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Umweltkatastrophe in Ungarn

Als wäre nichts geschehen: Trotz Giftschlamm wird weiterproduziert
von Angela Huemer

«Bei der MAL, Ungarische Aluminium AG, ist am 17.10.2010 die Produktion angelaufen. Sämtliche Produktionseinheiten arbeiten und die Herstellung aller Produkte wurde begonnen. Die Gesellschaft bedankt sich bei allen Lieferanten und Kunden, die in der schweren Situation Geduld aufgebracht und auch unter Opfern zu der MAL AG gehalten zu haben.»
In holprigem Deutsch teilt die Magyar Alumiun, die MAL AG, mit, dass sie nun wieder zum Alltag übergeht. Am 4.Oktober hatte die MAL AG Ungarns bislang größte Umweltkatastrophe angerichtet.

Die Entscheidung für die Produktionsaufnahme fiel durch die Regierung, denn nach dem desaströsen Krisenmanagement des Unternehmens wurde es zunächst einmal für zwei Jahre unter Regierungsverwaltung gestellt – eine mögliche Verstaatlichung wird jedoch dementiert. Für das Unternehmen verantwortlich ist derzeit der Leiter des ungarischen Katastrophenschutzes, György Bakondi. Grund für die Entscheidung sind sicher die 1100 Arbeitsplätze und eindringliche Hinweise der Firma darauf, wie groß die Verluste würden, wenn die Anlage länger still läge.

Auf die Frage, wohin denn der Giftschlamm nun geleitet werden soll, wo doch ein Becken geborsten und ein weiteres gefährdet ist, antwortet der Chemiker Herwig Schuster von Greenpeace Österreich, es gebe lediglich ein kleines Becken, das einigermassen sicher aussieht. Laut Angaben der ungarischen Regierung, so Schuster weiter, reicht dieses Becken jedoch nur drei Wochen lang. Das hätten Berechnungen ungarischer Experten ergeben. Genaueres weiß man nicht, denn die Informationspolitik der Regierung ist äußerst restriktiv.

Nach Schusters Ansicht werden Entscheidungen getroffen, obwohl nicht genügend Daten vorliegen. So gibt es keine Gutachten darüber, ob die Produktion nun sicher ist oder nicht. Nachdem Ungarn um internationale Hilfe gebeten hatte und allein aus Österreich zehn Experten ihre Hilfe angeboten hatten, ließ Ungarn nur jeweils fünfköpfige Delegationen der WHO und der EU zu.

Mehr noch. Als Greenpeace forderte, das Werk geschlossen zu halten, bis eine unabhängige und internationale Expertenkommission die Sicherheit aller MAL-Produktionsanlagen geprüft hat, reagierte die Regierung mit verschärften Bedingungen für unabhängige Messungen: nun ist dafür eine behördliche Genehmigung erforderlich. Denn unabhängige Organisationen haben Schadstoffwerte ermittelt, die deutlich über denen der offiziellen Messungen lagen.

Der Hergang

Am 4.Oktober barst der Damm eines der Becken, in das die MAL AG den Abfall ihrer Aluminiumproduktion, höchst giftigen Rotschlamm, leitete. Neun Menschen starben, 150 wurden verletzt und rund 40 Quadratkilometer Land der Ortschaften Kolontár und Devecser mit rund 700.000 Kubikmeter Schlamm verseucht.

Zunächst gab es trotz der vielen Opfer Beschwichtigungen sowohl von Regierungs- als auch Firmenseite. In der Pressemitteilung der MAL AG hieß es verharmlosend, «es ist wichtig zu wissen, dass Rotschlamm laut den Abfallnormen der EU kein gefährlicher Abfall ist» – Firmenchef Zoltán Bakonyi, der nach der Katastrophe einige Tage lang in Haft war, meinte sogar, der Schlamm sei nicht gefährlich, «nur eben baden sollte man nicht darin».

Erst durch die Messungen von Greenpeace wurde die wahre Gefährlichkeit des Schlamms deutlich – sie ergaben, dass er pro Kilogramm 110 mg Arsen (im gesamten ausgetretenen Schlamm also rund 50 Tonnen!), 1,3 mg Quecksilber und 660 mg Chrom enthält, ganz zu schweigen von weiteren giftigen Substanzen wie Nickel, Kadmium und Antimon.

Die Folgen

Während die MAL AG wieder voll produziert, wurde der Notstand bis zum Jahresende verlängert. 40 Quadratkilometer Land sind vollkommen verwüstet. Angst herrscht nun laut Herwig Schuster vor dem Feinstaub. Durch diesen können die Giftstoffe so richtig gut in den menschlichen Körper eindringen. Noch war das Wetter bislang gnädig, d.h. es war regnerisch, doch sobald der Schlamm richtig trocken wird, kann sich der Staub auch über die Katastrophenzone hinaus sehr gut verteilen. In der Ortschaft Kolontar wurden 250 Häuser abgerissen, die Wände der geborstenen Deponie werden irgendwann zusammenbrechen.

Die Umweltschäden werden derzeit auf mindestens 70 Millionen Euro geschätzt. Den Betroffenen hat die MAL AG 5,5 Millionen Euro Entschädigung zugesagt, die in den nächsten Jahren ausgezahlt werden sollen. Laut Schuster ein lächerlicher Betrag, der noch dazu aus dem Unternehmensvermögen kommen soll und nicht aus dem Privatvermögen der Firmeneigner.

Die beiden Hauptaktionäre Lajos Tolnay sowie Vater Árpád und Sohn Zoltán Bakonyi (bis vor kurzem Firmenchef) gehören zu den reichsten Ungarn und verfügen über zusammen ca. 100 Mio. Euro Privatvermögen – die Familie Bakonyi verfügt allein über 58 Millionen Euro und steht damit an 28.Stelle auf der Liste der reichsten Ungarn.

Árpád Bakonyi war laut Süddeutsche Zeitung reich geworden, als er sich Mitte der 90er Jahre an der «dubiosen Privatisierung der ungarischen Aluminiumindustrie» beteiligte. Unter dem alten Regime war er Beamter in der Schwerindustrie. Von der MAL AG besitzen die Bakonyis 30%.
Interessantes Detail am Rande: Laut Süddeutsche Zeitung hat sich Vater Bakonyi durch die Sanierung der staatlichen Chemiewerke Nitrokemia am Plattensee Lorbeeren verdient, 2007 wurde er dafür mit dem Staatspreis für Umweltschutz ausgezeichnet.


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