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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 02/2011 |

Peter Turrini, Wie verdächtig ist der Mensch?

Wortmeldungen. (Hg. Silke Hassler)
Berlin: Suhrkamp, 2010, 286 S., 9 Euro

von Dieter Braeg

Noch gibt es im deutschen Sprachraum, der politisch mehr und mehr zu einer unterentwickelten Kulturruine wird, Zuhörerinnen und Zuhörer. Jetzt können sie auch lesen, was ihnen Peter Turrini zu sagen hat. Bislang hat er hauptsächlich Theaterstücke geschrieben, dies ist das erste Mal, dass seine Reden und verstreuten politichen Texte in einem Sammelband erschienen sind.

Da die Einschränkung des Lesens voranschreitet und genau so wie die freie Meinung nur noch möglich ist, wenn man sie mit bezahlten Inseraten schändet, ist Eile geboten. Bücher sind auf dem Weg in die Welt der „Einschaltquotenbewertung“, da bleibt nicht viel übrig von jener freien Meinung, die heute nötiger ist als je zuvor.

Im Jahre 1973 wurde nachstehende Umfrage durchgeführt, auf die Peter, wie nachzulesen, geantwortet hat:

Umfrage

Glauben Sie an Gott?

Wie halten Sie es mit der Religion?

Was bedeutet Ihnen Ostern?

«Ich glaube an Gott, den allmächtigen Vater, Schöpfer des Himmels und der Erde, einschließlich aller Verbrechen, die auf ihr stattfinden. Ich hoffe, dass sich Interpol demnächst mit diesem Mann beschäftigt.

Ich bin vaginal-orthodox.

Christuswitze.»

Auch im Buch: Turrini redet 1995 vor 50.000 Menschen auf dem Wiener Heldenplatz, er spricht die rechtsradikalen Attentäter mit «Liebe Mörder» an und fährt in seiner Rede fort: «Sie werden mit Ihrer Menschensprengerei nichts gewinnen, keinen neuen Menschen, keinen neuen Staat. Mit jedem, den Sie in die Luft sprengen, werden Sie ein Stück von sich selbst sprengen, bis Sie aufgelöst sind, verschwunden von der Erde.»

Peter Turrinis Wortmeldungen unterteilen sich in folgende Kapitel/Bereiche: «Ich bin Gefangener meiner Biographie», «Wie verdächtig ist der Mensch?», «Über Theater und andere falsche Gefühle», und sehr viel vermittelt und zum Abschluss verhandelt Turrini «Die Theateralisierung Österreichs».

Seine Reden enden sehr oft mit «Ich danke Ihnen fürs Zuhören», er spricht über die täglichen Schweinereien, denen er begegnet, die Tag für Tag stattfinden und oft im Nebel einer öffentlich rechtlichen Berichterstattung untergehen oder umgedeutet werden.

Im Jahre 2005, in Salzburg, wollte man keinen «Eröffnungsredner», die Nestbeschmutzung bei den Salzburger Festspielen sollte ein Ende haben, es kam anders, im Volksgarten in einem überfüllten Zelt fand eine Diskussion statt. Das Motto der Festspiele war: «Wir – die Barbaren», und so sprach Turrini über die Auseinandersetzungen mit einer neuen Religion:

«Seit diese Auseinandersetzungen eindeutig zugunsten der kapitalistischen Ideologie ausgegangen sind, hörte diese auf, eine solche zu sein, und wurde zur allein seligmachenden Religion. Sie argumentierte nicht mehr, sie dogmatisierte, sie verkündete.»

So klärt im Jahre 2005 Peter Turrini die Besucher auf, die der «Textil-Tuttl-und-Talmishow» ihren Stempel aufdrücken: «Das Motto der Festspiele ist eine Tatsachenbehauptung, das auf die Besucherinnen&Besucher zutrifft.»

Jeder kleine Text in diesem Taschenbuch ist wichtig, lüftet bei jenen das Gewissen durch, die glauben, dass Politik in einem «Laden» stattfindet – so zumindest Klaus Ernst, der mit seiner substanzlosen Rabulistik den Nagel auf den Kopf trifft. DIE LINKE ist mit dem nicht elektrifizierten Tiroler Hüttenbesitzer an der Spitze zum «Laden» verkommen, in dem mit spitzem Stift das Wahlergebnis kalkuliert wird, ohne Rücksicht auf Betroffene und Mitgliedschaft.

Das Buch enthält Wortmeldungen aus drei Jahrzehnte, und Silke Hassler, die Herausgeberin, schreibt in ihrem Nachwort: «Aus den Reaktionen des Augenblicks entsteht im nachhinein ein Panorama, eine Rekonstruktion der Zeiten, gesehen aus der Sicht eines leidenschaftlich engagierten Menschen.»

Turrini ist Dramatiker und ein Schriftsteller, der sich sein ganzes Leben mit Texten beschäftigt hat, in denen vor allem Leute vorkommen, die in der Gesellschaft nicht zu den Gewinnern gehören. Eine seiner wichtigsten Arbeiten, die heute schon in Vergessenheit geraten ist, ist die Fernsehserie Arbeitersaga, sie schildert die Geschichte der österreichischen Sozialdemokratie nach 1945.

Zu seinen wichtigsten sozialkritischen und provokanten Theaterstücken gehören Rozznjogd (1971) und Sauschlachten (1972). Auch in Deutschland dürfte seine sechsteilige Serie Alpensaga bekannt sein, die eine kritische Bewertung der Geschichte des österreichischen Bauernstandes von 1900 bis 1945 behandelt.


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