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Zur Konferenz Auto.Mobil.Krise

Weniger ist manchmal mehr
von Franz Mayer

Rund 350 Menschen fanden den Weg zur Konferenz «Auto.Mobil.Krise.», die am 29./30.10.2010 in der deutschen Hauptstadt des Autos, in Stuttgart, stattfand – Menschen aus ganz unterschiedlichen Zusammenhängen: Gewerkschafter, Umweltaktivisten, Globalisierungskritiker, Verkehrspolitiker. Sie wollten über Alternativen zum gegenwärtigen Transport- und Verkehrsmodell diskutieren.

Geballter Sachverstand war aufgeboten worden. Aus allen wichtigen deutschen Autofabriken waren Betriebsräte und gewerkschaftlich Aktive vertreten, und zum Auftakt der Tagung gab es in Kooperation mit dem TIE Netzwerk Auto ein Internationales Forum mit Aktiven aus vielen Ländern mit Autoproduktionsstandorten (Türkei, Frankreich, Schweden, Ungarn, Kanada/USA, Mexiko, Brasilien, China, Indien, Südafrika). Mit Heiner Monheim, Klaus Dieter Bodack oder Elmar Altvater waren namhafte Wissenschaftler, mit Klaus Gietinger oder Winfried Wolf namhafte Fachautoren vertreten.

Das Staraufgebot der Konferenz erwies sich zugleich als deren Manko. Die Heerschar der Referenten hätte locker ausgereicht, um eine einwöchige Konferenz zu füllen. So aber litt unter der Menge der Inputs zwangsläufig die Möglichkeit zum Austausch und zur vertiefenden Diskussion.

Der erste Tag: Vorträge

Allein das internationale Gewerkschafterforum hätte gut und gerne zwei Tage ausfüllen können. In dem auf vier Stunden zusammengepressten Zeitplan waren die Vortragenden genötigt, sich über die Maßen kurz zu fassen, für einen Austausch mit den Zuhörern gab es nur wenig Raum, eine Diskussion zwischen den Referenten fand überhaupt nicht statt.

Dabei hätte es wirklich viel zu besprechen gegeben. Zwar zeigte sich, dass es viele Gemeinsamkeiten gibt: Überall zieht nach den tiefen Einbrüchen von 2009 die Produktion wieder spürbar an. Fast alle Standorte sind mit ähnlichen Problemen konfrontiert: Auslagerung von Jobs an Subunternehmer, Ausweitung von prekären Beschäftigungsformen wie befristete Einstellungen oder Leiharbeit, Angriffe auf die bestehenden Lohnstandards.

Die Reaktion der Belegschaften auf die Angriffe der Unternehmer ist dennoch sehr unterschiedlich ausgefallen. Während die Krise für die Gewerkschaften in Nordamerika mit einem «Waterloo» endete, fiel die Bilanz der Kollegen aus Brasilien und China recht positiv aus. Hier konnten kämpfende Belegschaften bedeutende Erfolg erzielen.

Den Auftakt der Konferenz bildete eine «Keynote: Umbau statt Krise» unter Beteiligung von Hans-Jürgen Urban vom Vorstand der IG Metall. Mit Blick auf Diskussionen Anfang der 90er Jahre räumte er ein: «Wir waren schon mal weiter in der Diskussion.» Seine widersprüchliche Einschätzung der Autoindustrie (siehe nebenstehendes Interview) hätten ebenso wie seine Bewertung der Abwrackprämie als «großen Erfolg» viel Stoff zur Diskussion geboten. Es hätte sich angeboten, Urban einen engagierten Betriebslinken wie Stefan Krull oder Tom Adler an die Seite zu stellen, um eine anregende Diskussion in Gang zu setzen. Aber offenbar war eine solche kontroverse Diskussion nicht gewollt.

Es gab lediglich eine Alibidiskussion unter Ausschluss des Publikums, wobei dem Tagesspiegel-Journalisten Harald Schumann als «Kommentator» die Rolle des kritischen Nachfragers zugedacht war. Dieser erwies sich allerdings als absolute Fehlbesetzung, weil er die wichtigen und richtigen Fragen eben nicht stellte, sondern sich auf Nebensächliches kaprizierte.

Leider lief der zweite Veranstaltungsblock nach demselben Muster ab. Den vier Referenten (Winfried Wolf, Heiner Monheim, Catherine Lutz und Werner Sauerborn) darf man bescheinigen, dass ihre Vorträge gut waren. Aber die Fragestellungen waren zu unterschiedlich als dass sich eine konzentrierte Diskussion hätte entwickeln können – abermals war sie von den Organisatoren nicht vorgesehen.

Längst war die Dunkelheit über Stuttgart hereingebrochen, als das Publikum der Podiumsdiskussion «Wege aus der Krise – Demokratie und Konversion» erstmals die Gelegenheit bekam, sich aktiv in die Diskussion einzubringen. Da waren dem Publikum die Strapazen des Zuhörens schon deutlich anzumerken.

Der zweite Tag: Arbeitsgruppen

An dieser Stelle kann nur von der AG «Betrieb – Beschäftigung – Konversion» mit Rainer Einenkel (Opel Bochum), Gertrud Moll (Bosch Stuttgart) und Reiner Hoffmann (Porsche Stuttgart) berichtet werden. Hier ging es um die nüchterne Bestandsaufnahme der Verhältnisse im jeweiligen Betrieb. Und die fiel nicht sehr ermutigend aus.

Bei Bosch können neue Arbeitsplätze in der Solarindustrie unter den herrschenden Bedingungen die Arbeitsplätze, die im Autozulieferbereich wegfallen, nicht adäquat ersetzen. Zusätzlich kompliziert wird die Lage dadurch, dass die Jobs in der Solarbranche größtenteils in Ostdeutschland angesiedelt und deutlich schlechter bezahlt sind als die bei Bosch im Großraum Stuttgart.

Wie nicht anders zu erwarten, findet in den Betrieben kaum eine Debatte über Konversion statt. Dennoch war die Stimmung nicht resignativ. Es war ein solidarischer Erfahrungsaustausch ohne den Anspruch, hier und jetzt den großen Wurf zu landen. Dieses Aufspüren möglicher Ansatzpunkte und die Einleitung einer Diskussion in den gewerkschaftlichen Vertrauenskörpern ist es wohl auch, was in der nächsten Zeit ansteht.

Trotz aller Kritik kann man der Konferenz eins nicht absprechen: Die Teilnehmenden sind mit vielen wertvollen Informationen nach Hause gefahren, die ihnen in ihrem (betriebs-)politischen Alltag von Nutzen sein  werden. Und auf jeden Fall ist das Thema Konversion mit dieser Konferenz auf die politische Tagesordnung gesetzt worden. Das ist zumindest schon mal ein Anfang.


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