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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 02/2011 |

Die Legende vom widerständigen Köln

Horst Matzerath, Köln in der Zeit des Nationalsozialismus 1933–1945
Teil des Gesamtwerks Geschichte der Stadt Köln, Bd.12
Köln: Greven, 2009, 657 S., 60 Euro

von Larissa Peiffer-Rüssmann
Bis in die 70er Jahre hielt sich die Legende, derzufolge die rheinische Metropole Köln angeblich prinzipiell gegen den Nationalsozialismus eingestellt gewesen sei, gar ein Hort des Widerstands.
Der rheinisch-liberale Geist wurde beschworen, die ablehnende Haltung der Katholiken, der evangelische Glaube und eine gegen Autoritäten gerichtete Grundeinstellung. Diese Darstellung wurde gerne kolportiert, da sie eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dieser Zeit überflüssig zu machen schien.

Die Frage, ob der Nationalsozialismus in Köln anders war, vielleicht weniger brutal als im übrigen Deutschland, muss angesichts der Faktenlage eindeutig mit Nein beantwortet werden. Auch in Köln zeigte sich schon früh das wahre Gesicht des aufkommenden Faschismus.

Schon nach 1925 wurde Köln zum zentralen Stützpunkt der NSDAP im Rheinland. Sie rekrutierte ihre Funktionäre vor allem im Mittelstand, Industriearbeiter waren kaum vertreten. Ab 1930 erstarkte die NSDAP immer mehr, fasste in der Studentenschaft Fuß und gewann an Einfluss in der Ärzteschaft und bei den Juristen. Ein aggressiver Antisemitismus wurde zum nicht zu übersehenden Merkmal der frühen Kölner NSDAP.

Die katholische Kirche stand dem Nationalsozialismus anfangs aufgrund seiner antichristlichen Propaganda ablehnend gegenüber. Trotz Reichskonkordat musste sie ihre Rechte als Institution immer mehr verteidigen, was sie allerdings nicht daran hinderte, zu Kriegsbeginn die Gemeinsamkeit bei der Verteidigung des Vaterlands zu betonen. Eine Auseinandersetzung mit dem offiziellen Antisemitismus fand nicht statt. Die Evangelische Kirche entdeckte sehr viel gemeinsames mit den Nationalsozialisten und öffnete sogar ihre Kirchenräume für Veranstaltungen der Nazis. Insgesamt war das Kölner Presbyterium stark nationalsozialistisch geprägt. Nur eine kleine Gruppe von Protestanten bezog eindeutig Stellung gegen die NSDAP.

Köln war vielfach Vorreiter

Mit der «Machtergreifung», stellt Horst Matzerath in seiner umfangreichen Studie fest, die umfangreiches Bildmaterial, historische Dokumente und eine ausführliche Quellenangabe enthält, «vollzog sich in Köln wie andernorts in atemberaubender Geschwindigkeit ein Autoritätsverlust der tradierten Institutionen, deren Funktionen die NSDAP übernahm». Als erstes wurden Kommunisten, Sozialdemokraten und Intellektuelle festgesetzt, d.h. in sog. «Schutzhaft» genommen, die der rechtsstaatlichen Kontrolle entzogen war. In Brauweiler, einer ehemaligen Abtei nahe Köln, entstand eines der ersten Konzentrationslager. Auch die Polizei avancierte schnell zum willigen Helfer des Systems.

An der Kölner Universität wurde die personelle «Gleichschaltung» bereits im April 1933 angegangen, als es diesen Vorgang noch an keiner anderen Universität gab. So wurde Köln zum Vorreiter in Sachen Universitätsgleichschaltung, bei der vor allem missliebige Hochschullehrer entfernt wurden.

Auch in Köln wurde «entartete Kunst» aus den Museen entfernt, jüdische und politisch links orientierte Künstler verfemt und mit Produktions- oder Auftrittsverboten belegt. Dagegen wurden Kölner Traditionen vereinnahmt, dazu gehörte die Puppenbühne des Hänneschen-Theaters ebenso wie die volkstümliche Millowitschbühne. Beide Bühnen stellten sich in den Dienst der neuen Machthaber, indem sie Stücke mit militaristischen Tendenzen und offen antisemitischen Ausfällen aufführten.

Auch die Behauptung, Hitler habe die Stadt nur einmal besucht, weil die Kölner ihn ablehnten, gehört ins Reich der Legende. Er besuchte Köln ab 1933 mehrmals und ihm wurde jedes Mal ein begeisterter Empfang bereitet, auch noch unmittelbar vor dem Krieg. Zu diesem Zeitpunkt hatte die jüdische Bevölkerung schon jeden Schutz verloren, obwohl sie reichsweit die fünftgrößte jüdische Gemeinde und in der städtischen Gesellschaft auf vielfältige Weise präsent war. Juden wurden aus ihren Berufen und Wohnungen vertrieben und ihres Eigentums beraubt. Öffentliche Proteste – auch seitens der Kirchen – blieben aus. Auch in Köln gab es eine weit verbreitete antisemitische Stimmung und weite Teile der Bevölkerung zeigten sich empfänglich für die nationalsozialistische Proganda, zumal nicht wenige Kölner beruflich und materiell von der Ausschaltung und Vertreibung der Juden profitierten. Sogenannte Arisierungsgewinnler gab es in allen Schichten.

Auch im Umgang mit Sinti und Roma spielte Köln eine Vorreiterrolle. Auf Kölner Stadtgebiet entstand das erste «Zigeunerlager», eingezäunt und polizeilich überwacht. Hierhin brachte man alle Sinti und Roma zwangsweise, nachdem man ihnen jede Lebensgrundlage entzogen hatte. Diese «beispielhafte» Maßnahme wurde von anderen Städten kopiert. Von Köln-Deutz aus wurden 1938 die ersten Deportationszüge nach Polen geschickt, sie lieferten das organisatorische Vorbild für die späteren Deportationen der Kölner Juden.

Noch in den 90er Jahren nicht anerkannt
1945 wunderten sich die englischen Besatzungstruppen, dass es in Köln angeblich so wenige Nationalsozialisten gegeben habe. Auch Adenauer verbreitete die These vom vielfältigen Widerstand. Doch politischer Widerstand wurde nur von wenigen geleistet – vor allem von Kommunisten und linkssozialistischen Gruppen, Sozialdemokraten und Gewerkschaftern. Sie wurden brutal verfolgt, verhaftet und in Konzentrationslager geschickt. Von den etwa 3000 unmittelbar nach Kriegsende erfassten politisch Verfolgten waren zwei Drittel Kommunisten.

Ab 1933 wurden selbstständige Jugendorganisationen zerschlagen, Jugendgruppen der Arbeiterbewegung verfolgt und informelle Kontakte untersagt. Über Köln hinaus bekannt geworden sind die Edelweißpiraten, denen der ehemalige Regierungspräsident Antwerpes (SPD) noch in den 90er Jahren die Anerkennung als politisch verfolgte Jugendgruppe versagte.

Am Ende des Buches stellt der Autor fest, dass Köln «in allen zentralen Aspekten keine Ausnahme bildete». Auch Kölner «leisteten eigenständige Beiträge zur Perfektionierung nationalsozialistischer Maßnahmen». Der Krieg hinterließ eine gespaltene Gesellschaft, was die Auseinandersetzung mit diesem Teil der Geschichte betrifft.


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