Schließen

Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

Bert Brecht hielt nicht viel vom Recht auf geistiges Eigentum. Wir auch nicht. Wir stellen die SoZ kostenlos ins Netz, damit möglichst viele Menschen das darin enthaltene Wissen nutzen und weiterverbreiten. Das heißt jedoch nicht, dass dies nicht Arbeit sei, die honoriert werden muss, weil Menschen davon leben.

Hier können Sie jetzt Spenden

Sie befinden sich hier: Home > 2011 > 02 > Hexen-zauberer-und-andere-verfolgte

Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 02/2011 |

Hexen, Zauberer und andere Verfolgte

Immer geht es um die Erhaltung der Macht
von Hanna Behrend

Aus Anlass ihres Todes am 30.11.2010 bringen wir Auszüge aus einem Text, den Hanna Behrend 2003 geschrieben hat.*

Massenverfolgungen und -ausrottungen Unschuldiger im Auftrag von Amtsträgern sind in der Geschichte der Menschheit nichts Ungewöhnliches. Die Verfolgung und Hinrichtung wegen Hexerei von Frauen, aber auch Männern vor allem in Europa zwischen dem 15. und 18.Jahrhundert war zwar keineswegs die früheste Massentötung unschuldiger Menschen, sie war aber eine der spektakulärsten und folgenreichsten in der Geschichte.

Während Thomas von Aquin [noch] jegliche Verhütungspraxis für sündhaft und bußbedürftig, nicht aber für Mord hielt, übertraf die im 13.Jahrhundert von dem Dominikaner Raimund von Penaforte im Auftrag Papst Gregor IX. herausgegebene Sammlung päpstlicher Dekretalen, si aliquis, die bis dahin übliche restriktive und sinnenfeindliche Haltung der Kirche zu Ehe und Nachwuchs erheblich. Jegliche Verhütung galt fortan als Mord, was im Widerspruch zum vorherigen Kirchenrecht stand, dem zufolge erst «die Abtreibung eines beseelten Fetus als Mord unter Strafe» gestellt wurde, d.h. eines Fetus von ca. 80 Tagen.

Von oben gesteuert

Der katholischen Theologin Uta Ranke-Heinemann zufolge wurde «der Glaube an … Hexenwahn als Massenwahn … maßgeblich von oben gesteuert». [Sie] erwähnte den Jesuiten Friedrich von Spee, der 1630 den Dominikaner Henricus Institoris [Verfasser des Hexenhammers] für die Hexenprozesse verantwortlich machte, die vor allem und in unglaublich hoher Zahl in Deutschland wüteten. Die «grauenhafteste Bestimmung des Hexenhammers» nennt [sie] «die Einführung der verteilten, d.h. endlos wiederholten Folter, mit deren Hilfe man in der Lage war, alle Geständnisse und Denunziationen zu erpressen».

Für Uta Ranke-Heinemann ist der Hexenwahn zwar im Wesentlichen, nicht aber ausschließlich eine Folge der Frauenfeindlichkeit vor allem des hohen Klerus, denn er habe sich auch gegen Männer, sowie gegen Sexualität und Körperlichkeit im Allgemeinen gerichtet. Da Sexualität und Körperlichkeit aber mit Weiblichkeit assoziiert wurde, im Gegensatz zu Geistigkeit und Gottesfürchtigkeit, die Männlichkeit zugeschrieben wurden, war der Hexenwahn vor allem eine Folge der Frauenfeindlichkeit der Mächtigen.

Den Massen der einfachen Bauern und Bürger und ihren Frauen wurden die Hexenverfolgungen populärwissenschaftlich in den sog. Teufelsbüchern begründet. In Massenauflagen verbreiteten Reformatoren und Gegenreformatoren mit Hilfe zahlreicher einprägsamer Illustrationen unter dem einfachen Volk die Vorstellung, dass der Teufel allgegenwärtig sei und immer entlarvt und vernichtet werden müsse.

Luther leitet die Hexerei aus dem Aufruhr der Bauern 1525 ab, der für ihn ein Werk des Teufels ist: «Wiewohl alle Sünden ein Abfall von Gottes Werken sind, womit Gott gräulich erzürnt und beleidigt wird, so mag doch die Zauberei von wegen ihres Gräuels recht genannt werden eine Rebellion und solch Laster, womit man sich vornehmlich an der göttlichen Majestät vergreift.»

Die Verantwortlichen für die sich daraus ergebenden verbrecherischen Verfolgungen stammten aus den Kreisen des katholischen und protestantischen Klerus sowie der aufstrebenden bürgerlichen Intellektuellen aus der Laienschaft.

Die amerikanische Feministin Mary Daly hält den Kampf um das, was als Herrschaftswissen anzusehen sei, für die Ursache der Verfolgungen. Die Verfolger seien zwar im Besitz offiziell anerkannten Wissens gewesen, das Wissen der Opfer dagegen stammte aus deren älterer kultureller Tradition als Heilerinnen, Hebammen, Weberinnen oder aus anderen Bereichen und wurde zunehmend disqualifiziert. Dieses alte Wissen habe die Frauen sehr unabhängig gemacht. Die neue Klasse männlicher Intellektueller fürchtete die «Hexen» wegen ihrer spirituellen Macht.

Aber auch wirtschaftliche Interessen spielten eine Rolle. So warnten die «Hexen» die Menschen vor dem Konsum von Zucker und beriefen sich dabei auf alte orientalische Zivilisationen, die alle körperlichen und geistigen Krankheiten als Folge von Fehlernährung ansahen. Die Kirche, die seit dem Mittelalter an der Zuckerindustrie beteiligt war, hatte somit ein Interesse daran, die Hexen als Feindinnen von Kirche und Staat darzustellen.

Einige Historiker identifizierten sich bedenkenlos fast bis in die Gegenwart mit Auffassungen damaliger Befürworter des Hexenwahns. In der Einführung zu einer Ausgabe des Hexenhammers von 1928 nennt der Priester Montague Summers diesen «ein großartiges Werk und eines der tiefschürfendsten und interessantesten Bücher, die er unter Büchern dieser Art je gelesen habe». Daly zitiert einen Höhepunkt patriarchalischer Heuchelei in einem Kommentar zum Hexenhammer von Gregory Zilboorg [1935], einem psychiatrischen Forscher, für den zwar die Hexen, nicht aber ihre Folterer «eine Masse schwer neurotischer und psychotischer Personen» gewesen seien, «die unter ständig wachsenden organischen Delirien» litten.

Nähe zum Rechtsradikalismus

Sehr ernst nimmt die Professorin für neue skandinavische Literatur am Nordeuropa-Institut der Humboldt-Universität, Stephanie von Schnurbein, die gefährlichen und menschenfeindlichen Verbindungen zwischen Feminismus und neuem Hexentum. In einem Vortrag am 4.7.2002 warnte sie eindringlich vor dem antiemanzipatorischen Frauenbild und den rassistischen Zielstellungen, die damit transportiert würden. Auch sie sieht die Ursachen für das neue Interesse an Hexen darin, dass diese nicht nur Angst vor einem Wahnbild verbreiten, sondern auch den Wunsch von Frauen nähren, naturnah und mächtig zu sein, Frauen zu werden, die mittels magischer Kenntnisse und ihrer Körperlichkeit Macht ausüben können.

In einer Zeit, in der die Menschen immer weniger imstande sind ihr eigenes Schicksal zu kontrollieren und steuern, in der Sicherheit, Gewissheit, Stabilität äußerst rar sind und Diskontinuität, Brüche, Umstürze bis zum unvorhersehbaren und unverschuldeten Fall in Abhängigkeit und Armut das Leben von der Wiege bis zum Grabe prägen, ist nicht verwunderlich, dass okkulte Praktiken und neue esoterische Kulte und Sekten Zulauf haben und deren alte, zurecht übel beleumdete Wurzeln übersehen werden.

Dass Frauenbewegte seit 1970 ein anhaltendes Interesse an dem Thema Hexen artikulieren, und die Aufarbeitung der Geschichte der infolge des Hexenwahns Verfolgten fordern, ist legitim und die Rehabilitierung Letztgenannter überfällig. Das feministische Identifikationsbild der Hexe als einer naturverbundenen, heilkundigen, ihrer Körperlichkeit bewussten und ihre Sinnlichkeit nicht verleugnenden Frau, die offen ist auch für nicht über den Intellekt vermittelte, ganzheitliche und sinnliche Erfahrungen, ist zurecht inzwischen weithin akzeptierter Teil der Tradition feministisch orientierter Frauen geworden.

Nicht alle alternativen Vorstellungen über Sinnlichkeit und Körperlichkeit und nicht jede Zelebrierung von Weiblichkeit, die sich frauenfreundlicher Hexenbilder bedienen, haben jedoch eine emanzipatorische Funktion. Zwischen ökologisch-feministisch-spiritualistisch orientierten Zusammenschlüssen und den zahlreichen rechtslastigen germanisch-neuheidnischen Verbänden gibt es fließende Übergänge.

Gemeinsam ist jedoch allen die Hervorhebung der Frau als Gebärerin und Versorgerin des «artreinen» Nachwuchses, die aber nicht als gleichwertige Partnerin geachtet wird. Die Achtung der Natur bleibt unverbindlich, weil sie zwar auf besonderen Festen verehrt wird, ihre unaufhaltsame Einengung und Zerstörung aber nicht mit dem Charakter der Produktionsweise in Verbindung gebracht wird.

In den rechtsorientierten Gruppen wird die Frauenverehrung stets auch an der Sorge um «Volk und Rasse» festgemacht, die durch die Frau rein erhalten werden sollen. Das neugermanische und neuheidnische Frauenbild sieht die Frau als Symbol der Erde und der Natur, aber nur als Volksmutter, Pflegerin der «reinen Rasse» und Retterin vor deren Bastardisierung. Viele theoretische Ansätze des rechtslastigen neugermanischen Heidentums sind mit Auffassungen der aus den USA stammenden, Ende des 20.Jahrhunderts auch in Europa populär gewordenen weltanschaulichen Bewegung des New Age eng verwandt. Mystik und Irrationalismus spielen für diese Richtung eine herausragende Rolle. Das bisher oder überhaupt nicht rational Erfassbare könne durch spirituelle Techniken und okkulte Praktiken den Menschen zugänglich gemacht werden.

Umbruchszeiten

In unruhigen Zeiten, in denen sich soziale, wirtschaftliche und kulturelle Umbrüche vollziehen, Kriege vorbereitet werden, neue Schichten oder Gruppen die Herrschaft an sich reißen wollen, geraten Schichten und Gruppen bisher in relativer existenzieller Sicherheit lebender Menschen in existenzielle Gefährdung. Die Mächtigen und die an die Macht Drängenden benötigen dann «Feindbilder», die verhindern, dass sie selbst in Gefahr geraten, als Verursacher des wachsenden Elends und der Unsicherheit der Massen erkannt zu werden. Als Feindbilder eignen sich alle diejenigen, die in irgendeiner Weise von der Mehrheit abweichen.

Je nach dem Grad der Gefährdung der Mächtigen, je nach dem Ausmaß der Angst und Unwissenheit der vom sozialen Absturz, von Armut und Krieg Bedrohten können dann die Feindbilder zu Ausgrenzung und Unterdrückung bis hin zur physischen Vernichtung bestimmter sozialer, ethnischer, religiöser oder anderer Gruppen beitragen, in deren Folge auch massenhaft Menschen untergehen, die zu keiner dieser Gruppen gehören.

*Über Hexen und andere auszumerzende Frauen (Hg. Hanna Behrend/Gisela Notz), Berlin: Trafo-Verlag, 2003, 180 Seiten, 17,80 Euro.


Drucken | Artikellink per Mail | PDF Version

Kommentar zu diesem Artikel hinterlassen

Spenden

Die SoZ steht online kostenlos zur Verfügung. Dahinter stehen dennoch Arbeit und Kosten. Wir bitten daher vor allem unsere regelmäßigen Leserinnen und Leser um eine Spende auf das Konto: Verein für solidarische Perspektiven, Postbank Köln, IBAN: DE07 3701 0050 0006 0395 04, BIC: PBNKDEFF


Schnupperausgabe

Ich möchte die SoZ mal in der Hand halten und bestelle eine kostenlose Probeausgabe oder ein Probeabo.