bzw. Kapitalkosten auf sinkende Profitraten und schließlich rückläufige Investitionen und allgemeine Wirtschaftskrise schließen. Mit der Unterkonsumtionstheorie wenden wir uns jenen Theorien zu, die sich weniger um die Produktion von Mehrwert bzw. Profit drehen als um das Problem, die produzierte Ware am Markt abzusetzen.

In der II.Internationale galt es als ausgemacht, dass die kapitalistisch entwickelten Produktionskapazitäten die Absatzmöglichkeiten übersteigen und deshalb zu Absatzkrisen führen. Solche Auffassungen wurden durch die tägliche Anschauung bestätigt – von den frühen 1870er bis in die frühen 1890er Jahren machte der Kapitalismus seine erste Große Depression durch – und vom SPD-Vorsitzenden Bebel mit «der große Kladderadatsch» übersetzt.

Wer es theoretisch anspruchsvoller haben wollte, bediente sich bei Marx. Dieser hatte in Band III des Kapitals davon gesprochen, dass die «Konsumtionskraft auf Basis antagonistischer Distributionsverhältnisse … die Konsumtion der Massen auf ein nur innerhalb mehr oder minder enger Grenzen veränderliches Minimum reduziert.»

Während Parteitheoretiker sich über die Interpretation solcher kryptischen Formulierungen den Kopf zerbrachen und Aktivisten auf den Kladderadatsch warteten, erholte sich die Akkumulation ab Mitte der 1890er Jahre zusehends. Diese neue Erfahrung führte zu verschiedenen Theorien eines krisenfreien Kapitalismus, wie sie insbesondere von den Revisionisten in der SPD und den legalen Marxisten in Russland vertreten wurden. Erst aus der Kritik ihrer Theorien entwickelte sich eine einigermaßen konsistente marxistische Unterkonsumtionstheorie. Entscheidende Argumentationsschritte kamen von Rosa Luxemburg.

Fehlende Massenkaufkraft

Die Revisionisten um Eduard Bernstein bauten auf die Kooperation von Industriellen und Gewerkschaften. Sie sollten sich auf steigende Löhne verständigen, damit die inländische Kaufkraft fördern und den Staat von seiner imperialistischen Politik äußerer Expansion abbringen. Sozialstaat gegen internationales Finanzkapital war ihre Strategie.

Mit Gewerkschaften, Massenkaufkraft und Sozialstaat hatten Russlands legale Marxisten weniger am Hut. Dass die Konsumtion der Massen auf ein wenig veränderliches Minimum reduziert sei, war ihnen eine selbstverständliche Voraussetzung der Industrialisierung in Russland. Absatzprobleme waren für sie unvorstellbar, weil die staatlich geförderte und durch den Zustrom ausländischen Kapitals zusätzlich angetriebene Industrialisierung mit einer hohen Nachfrage nach Investitionsgütern einherging. Solange sich die Kapitalisten ihre Waren in Form von Produktionsmitteln gegenseitig abkauften, war ihr Absatz von Massenkaufkraft und Konsum unabhängig.

Deutschen und anderen Revisionisten in Westeuropa hielt Luxemburg (1913) entgegen, dass dem Kapital im beharrlichen Tageskampf Zugeständnisse abgerungen werden könnten, eine Festlegung auf dauerhafte Kooperation und Ausweitung der Massenkaufkraft aber auf ebenso heftigen Widerstand stoßen würde wie revolutionäre Bestrebungen der Arbeiterbewegung. Die Erzwingung des Sozialstaats setze ebensoviel Macht voraus wie der Übergang zum Sozialismus. Solange es der Arbeiterbewegung an dieser Macht jedoch fehle, seien dauerhafte und substanzielle Lohnsteigerungen und die damit verbundene Ausweitung der Massenkaufkraft nicht durchsetzbar.

Gegen die legalen Marxisten wandte sie ein, dass der Aufbau industrieller Fertigungskapazitäten zwar vorübergehend zu einem von der Investitionsgüternachfrage getragenen Aufschwung führen könne, die dabei geschaffenen Produktionskapazitäten könnten aber irgendwann nur durch steigende Konsumgüternachfrage ausgelastet werden.

Den legalen Marxisten hielt sie als notwendig vor, was sie den Revisionisten gegenüber als unmöglich bezeichnete: eine steigende Konsumtionskraft der Massen. Sie löste das Paradoxon mit dem Argument, der Kapitalismus könne das Problem unzureichender Kaufkraft durch die Expansion in nichtkapitalistische Milieus lösen.

Wie weit solche Expansionsräume reichen bzw. wie lange Krisen durch industrialisierungsbedingte Investitionsaufschwünge verhindert werden könnten, war unter Luxemburgs Zeitgenossen heftig umstritten. Weltkrieg und Revolution drängten die ökonomischen Fragen allerdings bald in den Hintergrund.

Überkonsumtion

Paul Sweezy (1942) nahm den krisentheoretischen Faden Anfang der 40er Jahre wieder auf. Rückblickend auf die «Roaring Twenties» und auf die nachfolgende zweite Große Depression des Kapitalismus argumentierte er – dabei Marx’ These von der Verschiebung des Kapitaleinsatzes von den Löhnen zu den Produktionsmitteln aufnehmend –, die Produktionskapazitäten nähmen schneller zu als die aus Löhnen finanzierte Massenkaufkraft. Dabei hatte er sicherlich die Anlagen zur Massenproduktion vor Augen, die in den 20er Jahren in den USA entstanden, in denen die Arbeiter aber trotz Henry Fords berühmtem Fünf-Dollar-Tageslohn noch keineswegs zu ausgabenfreudigen Konsumenten geworden waren.

Erst mit dem Kaltem Krieg, der neokolonialen Durchdringung des globalen Südens und dauerhaft gestiegenen Staatsausgaben wurden Amerika und andere Ländern des Westens zu den Massenkonsumgesellschaften, die Propagandisten des American Way of Life in den 20er Jahren verkündet hatten.

Die Nachkriegsprosperität brachte die Themen Unterkonsumtion und Wirtschaftskrise in Vergessenheit. Nicht der Mangel an Kaufkraft, sondern die Entfremdung in einer kulturell gleichgeschalteten Konsumwelt wurden zum Gegenstand der Kritik (Marcuse 1967). In den 70er Jahren trat die ökologische Kritik an kapitalistischen Produktions- und Konsumnormen hinzu. Und seit den 80er Jahren gelten deregulierte Finanzmärkte samt der damit verbundenen Explosion kreditfinanzierten Konsums als Ursachen kapitalistischer Krisen (Altvater 1991).

Den Kapitalismus aus unterschiedlicher Perspektive analysierend, kamen diese Theorien zum Schluss, das Problem sei Überkonsumtion und nicht Unterkonsumtion. Unbestritten, zumindest auf der Linken, ist inzwischen, dass der Raubbau an der Natur die Lebensgrundlagen von Mensch und Natur untergräbt. Spekulation und schuldenfinanzierter Konsum werden mittlerweile sogar von der bürgerlichen Wirtschaftswissenschaft als Krisenursachen benannt.

Eine so verstandene Überkonsumtion steht, so paradox dies klingen mag, keineswegs im Widerspruch zur marxistischen Unterkonsumtionstheorie. Letztere erklärt ja nur, dass die kapitalistische Akkumulation eine Zunahme der Nachfrage benötigt, wenn Krisen vermieden werden sollen. Naturzerstörung und schuldenfinanzierter Konsum lassen sich vor dem Hintergrund dieser Analyse als Versuch der Krisenvermeidung verstehen. Der verschwenderische Umgang mit Ressourcen sorgt dafür, dass Produktionskosten und Preise unter den gesellschaftlichen Kosten liegen. Zulasten der Natur können Produktion und Absatz gesteigert werden; die vorübergehende Vermeidung der Unterkonsumtionskrise wird zur Ursache der ökologischen Krise.

In ähnlicher Weise erlaubt der Konsumentenkredit die Ausweitung der Konsumgüternachfrage über die Lohneinkommen hinaus. Auch hierdurch wird die Unterkonsumtionskrise hinausgeschoben. Durch die Akkumulation fauler Kredite lädt sich freilich das Potenzial für eine Finanzkrise auf. Der Versuch, die Unterkonsumtion durch Expansion in reale Natur- und virtuelle Finanzwelten zu vermeiden, hat demnach zu neuen Formen der kapitalistischen Krise beigetragen. Hierfür sind der Wall-Street-Crash 2008 und die Ölpest im Golf von Mexiko im Sommer dieses Jahres unübersehbare Beispiele.

E.Altvater, Die Zukunft des Marktes. Ein Essay über die Regulation von Geld und Natur nach dem Scheitern des «real existierenden Sozialismus», Münster 1991. R.Luxemburg, Die Akkumulation des Kapitals [1913], in: Gesammelte Werke, Bd.5, Berlin 1975.
H.Marcuse, Der eindimensionale Mensch, Darmstadt/Neuwied 1967. P.M.Sweezy, Theorie der kapitalistischen Entwicklung [1942], Frankfurt 1970.


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