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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 12/2010 |

«Kulturen bekämpfen sich nicht, sie fließen zusammen»

Ilija Trojanow/Ranjit Hoskoté, Kampfabsage
Frankfurt: Büchergilde Gutenberg, 2010, 224 Seiten, 17,95 Euro
von Rolf Euler

Die Thesen des US-Amerikaners Samuel Huntington über den «Kampf der Kulturen» werden hier einer radikalen Kritik unterzogen. Die Autoren gehen der Kulturgeschichte Europas und ihrer Quellen im indischen, arabischen und afrikanischen Raum nach. Sie schildern die vielen geistigen und kulturellen Leistungen in Schrift, Sprache, Wissenschaft, Handwerk, Kunst, Mathematik und Astronomie, die «zusammengeflossen» sind und die heutige europäische Kultur ausmachen.

Die Ansage – «Kulturen bekämpfen sich nicht, sie fließen zusammen» – wird vielfältig untermauert. Die Reduzierung der europäischen Geschichte auf christliche oder, wie heute von konservativer Seite gern behauptet, auf christlich-jüdische Traditionen verbannt Tatsachen hinter einen politisch opportunen Vorhang, um den Islam als hauptsächlich zu bekämpfende «Kultur» zu isolieren.

Thomas Assheuer greift in der Zeit das Thema auf und erklärt: «Das Gerede von der ‹christlich-jüdischen Leitkultur› schürt den Fremdenhass.» Das ist sicher so gewollt, hängt es doch dem nach wie vor heißen Krieg um Öl und Rohstoffe ein ideologisches Mäntelchen der moralischen Notwendigkeit um, ganz in den Fußstapfen von Huntington und Bush, aber auch der Kreuzzüge des Mittelalters.

«Die Großmächte», schreiben Trojanow und Hoskoté, «vertreten eine ganz ähnliche Haltung zur kulturellen Vielfalt wie die Guerillas der Intoleranz: Das Andere wird manipuliert, um Rekruten für die eigene Sache zu finden, klare Feindbilder zu schaffen und Konflikte in die Länge zu ziehen, denn davon profitieren Wirtschaft und Seelenleben der Nation gleichermaßen.»

Gegen diesen Kampf und seinen «Begriff» setzen die Autoren viele Beispiele aus der mehrtausendjährigen Menschheitsgeschichte, deren kulturelles Zentrum früher viel mehr in Vorderasien, Kleinasien und rund ums Mittelmeer lag als in West- und Mitteleuropa, wo sie heute noch immer gern angesiedelt wird. Die damalige «globale» Verknüpfung von geistigen Einflüssen und Waren, Karawanen und Seefahrt, aber auch Eroberungszügen sehen sie als Ergebnis des Zusammenfließens regionaler kultureller Errungenschaften, auch neben und während kriegerischer Auseinandersetzungen. Wissenschaftliche und kulturelle Kenntnisse und Techniken, die heute selbstverständlich sind, wie Zahlen und Mathematik, stammen aus heute teilweise islamisch geprägten Regionen.

Anhand der vielen Überlieferungen aus altindischer und altarabischer Zeit, die in Europa gewirkt haben, erläutern sie auch, wie diese oft von radikalen Kräften vor allem der katholischen Kirche mit Kreuzzügen aller Art bekämpft worden sind. Massiv wird die gegenwärtige Globalisierung kritisiert, die gerade nicht zum Zusammenfließen verschiedener kultureller und menschlicher Fähigkeiten führe, sondern zu einer Nivellierung in Richtung McDonald’s. «Die kapitalistische Globalisierung hat einen negativen Effekt auf die Vielfalt. Sprachen und künstlerische Ausdrucksmöglichkeiten sterben aus, alternative Lebensweisen bleiben nur in den trockenen Wälzern der Gelehrsamkeit erhalten.»

«Wir wollten zeigen, dass Zivilisationen miteinander verwoben sind … Deshalb müssen wir uns gegen all jene wehren, die uns im Namen des Unterschieds gegeneinander aufbringen und uns für die globale Kriegsmaschinerie rekrutieren wollen.»

Das Buch stammt aus dem Jahre 2007, wurde aber von der Büchergilde in einer schönen Ausgabe neu herausgebracht und ist aus aktuellem Anlass sehr zu empfehlen.


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