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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Stefan Klein, Der Sinn des Gebens

Warum Selbstlosigkeit in der Evolution siegt und wir mit Egoismus nicht weiterkommen
Frankfurt: S.Fischer, 2010, 335 S., 19,95 Euro

von Paul B. Kleiser

Der wirtschaftliche und ideologische Siegeszug des Neoliberalismus seit den 80er Jahren hat auch in den Gesellschaftswissenschaften zu einer Anthropologie geführt, die den Menschen als ein zutiefst eigennütziges Wesen beschreibt.

«Geiz ist geil», lautete eine der erfolgreichsten Werbebotschaften des letzten Jahrzehnts, was in Wissenschaft und Publizistik mit «Jeder ist sich selbst der Nächste» übersetzt wurde. Der normale Mensch (Mann?) kalkuliert angeblich rein rational Kosten und Nutzen und entscheidet danach, was ihm den höchsten Gewinn einträgt.

Kurzum, nach dieser Ideologie ist der Mensch ein Egoist und Altruismus eine pure Illusion; Gier sei der «Kerngedanke der Evolution». Sogar die meisten Evolutionsbiologen behaupten, der Mensch sei darauf programmiert, seine eigenen Gene weiterzugeben.

Schon 1976 veröffentlichte Richard Dawkins ein Buch mit dem Titel Das egoistische Gen, in dem er sogar den Genen Egoismus unterstellte: «Der Egoismus des Gens wird gewöhnlich egoistisches Verhalten des Individuums hervorrufen.» Da der Neoliberalismus eine stark sozialdarwinistische Schlagseite hat, gehen seine Adepten davon aus, das «Haben», der materielle Erfolg, sei der gerechte Lohn für die eigenen Leistungen, und die zunehmende Polarisierung zwischen Arm und Reich die Folge unterschiedlicher Fähigkeiten: Wer hat, dem wird gegeben!

Stefan Kleins neues, pfiffig und flott geschriebenes Buch ist eine populärwissenschaftliche, aber trotzdem gründliche Abrechung mit solchen Mythen. Er zeigt auf, dass die Menschheit auf der Grundlage der (mechanistischen) neoliberalen Doktrin längst untergegangen wäre und dass in der Evolution letztlich nicht Egoismus, sondern Selbstlosigkeit siegt. Die Grundlagen des menschlichen Lebens sind Vertrauen, Kooperation und Solidarität – also eben jene Eigenschaften, die eine wirkliche sozialistische Gesellschaft kennzeichnen werden.

Bei genauerer Betrachtung zeigt sich, dass Menschen auch heute nicht nur nach ihrem vordergründigen Nutzen handeln, sondern moralischen Normen wie Hilfsbereitschaft und Fairness folgen. Viele begeben sich in Lebensgefahr, um anderen Menschen das Leben zu retten, ohne dass sie daraus irgendeinen Vorteil zögen. Materielle Angebote würden ihre Hilfsbereitschaft nicht stärken, sondern sogar schwächen.

Schon Darwin hatte das selbstlose Handeln erkannt, wusste es aber nicht in sein Werk zu integrieren. In seinem Spätwerk Die Abstammung des Menschen sprach er allerdings von angeborenen «sozialen Instinkten», die beim Menschen zu Gerechtigkeit und Moral führten.

Der russische Anarchist Pjotr Kropotkin führte Anfang des 19.Jahrhunderts den Beweis, dass bei diversen Tierarten und auch beim Menschen gegenseitige Hilfe die biologische Fitness einer Gruppe steigern kann, doch den Einwand, dass sich die Altruisten innerhalb einer Gruppe schlechter stellten als die Egoisten, konnte auch er nicht widerlegen.

Stefan Klein zeigt nun anhand einer beeindruckenden Liste von Forschungsarbeiten auf, dass die liberale Vorstellung vom Menschen als einem egoistischen Individualisten mit der empirischen Wirklichkeit wenig zu tun hat. Entscheidend für den Verkehr von Menschen untereinander sei das Vertrauen: «Der Mensch ist ganz sicher kein Wesen, das in jedem Moment den größten eigenen Vorteil anstrebt. Im Gegenteil: Gerade wenn wir gelegentlich zurückstecken, um eine Beziehung zu pflegen, sind wir erfolgreich.»

Die Grundlage für Vertrauen ist jedoch «soziale Intelligenz», also die Fähigkeit, sich emotional in sein Gegenüber hineinzuversetzen. Ohne Empathie gäbe es kein Vertrauen, aber dann wären auch Zuneigung, Hilfsbereitschaft und letztlich Kooperation nicht möglich. «Wer Schwierigkeiten hat, andere zu verstehen, ist zum Egoismus verdammt. Stets nur auf den eigenen Vorteil zu achten, wäre demnach eine Form nicht nur emotionaler, sondern auch geistiger Beschränktheit.»

Schon die Bibel wusste, was die humanbiologische Forschung in den letzten zwanzig Jahren eindrucksvoll bestätigt hat: «Geben ist seliger als nehmen!» Wer nämlich freiwillig gibt, tauscht Besitz gegen Vertrauen und erzeugt damit Glücksgefühle. Je mehr Menschen Freude beim Schenken empfinden, umso mehr geben sie auch. Selbstlosigkeit hat in der Regel nichts mit Entsagung zu tun.

Tiere sind zwar in der Lage zu kooperieren, etwa bei der Nahrungsbeschaffung, doch sie teilen die Beute nicht untereinander auf. Jeder nimmt, was er kriegen kann.

Affen ähneln dem homo oeconomicus unserer Wirtschaftswissenschaftler als perfekte Egoisten – sie kennen keine moralischen Einstellungen wie Verachtung oder Stolz. Sie nähmen ein schäbiges Angebot an, das im wirklichem Leben (fast) alle Menschen ablehnen würden: etwa das, nur eine Banane zu bekommen, während andere mit einem ganzen Bündel davonlaufen – denn für Affen ist es besser wenig zu bekommen, als leer auszugehen.

Weil Menschen aufgrund ihrer Fähigkeit zur Empathie gelernt haben zu teilen und zu kooperieren und moralische Vorstellungen zu entwickeln, gelang ihnen ein ungleich größerer materieller und geistiger Aufstieg als anderen Gattungen des Tierreichs.


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