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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 12/2010 |

Castor Schottern: eine Bilanz

Wir haben Legitimität gewonnen
Azad Tarhan über seine Erfahrungen im Wendland

An der Aktion «Castor schottern» Anfang November haben sich Aktivisten aus ganz Deutschland beteiligt. Auch Azad Tarhan, jugendpolitischer Sprecher der LINKEN NRW, war beim Schottern dabei und zog für die SoZ Bilanz.

Azad Tarhan war in diesem Jahr zum ersten Mal bei den Castor-Protesten aktiv dabei. Die Aktion Schottern war für ihn «auf der ganzen Linie ein großer Erfolg». Das Schottern habe es als Aktionsform schon immer im Wendland gegeben, durch einen transparenten Aufruf und eine vernünftige Ankündigung konnten diesmal aber so viele Leute dafür gewonnen werden wie noch nie – dadurch habe sie einen politischen Stellenwert erreicht. Denn damit wurde gesagt: «Wir verstecken uns nicht mehr, wir machen das nicht mehr mit autonomen, und vielleicht klandestinen Strukturen, sondern wir sagen: Das ist legitim.»

Die Aktion hat der schwarz-gelben Regierung noch einmal vorgehalten, wieviele Menschen bereit sind, sich gegen sie zu stellen, gegen Atomkraft auf die Straße zu gehen, zu demonstrieren und sogar noch einen Schritt weiter zu gehen, sich den Polizisten in den Weg zu stellen und zu sagen: Wir wollen hier schottern und dafür sorgen, dass der Castor nicht durchkommt. «Durch diesen Akt haben wir jetzt eine bestimmte Art von Legitimität.»

Ein weiterer Erfolg war in Azads Augen, dass es der Polizei nicht gelungen ist, einen Keil zwischen die Protestierenden zu treiben. Auch die Ortsansässigen haben das beliebte Polizeispielchen: guter Demonstrant, böser Demonstrant, nicht mitgemacht. «Auf der Schienenblockade in Harlingen gab es Sprechchöre: ‹Blockieren, Schottern Hand in Hand, einig ist der Widerstand›.»

Auf die Frage, ob die Bewegung im Wendland schon immer alle Formen des Widerstands in so solidarischer Weise zugelassen habe wie in diesem Jahr, sagt er, das kann er nicht richtig beurteilen. Diesmal war es auf jeden Fall einzigartig – und zwar deshalb, weil es von außen so eine riesige Solidaritätswelle gegeben hat. «Die Solidaritätserfahrung der Leute vor Ort, die sehen, Externe kommen und helfen uns, hat schon dazu geführt, dass sie gesagt haben: Das ist ein legitimer Protest.»

Nach Angaben der Organisatoren von «Castor-Schottern» haben sich mehrere tausend an der Aktion beteiligt, Azad schätzt um die 500 aus dem Bereich der Linksjugend. Neben den politischen Erfolgen, die er benennt, bleibt natürlich die Frage: Hat die Aktion spürbar dazu beigetragen, den Castor aufzuhalten?

Den allermeisten Protestteilnehmern, antwortet Tarhan, war es völlig klar, dass es unwahrscheinlich ist, den Castor tatsächlich zu stoppen oder ihn gar nicht erst ins Wendland kommen zu lassen. Auf einer Gesamtstrecke von 150 Metern konnten die Schienen so weit unterhöhlt werden, dass der Castorzug nicht ohne weiteres passieren konnte. Azad hält es für ausgemacht, dass die Verzögerung von 92 Stunden, mit denen der Castor in Gorleben eingetroffen ist, ohne das Schottern nicht möglich gewesen wären. Durch das Schottern wurden außerdem Polizeieinheiten gebunden, die anderswo eine Blockade hätten räumen können.

Für viel wichtiger aber hält Azad die praktische Erfahrung der Vielfalt und des Zusammenwirkens der verschiedenen Aktionen über Tage hinweg, im Bündnis, mit einem gemeinsamen Ziel – das hält eine solche Bewegung über Jahre lebendig. Erreicht wurde, dass man der schwarz-gelben Regierung gezeigt hat, wieviele Menschen bereit sind, sich gegen sie zu stellen und gegen die Atomkraft auf die Straße zu gehen.

In NRW steht eine genaue Nachbereitung noch aus. Azad kann sich aber vorstellen, dass die Aktion eine «Strahlwirkung», im positiven, nicht radioaktiven Sinne, auch auf die Abgeordneten und die älteren Genossen ausübt. «Ich war mit der Abgeordneten Cornelia Möller unterwegs. Für sie war es sehr eindrucksvoll live mitzuerleben, wie die Leute immer wieder in mehreren Wellen auf die Schiene gegangen sind und versucht haben, dort weiter zu schottern, obwohl sie massiver Polizeigewalt ausgesetzt waren, sich aber trotzdem nicht dafür hergegeben haben, sich mit der Polizei zu prügeln, denn für alle war völlig klar: Unser Ziel ist die Schiene. Das war ein sehr eindrucksvolles Moment dieses Protests.»


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