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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Hanna Behrend (1922–2010)

von Gisela Notz

„Ich stelle mir vor, dass sich meine Oma am 30.November 2010 plötzlich an einem warmen Frühsommertag wiederfindet. Schmerzfrei und gut zu Fuß begibt sie sich einen kleinen Weg entlang und hinter einer Kurve steht mein Opa, wie er immer da stand, das Kinn leicht nach oben, als wolle er in den Himmel schauen und wartet. Er bemerkt sie, macht eine kleine Handbewegung und alle die Haustiere, die schon bei ihm sind, kommen herbei. Meine Oma lächelt ihn an. Er sagt: «Da bist du ja.» Und sie sagt: «Ich habe alles geregelt, sie trauern, aber es geht ihnen bald wieder gut. Ich habe ihnen gesagt, sie sollen mich in guter Erinnerung behalten; an dich haben sie sich auch immer erinnert.» Dann machen sie mit den Hunden und Katzen einen Spaziergang.“
Katharina Gruhle, Berlin, 1.12.2010

Schöner kann man es gar nicht sagen, als Katharina, die Enkelin es auf der Trauerkarte gesagt hat und etwas Besseres kann man einer außergewöhnlichen Großmutter gar nicht nachsagen. Es würde Hanna gefallen, denn es spendet uns auch Trost. Das Leben besteht aus vielen Spaziergängen, es macht viele Schleifen. Nicht immer sind es schmerzfreie Spaziergänge gewesen, die Hanna gegangen ist. Noch können wir es nicht glauben, dass sie am 30.November 2010, es muss ein grauer Novembertag gewesen sein, ihren letzte Spaziergang gegangen ist.

Hanna war nicht nur eine außergewöhnliche Oma, sie war auch eine außergewöhnliche Freundin und eine außergewöhnliche Rednerin und Schreiberin. Wir sehen sie vor uns, klein von Gestalt, groß in ihren Werken. Sie wusste, was sie wollte und konnte das hartnäckig verfolgen. Sie muss unermüdlich gearbeitet haben, von frühmorgens bis tief in die Nacht. Wir konnten das nachvollziehen, an den E-Mails, den Telefonaten mit uns aber auch anhand der Besuche, bei denen wir ihren strengen Tagesablauf erleben durften. Sie empfing gerne Besucherinnen.

Wir haben sie doch erst vor Kurzem getroffen, als sie im Erkelenzdamm aus ihrem Buch gelesen hat oder gerade eben im Café Sybill, wo wir gemeinsam einem Zeitzeugen lauschten. Hanna sah aus wie immer: fein geschminkt und mit gebügelter Bluse und freute sich, dass sie noch arbeiten kann. Sie hatte noch einiges vor, was jetzt niemand mehr erledigen kann. Wir wollten sie noch vieles fragen und mit ihr besprechen und ihr noch vieles sagen. Sterben wollte sie noch nicht, deshalb kam es uns, trotz ihres erfüllten Lebens viel zu früh vor. Wir kennen sie seit der Zeit der Wende, die «Ostfrauen» aus unserer Gruppe natürlich länger. Wir denken an unsere ersten Begegnungen. Wir waren neugierig aufeinander, lernten viel voneinander und es war stets eine Bereicherung, wenn wir uns trafen.

Sie wird uns allen fehlen. Wir trauern, aber wir würden ihr keinen Gefallen tun, wenn wir nicht weiter an unserer gemeinsamen Sache arbeiten würden. Bei unseren Spaziergängen, einzeln und zusammen, werden wir an sie denken. Wir behalten sie in guter Erinnerung.


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