Schließen

Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

Bert Brecht hielt nicht viel vom Recht auf geistiges Eigentum. Wir auch nicht. Wir stellen die SoZ kostenlos ins Netz, damit möglichst viele Menschen das darin enthaltene Wissen nutzen und weiterverbreiten. Das heißt jedoch nicht, dass dies nicht Arbeit sei, die honoriert werden muss, weil Menschen davon leben.

Hier können Sie jetzt Spenden

Sie befinden sich hier: Home > 2010 > 12 > Der-unbekannte-mark-twain

Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 12/2010 |

Der unbekannte Mark Twain

Zum 175.Geburtstag des amerikanischen Schriftstellers
von Helen Scott

Vor 175 Jahren, am 30.November 1835, wurde Mark Twain geboren. Hierzulande ist er hauptsächlich als Humorist, Spaßmacher und Kinderbuchautor bekannt. Der folgende, hier stark gekürzt wiedergegebene Beitrag* zeigt den anderen Mark Twain: den Antiimperialisten, Sozialkritiker und Verteidiger unterdrückter Völker.
Der Mark Twain, wie man ihn uns in der Schule gelehrt hatte, ist ganz und gar keine inspirierende Gestalt: der Kinderbuchautor idyllischer Szenen an Flusslandschaften; der verbitterte Misanthrop, der die Gesellschaft für sein perönliches Scheitern geißelte; der Rassist, der in einer Familie von Sklavenbesitzern aufwuchs; vor allem aber der Vater der amerikanischen Literatur – eine Gestalt, die das amerikanische Literaturestablishment in den 1940er und 1950er Jahren bewusst geschaffen hat. Dieser Twain ist ein machtvolles Symbol des amerikanischen Traums, er steht für den Geist der Pioniere und ihren Drang nach Westen – er ist ein nationalistischer Held.

Doch Twain war an der Schwelle zum 20.Jahrhundert einer der freimütigsten Kritiker der Ideologie der amerikanischen herrschenden Klasse. Besonders gegen Ende seines Lebens sind Twains veröffentlichte und nichtveröffentlichte Schriften und Reden von überwiegend antirassistischer, antiimperialistischer und revolutionärer Tendenz.

Mark Twain wurde 1835 als Samuel Langhorne Clemens im Sklavenhalterstaat Missouri geboren. Er schrieb später, dass die Sklaverei dem Sklaven sein Menschsein raubt und aus dem Sklavenhalter Monster macht. Doch während eines großen Teils seines frühen Erwachsenenlebens stellte Clemens die herrschenden Ideen aus seiner Kindheit nicht in Frage.

Nach dem frühen Tod des Vaters musste Sam Clemens so früh wie möglich Geld verdienen. Seine erste Anstellung fand er als Druckergehilfe. In den 1850ern verbrachte er vier schreckliche Jahre in verschiedenen Städten an der Ostküste und arbeitete in dieser Zeit praktisch ohne Lohn. Er trat der Druckergewerkschaft bei und war, wo er auch arbeitete, ein aktives Mitglied. Seine Abende verbrachte er in den unentgeltlichen Bibliotheken, wo er «eine Welt fand, die ich nie in den Schulen [seiner Heimatstadt Hannibal] entdeckt hätte».

Clemens kehrte in den späten 50er Jahren in den Mittelwesten zurück und machte eine Lehre als Lotse auf einem Mississippi-Dampfschiff. In Leben auf dem Mississippi beschreibt er die Entwicklung eines Lotsenverbands und die Vorteile, die daraus für alle Arbeiter auf den Dampfschiffen entstanden. Dieses Kapitel wurde in den 1880er und 1890er Jahren von Gewerkschaften nachgedruckt.

Mit Mitte 20 war Clemens ein wohlhabender Lotse geworden. Seine Karriere wurde jedoch vom Bürgerkrieg unterbrochen. Bei dessen Ausbruch 1861 blieb Clemens «neutral». Dennoch trat er in eine auf der Seite des Südens kämpfende Miliz ein, die seine alten Freunde aus Hannibal gegründet hatten. Nach drei Wochen desertierte er und ging nach Nevada.

Nach einigen wilden Jahren als gescheiterter Gold- und Silbergräber wurde er Journalist. In der Zeit und später in Kalifornien ging er zur Sozialsatire über, die Partei für die Unterdrückten ergriff und die Mächtigen lächerlich machte. Er schrieb eine Artikelserie, die die Diskriminierung chinesischer Einwanderer anprangerte und die Brutalität der Polizei in San Francisco bloßstellte.

Clemens wurde ein populärer öffentlicher Redner und nahm für seine Veröffentlichungen das Pseudonym «Mark Twain» an (nach dem Ruf der Mississippi-Lotsen: «Mark twain», der zwei Faden Wassertiefe und damit sicheres Fahrwasser bedeutet). Er kehrte an die Ostküste zurück und heiratete eine Tochter aus reicher, aber liberaler Familie, die aus aktiven Abolitionisten bestand. Durch diese Familie kam er mit Sozialisten, Atheisten und Aktivistinnen für Frauenrechte und soziale Gleichheit in Berührung. Er schloss Freundschaften mit Persönlichkeiten wie Harriet Beecher Stowe, Frederick Douglass und dem utopischen Sozialisten William Dean Howells.

In den folgenden zwanzig Jahren erlangte Mark Twain Ruhm und Vermögen durch seine Schriften und Vortragsreisen. Einige seiner bekanntesten Werke entstanden in den 70er und 80er Jahren, darunter Tom Sawyers Abenteuer (1876) und Huckleberry Finns Abenteuer (1885). Beide Werke wurden anfangs von der literarischen Elite verurteilt. Die öffentliche Bibliothek der Stadt Concord nannte Huckleberry Finn «Schund, passend für die Slums».

Gegenstand und Stil von Tom Sawyer und Huckleberry Finn wurden als «ungehobelt» und «vulgär» verurteilt. Sie widersprechen der Moral der zeitgenössischen Sonntagsschulerzählungen und sind zum großen Teil im Dialekt verfasst. In einer Ära, in der Maßnahmen zu rassischer Gleichberechtigung wieder zurückgefahren wurden, hasste die Elite besonders Huckleberry Finn, weil Huck Finn, der weiße Held der Geschichte, mit Jim, einem entlaufenen Sklaven, eine enge Freundschaft entwickelt.

Seit den 80er Jahren identifizierte sich Twain mit der «gewaltigen Masse der Ungebildeten» und «nicht mit der dünnen Kruste an der Spitze der Menschheit».

Einige Kritiker haben argumentiert, dass Twain durch die Unterstützung reicher Sponsoren seine Unabhängigkeit untergrub und seine Sozialkritik abschwächte. Twain gab seine eigene ironische Darstellung der Grenzen der Redefreiheit: «In unserem Land haben wir drei unschätzbare Reichtümer: die Redefreiheit, die Gewissensfreiheit und die Klugheit, diese Freiheiten niemals anzuwenden.» Es ist wahr, dass er es manchmal vorzog, etwas nicht zu sagen oder zu tun, aus Furcht, seine Gönner oder Teile seiner Leserschaft zu verstören.

Doch trotz solcher Kompromisse wurde er in den letzten zwanzig Jahren seines Lebens – er starb 1910 – ein ausdrücklicher Antiimperialist und Antikapitalist. Dies war eine Ära der Extreme. Die Vollendung der amerikanischen Revolution mit dem Ende der Sklaverei brachte das Versprechen von Gleichheit und Demokratie für alle. Doch derselbe Zeitraum sah den Aufstieg und die Konsolidierung des Monopolkapitalismus, eines grassierenden Rassismus und eine Spaltung zwischen Reich und Arm wie in Europa.

Die Jahrhundertwende war die Zeit des Wachstums der Arbeiterbewegung und der Sozialistischen Partei. Twain unterstützte die Gewerkschaftsbewegung, besonders die Knights of Labor: «Wenn alle Maurer, Maschinisten, Bergleute, Schmiede und Drucker, die Handlanger, die Packer und Maler, Bremser und Lokführer, die Schaffner und ungelernten Fabrikarbeiter, die Pferdewagenlenker, Verkäuferinnen und Näherinnen, die Telegrafisten, in eine Wort all die Myriaden von Werktätigen, in denen die Realität dessen schlummert, was man Macht nennt … wenn all diese aufstehen … ist eine Nation aufgestanden.»

Als die US-Industrie am Ende des 19.Jahrhunderts rasend schnell expandierte, nutzten die USA ihre wachsende Macht, um ihre europäischen Rivalen herauszufordern und Märkte und Territorien im Ausland zu erobern. In diesem Prozess wurde das Recht auf Unabhängigkeit und Selbstbestimmung anderer Nationen – gerade die Werte, die in der Unabhängigkeitserklärung und der Verfassung der USA verkörpert sind – verletzt. So auch im Kampf um die Philippinen 1898. Der Krieg wurde als die Befreiung geknechteter Völker von spanischer Tyrannei dargestellt, was Twain anfänglich verwirrte. Doch er kam schnell zur Einsicht. Im Jahr 1900 erläuterte er, warum er nun den «amerikanischen Adler» verurteilte:

«Ich war ein glühender Imperialist … Warum sollte [der amerikanische Adler] nicht seine Flügel über die Philippinen ausbreiten? … Ich sagte mir, hier sind Völker, die drei Jahrhunderte lang gelitten haben. Wir können sie so frei wie uns machen, ihnen eine eigene Regierung und ein eigenes Land geben … Es schien mir eine große Aufgabe, die wir uns vorgenommen hatten. Aber seitdem habe ich weiter darüber nachgedacht und den Pariser Vertrag [der den Spanisch-Amerikanischen Krieg beendete] sorgfältig gelesen. Ich habe gemerkt, dass wir nicht vorhaben, das Volk der Philippinen zu befreien, sondern zu unterjochen … Es sollte, so scheint es mir, unser Vergnügen und unsere Pflicht sein, diese Völker zu befreien, ihnen sollte überlassen werden, ihre inneren Angelegenheiten auf ihre Weise zu ordnen. Und deshalb bin ich ein Antiimperialist. Ich bin dagegen, dass der amerikanische Adler seine Klauen in irgendein anderes Land schlägt.»

Twain beschreibt das Massaker an 600 Moros, die nur mit Messern und Knüppeln bewaffnet waren, sich in einem erloschenen Vulkankrater verschanzt hatten und vom Kraterrand aus von den US-Truppen niedergeschossen wurden. Der Präsident nannte dies eine «brillante Heldentat». Twains Kommentar: «Der Feind zählte 600 – einschließlich der Frauen und Kinder –, und wir vernichteten sie vollständig, wir ließen nicht einmal ein Baby leben, um nach seiner toten Mutter zu schreien. Dies ist unvergleichbar der größte Sieg, der je von den christlichen Soldaten der Vereinigten Staaten errungen wurde.» Ein späterer Bericht enthüllte, dass die Zahl der Opfer noch höher war, und Twain fuhr fort: «Schlagzeile: Anzahl der Toten nun 900. Ich war noch nie so enthusiastisch stolz auf die Fahne wie jetzt.»

Twain schrieb auch leidenschaftlich gegen die europäische Kolonialherrschaft, die er oft mit der Sklaverei der Plantagen verglich; bspw. über Cecil Rhodes, den führenden Kopf des britischen Kolonialismus: «Er plündert, raubt, mordet und versklavt … und erhält dafür eine Menge christlichen Applaus. Ich bewundere ihn, ich gebe es offen zu. Und wenn seine Zeit kommt, werde ich als Andenken ein Stück vom Strick kaufen.»

Einige seiner sarkastischsten Invektiven hob er für König Leopold II. von Belgien auf. Als einziger Herrrscher des «Congo Free State» wandte Leopold systematisch Mord, Verstümmelung und Hungersnot an, um die lokale Bevölkerung zu zwingen, Elfenbein und Gummi zu fördern, die damals mit ungeheurem Profit verkauft wurden. Man hat geschätzt, dass im Kongo etwa 6–10 Millionen Menschen den Henkern König Leopolds zum Opfer fielen. Auf Wunsch der British Congo Reform Association schrieb Twain die Satire König Leopolds Selbstgespräch. Darin jammert der König, dass er trotz der Millionen, die er ausgegeben hat, um die Enthüllung seiner Grausamkeiten zu verhindern, von Missionaren, Reportern und Aktivisten entlarvt wird.

Wenngleich Twain den Imperialismus anprangerte, war er kein Pazifist – er unterstützte die Gewalt im Dienste der Freiheit. Seine revolutionären Sympathien sind zum Teil Resultat seiner Würdigung der Früchte vergangener Revolutionen, vor allem der Amerikanischen Revolution und des Bürgerkriegs.
Twain hasste die Monarchie und undemokratische Herrschaft jeder Art. Die Hauptgestalt seines Romans Ein Yankee aus Connecticut an König Artus’ Hof beschreibt Bauern und Handwerker als «die wirkliche Nation», sie abschreiben hieße, «ein wenig Bodensatz, etwas Abfall in Form eines Königs, des hohen und des niederen Adels übriglassen, die faul, unproduktiv und vorwiegend in der Kunst des Verschwendens und Zerstörens bewandert waren; in jeder vernunftgemäß eingerichteten Welt hätte man sie als nutz- und wertlos erachtet».

Twain feierte die Französische Revolution, aber im Laufe seines Lebens änderte er seine Sicht: «Als ich 1871 Carlyles Französische Revolution gelesen hatte, war ich Girondist. Jedesmal, wenn ich sie seitdem gelesen habe, habe ich sie anders gelesen – und bin nach und nach vom Leben und der Umgebung verändert worden … und jetzt lege ich das Buch erneut zur Seite und stelle fest, dass ich ein Sansculotte bin! – Und nicht ein blasser, charakterloser Sansculotte, sondern ein Marat.»

Katalysator seiner Radikalisierung war die Veränderung Amerikas, die er als eine Wandlung von einer Republik zu einer Monarchie sah – einer Monarchie, die nicht von einem König oder einer Königin regiert wird, sondern von den Männern des Geldes, den Konzernen und ihren politischen Lakaien.

Es ist daher nicht überraschend, dass Twain nicht nur die Revolutionen der Vergangenheit, sondern auch die der Gegenwart unterstützte. Er verteidigte die russische Revolution von 1905 und war über ihre Niederlage bitter enttäuscht. Russischen Reformern, die eine Revolution fürchteten, antwortete Twain: «Wenn wir berücksichtigen, dass nicht einmal der verantwortungsvollste Monarch Englands jemals ein der Öffentlichkeit geraubtes Recht zurückgegeben hat, bis es ihm durch blutige Gewalt entrissen wurde, ist es dann vernünftig anzunehmen, dass in Russland sanftere Methoden zur Erlangung der Rechte führen können?»

*«The Mark Twain they didn’t teach us about in school», International Socialist Review (Chicago), Nr.10, Winter 2000, www.marxists.de/culture/twain/noteach.htm


Drucken | Artikellink per Mail | PDF Version

Kommentar zu diesem Artikel hinterlassen

Spenden

Die SoZ steht online kostenlos zur Verfügung. Dahinter stehen dennoch Arbeit und Kosten. Wir bitten daher vor allem unsere regelmäßigen Leserinnen und Leser um eine Spende auf das Konto: Verein für solidarische Perspektiven, Postbank Köln, IBAN: DE07 3701 0050 0006 0395 04, BIC: PBNKDEFF


Schnupperausgabe

Ich möchte die SoZ mal in der Hand halten und bestelle eine kostenlose Probeausgabe oder ein Probeabo.