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Der arabische Raum und die Frauen

Bildung und Kleinfamilie verändern die Rolle der Frauen in der Gesellschaft
von Gema Martín Múñoz

Die arabischen Gesellschaften werden von Außenstehenden oft als rigide wahrgenommen, resistent gegenüber Veränderungen, weil meist nur die herrschende Schicht gesehen wird, die sich gegen Entwicklung und Veränderung wehrt. Das vorherrschende Frauenbild ist das von Opfern, passiv, exotisch, verhüllt, die eher auf Ereignisse reagieren, anstatt aktiv daran teilzunehmen.

Dieses Bild ist jedoch weit entfernt von der Realität. In Wirklichkeit stecken die arabischen Gesellschaften mitten in einem gewaltigen und unwiderruflichen Umbruch, bei dem die Frauen eine entscheidende Rolle spielen.

In den letzten Jahrzehnten haben sich die Unterschiede in der Schulbildung zwischen Jungen und Mädchen überall verringert – wenn auch unterschiedlich rasch. In vielen arabischen Ländern besuchen mehr Mädchen als Jungen weiterführende Schulen und Universitäten. Das zeigt, dass den Eltern die Ausbildung ihrer Töchter ebenso wichtig ist wie die ihrer Söhne. Alle Umfragen belegen, dass die jungen Männer und Frauen studieren und eine Arbeit finden wollen, bevor sie heiraten. (Außerdem wollen immer mehr ihren Partner selber aussuchen).

Neben sozialen und wirtschaftlichen Faktoren, die die Ausbildung und Arbeitswelt verändern, verändert auch die demografische Entwicklung von Grund auf das traditionelle arabische Familienmodell. Es wird später geheiratet und die Geburtenrate sinkt – das ist das Ergebnis des immer verbreiteteren Griffs zur künstlichen Empfängnisverhütung; dadurch werden die Familien immer kleiner und nähern sich dem westlichen Modell der «Kleinfamilie» an. Der Maghreb steht vermutlich an der Spitze dieser Tendenz, doch man kann sie überall in der arabischen Welt beobachten, auch in den konservativsten Staaten.
Dieses neue Familienmodell hat sich so sehr durchgesetzt, dass es sich auch in ländlichen Gebieten ausbreitet, wo der Rückgang der Landwirtschaft mit einer starken Tendenz zu kleineren Familien einhergeht.

Diese Entwicklung geht in den einzelnen Ländern unterschiedlich rasch vor sich, ist in Stadt und Land jedoch gleichermassen anzutreffen. Es überrascht nicht, dass diese Veränderungen zu einer neuen Machtverteilung zwischen Alten und Jungen, Männern und Frauen geführt haben. Das Patriachat wird zunehmend geschwächt, dazu trägt auch der Übergang von der traditionellen Familie zur Kleinfamilie bei.

Sicherlich stellen diese Veränderungen keinen kompletten Bruch mit der Vergangenheit dar. Jede Veränderung ist der Ausdruck lokaler Kompromisse zwischen den Traditionen und patriachalischen Gesetzen und einem unterschiedlichen Grad der Anpassung an neue Lebensweisen. Wegen der schweren Konflikte in Ländern wie Palästina und Irak ist die Entwicklung hier viel schwächer und komplexer.

Die Dynamik gesellschaftlicher Veränderungen geht in arabischen Ländern selten mit Veränderungen im politischen System einher. In der Mehrzahl widerstehen sie dem Wunsch, die sozialen Veränderungen in einen juristischen Rahmen zu überführen. Sie fürchten zu recht, dass größere Freiheiten und individuelle Autonomie innerhalb der Familie – d.h. die Schwächung des patriachalischen Systems – mit einer öffentlichen Infragestellung der ideologischen Basis der Staatsmacht einhergehen könnte.

Eine Folge davon ist, dass die Regierungen sich so ziemlich überall auf religiöse Normen und, in geringerem Umfang, auf Traditionen berufen, um den Fortbestand der patriachalischen Gesetze zu legitimieren. «Der Staatsfeminismus» ist in der Regel vor allem Ausdruck politischer Rhetorik und Symbolik und zielt eher darauf ab, der internationalen Öffentlichkeit ein fortschrittliches Bild zu vermitteln, als Veränderungen in Gang zu setzen. Es steht jedoch außer Zweifel, dass die politischen Herrscher, ebenso wie die Familien selbst, gezwungen sein werden, die Unhaltbarkeit des traditionellen Modells – was die Frauen betrifft – einzuräumen. Veränderungen in diesem Bereich werden viele andere nach sich ziehen; dies muss sowohl aus arabischer als auch aus auswärtiger Perspektive analysiert werden.

Das ist insbesondere deshalb notwendig, weil die Lage der Frauen einer der wichtigsten Indikatoren ist, der von anderen Ländern, vor allem vom Westen, benutzt wird, um die arabische Welt zu beurteilen. Leider konzentrieren sich die Analysen eher auf den vermuteten Stillstand, der mit den islamischen Normen zusammen hängt, als auf die tatsächlich stattfindenden Veränderungen.

Die Sicht, die Ausländer von arabischen Gesellschaften haben, hindert sie oft daran, sich von dem Gefühl freizumachen, der Islam würde alle Frauen auf dieselbe Weise einengen, während sie in Wirklichkeit unter sehr unterschiedlichen Bedingungen leben. Viele Menschen sind deshalb unfähig, die grundlegenden Veränderungen, die in der arabischen Welt im Gange sind, wahrzunehmen und zu beurteilen – auch wahrzunehmen, in welchem Maße Frauen der Motor dieser Veränderungen sind. Der Westen läuft Gefahr, sich eines wichtigen Schlüssels für das Verständnis der arabischen Welt zu berauben.

Die Autorin ist Professorin für Soziologie der arabischen und islamischen Welt an der Autonomen Universität Madrid und leitet das Arabische Haus. Der Text wurde am 27.Dezember 2010 veröffentlicht.


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