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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 12/2010 |

Der Mythos der christlich-jüdischen Zivilisation

Goethe, ein Muselmann – Über die deutsche Leitkultur und die Rolle des Islam
von Peter-Anton von Arnim

Rassismus ist ein gesellschaftliches Gift, das sich am unteren Ende der Gesellschaft, bei den sog. Unterschichten, in Gewalt äußert gegen diejenigen, die man als «andersartig» abgestempelt hat, bis hin zur Tötung. Das dazugehörige ideologische Gift wird jedoch in scheinbar komplizierteren Formen zubereitet von Teilen der Oberschicht bzw. denen, die sich dazu rechnen.

Rassismus hat verschiedene Formen. Es gibt zum einen die Fremdenfeindlichkeit oder den Ausländerhass. Nazis rufen «Ausländer raus», und die Behörden sorgen dafür, dass es dann auch geschieht. Das Asylrecht, einst im Grundgesetz verankert in Erinnerung an das Asyl, das vielen Flüchtlingen vor dem in Deutschland herrschenden Naziregime von fremden Ländern gewährt wurde, darunter übrigens auch der Türkei, wurde praktisch abgeschafft, und zwar gerade von denen, die die Vortrefflichkeit des Grundgesetzes ständig im Munde führen.

Es gibt den Antisemitismus. Offiziell wird er von den Herrschenden geächtet. Aber Zustände wie im Nazireich werden von ihnen zum Teil noch immer befürwortet, wobei die damit verbundene Judenvernichtung schlicht «vergessen» wird.

Schließlich gibt es noch den Antiislamismus oder die Islamophobie. In Deutschland sind es vor allem die Herren Beckstein, Koch und Schäuble, die den Antiislamismus zu politischen Zwecken nutzen. Was in Deutschland lebende Muslime, also mehr als drei Millionen Menschen, besonders seit dem 11.9.2001 an täglichen Maßnahmen der Unterdrückung erdulden müssen, ist kaum zu beschreiben.

Den Islam kennen

Gewiss, das hässliche Gesicht dessen, was gemeinhin als Frucht des Islam gesehen wird, ist nicht zu leugnen. Die meisten sog. islamischen Staaten leiden unter Diktaturen, die sich wie selbstverständlich auf den Islam berufen, ohne damit viel zu tun zu haben. Willfährige Geistliche verkünden die islamische Scharia als Gottes geheiligtes Wort und fällen Schandurteile in deren Namen, ohne dem gemeinen Volk zu verraten, dass die Scharia, wie man sie heute kennt, erst 200 Jahre nach dem Tode des Propheten von Rechtsgelehrten geschaffen worden ist und dass im heiligen Koran das Wort Scharia nur einmal, in vier Ableitungen dann noch viermal, vorkommt und dort keineswegs «gesetzliche Regelung» bedeutet, sondern «Wegweisung», oder, wie es bei Goethe heißt, «die Richte».

Man kann die christlichen Kirchen nicht pauschal verantwortlich machen für den eliminatorischen Antisemitismus der Nazis. Aber wegen ihrer traditionellen Judenfeindschaft, die gelegentlich ebenfalls zu Folter und Morden führte, konnten die Nazis mit ihrer passiven Duldung der Massenverbrechen an den Juden rechnen. So kann man auch vielen islamischen Schriftgelehrten Passivität vorwerfen bei den Verbrechen, die ungezügelte Diktatoren im Namen der islamischen Scharia begehen.

Aber man muss auch feststellen, dass es bei uns inzwischen mehr islamische Proteste gibt gegen die im Namen des Islam verübten Verbrechen, als es damals Proteste der christlichen Kirchen gegen die Nazis gab. Und in der Tat. Die sog. Selbstmordattentate finden keine Stütze im Koran. Der Koran verbietet Selbstmord kategorisch. Der Islam ist keine Religion des Todes, sondern des Lebens.

Aber es hilft nichts: Als Antwort auf den weit verbreiteten Antiislamismus genügt es nicht darauf hinzuweisen, dass es Terrorismus verschiedenster Richtungen gegeben hat, bevor man jetzt den Islam für einen solchen verantwortlich macht, es genügt auch nicht, zu sagen, dass die Verbrecher den Islam falsch verstanden haben oder gar willentlich missdeuten. Man muss über den Islam selbst etwas wissen und die ihm anhängenden Muslime verstehen. Dabei muss man sich hüten, den Islam als ein monolithisches Gebilde anzusehen.

Die jüdisch-islamische Symbiose

Vor ein paar Jahren hat ein Mitglied der jetzigen Regierungspartei CDU, Herr Friedrich Merz, den Begriff der deutschen Leitkultur ins politische Spiel gebracht. Wenn man anerkennt, dass derjenige, der die deutsche Kultur am nachhaltigsten geprägt hat, Johann Wolfgang von Goethe heißt, dann ist gegen den Begriff einer deutschen Leitkultur in der Tat nichts einzuwenden. Denn hat nicht Goethe in einer Ankündigung des West-östlichen Divan öffentlich bekannt, der Verfasser desselben lehne den Verdacht nicht ab, selbst ein Muselmann zu sein? Aber vielleicht war ja Goethe ein verkappter Terrorist, wie man auch Murat Kurnaz für einen solchen gehalten und ihn aus Sicherheitsgründen fünf Jahre im KZ Guantánamo hat schmoren lassen?

Dem Bildungsstand der meisten unserer Politiker nach zu urteilen, ist ihnen Goethe möglicherweise nur als Namensgeber eines Instituts bekannt, dem man besser heute als morgen die Gelder streicht. Als Bürge für eine deutsche Leitkultur ist Goethe jedoch dann ungeeignet, wenn man von einem gemeinsamen christlich-jüdischen Erbe ausgeht, von dem deutsche Politiker zu schwadronieren pflegen.

Von deutschen Politikern werden Juden nur als Opfer wahrgenommen, weshalb sie bereit sind, für das sinnlose Stelenfeld in Berlin Millionen auszugeben. Dem bescheidenen Archiv Bibliographia Judaica in Frankfurt am Main hingegen werden aus angeblichem Mangel an Finanzen die Gelder gestrichen. Dieses Archiv bemüht sich darum, den Beitrag deutscher Jüdinnen und Juden zur deutschen Kultur, sei es als Schriftsteller, Maler, Musiker, Filmemacher etc. festzuhalten, um damit darzustellen, dass es lebendige, unter uns lebende Menschen waren, die von den Nazis unter den Augen ihrer Mitbürger abtransportiert und dann ermordet worden sind. Woher soll ein junger Mensch, der das Stelenfeld betrachtet, erfahren, wer da ermordet wurde und welchen nie wieder gut zu machenden Verlust die deutsche Kultur durch die Herrschaft des Naziregimes erlitten hat?

Ein christlich-jüdisches Erbe hat es nie gegeben, das ist eine propagandistische Erfindung deutscher Politiker. Dagegen hat es eine andere Symbiose gegeben, von der man allzu selten spricht: die jüdisch-islamische. Es ist kein Zufall, dass der größte jüdische Philosoph des Mittelalters, Ibn Maimun, in der latinisierten Form Maimonides genannt, seine Hauptwerke auf Arabisch schrieb. Und die Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Ernst Bloch sahen zu Recht im Werk Spinozas orientalische Gedanken wieder aufleben. Spinoza (wie dann auch Goethe) war jedoch ein Aufklärer.

Es gehört zu den weit verbreiteten Märchen, dass der Islam keine Aufklärung gekannt habe und deshalb jetzt die Schaffung eines «europäischen Islam» vonnöten sei. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Die europäische Aufklärung, besonders aber die deutsche, wäre ohne den Islam gar nicht denkbar. Dass der Islam inzwischen unter einer erstarrten Orthodoxie zu leiden hat und deshalb von einem Teil der Rechtsgelehrten die Aufklärung als westlicher Import verdammt wird, steht auf einem anderen Blatt. Niemand käme ja auch auf die Idee zu sagen: Weil einige christliche Fundamentalisten in den USA, darunter der Präsident Bush selbst, die Lehre der Darwinschen Evolutionstheorie an den Schulen verbieten lassen wollen, müssen die USA eine Aufklärung erst noch nachholen.

Zuerst der Koran

Es gibt eine äußerst umfangreiche Literatur über Goethe. Trotzdem klaffen in ihr zwei entscheidende Lücken, die ein merkwürdiges Licht auf die Zunft der Germanisten werfen: Goethes Beziehungen einmal zu Spinoza, zum anderen zum Islam und seinem Begründer, dem Propheten Mohammed. Dabei hatte Goethe selbst in seinen Memoiren Dichtung und Wahrheit darauf hingewiesen, wie wichtig beide für ihn waren. Wer weiß schon, dass bereits der junge Goethe, angeregt durch seinen älteren Freund Herder, sich mit dem Koran befasste (und nicht nur, wie in einschlägigen Goethe-Biografien zu lesen, mit dem Straßburger Münster), wer weiß, dass er bereits in seinen Jugendwerken, Götz von Berlichingen und die Leiden des jungen Werther, auf Stellen aus dem Koran anspielt? Wer weiß, dass Goethe sich aus dem Koran Exzerpte anfertigte?

Von Rechtsextremen wird der Koran als Handbuch des Terrorismus dargestellt, und die bürgerliche Presse greift das mit Vergnügen auf. Also nochmals die Frage: War Goethe ein Terrorist? Wenn wir nun an das neben Faust II bedeutendste Alterswerk Goethes, den West-östlichen Divan denken, so ist dessen Beziehung zur islamischen Welt nicht von der Hand zu weisen. Er ist entstanden als Produkt des Wettstreits mit dem größten persischen Dichter, mit Hafis, den Goethe seinen Zwillingsbruder nannte, obwohl er vierhundert Jahre vor ihm gelebt hat. Nach Goethe sagte Hafis von sich selbst: «Durch den Koran hab’ ich alles Was mir je gelang gemacht.»

Es kann deshalb nicht wundernehmen, dass Goethe immer wieder den Koran als Inspirationsquelle für seine Gedichtsammlung wählte. In den muslimischen Schriften fand er die Helden seiner Kindheit wieder, nämlich die Propheten der Bibel: Abraham, Isaak, Jakob und Esau, vor allem seinen Liebling Josef. (Dessen Lebensgeschichte ist im Koran eine ganze Sure, die zwölfte, gewidmet.) Trotzdem hat man immer wieder den Divan nur als romantisches Produkt Goethes dargestellt, das die Orientalismusmode in Deutschland eingeläutet habe.

Monotheismus

Dass Goethe sich öffentlich zum Islam bekannt hat, hat ihn nicht daran gehindert, sich weiterhin als Christ zu betrachten, allerdings nicht als ein kirchenfrommer. Die Kirchen sahen in ihm denn auch einen «Heiden». In der Tat, er lehnte die von den christlichen Kirchen, aber auch die von den muslimischen Schriftgelehrten gepredigten Dogmen ab. Deshalb kann die Auffassung des Islam, wie Goethe ihn verstand, für heutige Muslime, vor allem solche, die in Deutschland, der deutschsprachigen Schweiz oder Österreich leben, heilsam sein, ohne dass sie sich ihr deswegen insgesamt anschließen müssen.

Wenn überhaupt, dann stand Goethe einigen Dogmen des Judentums und des Islam näher als den christlichen Dogmen. So lehnte er das Dogma von der Dreifaltigkeit Gottes ab, ebenso das dazugehörige Dogma der Gottessohnschaft Jesu. Davon steht ja auch nichts in der Bibel. Es wurde erst auf Befehl des römischen Kaisers Konstantin 335 auf dem Konzil von Nicäa durch Mehrheitsbeschluss der christlichen Bischöfe zum Dogma gemacht, weil der Kaiser den erbitterten Streit zwischen den Arianern und den Athanasianern über die Natur Jesu für seine Herrschaft als schädlich ansah. Das Christentum wurde damit zur Staatsreligion.

In den Noten und Abhandlungen zu besserem Verständnis des West-östlichen Divan preist Goethe den Monotheismus im Kapitel über den muslimischen Herrscher Mahmud von Gasna, der in den von ihm eroberten Teilen Indiens den Islam eingeführt und die dort herrschende Vielgötterei beseitigt hat, mit der bemerkenswerten, für Goethes Denken äußerst aufschlussreichen Begründung: «Der Glaube an den einigen Gott wirkt immer geisterhebend, indem er den Menschen auf die Einheit seines eignen Innern zurückweist.» Dieser Glaube gilt übrigens auch im Judentum: In dem Gebet «Shema Yisrael Adonai Eloheinu Adonai Ehad», «Höre, Israel…», versichert sich der Jude, dass es nur einen Gott gebe.

Mohammed hat den Christen zum Vorwurf gemacht, dass sie sich gegen die Erkenntnis von der Einheit Gottes, also gegen die Grundwahrheit des Monotheismus versündigten, indem sie Christus zum Sohn Gottes erklärten.

Diesen, von der Redaktion leicht gekürzten, Text schrieb Peter-Anton von Arnim 2007.
Der bedeutende Islamwissenschaftler und Urenkel Achims von Arnim starb am 19.August 2009.
Von Peter-Anton von Arnim veröffentlichte die SoZ 2001 einen Auszug aus seinem Nachwort zu Katharina Mommsens Buch
Goethe und der Islam.


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