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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Der Ausstieg aus der Kernenergie

Des Kaisers neue grüne Kleider
«Grüner Kapitalismus» ist die Quadratur des Kreises
von Thadeus Pato

Mit einem Mal ist möglich, was jahrelang angeblich den Untergang der Industriegesellschaft bedeutete: Der Ausstieg aus der Kernenergie und der Abschied von den fossilen Energieträgern. Die Parteien und Umweltschutzorganisationen überbieten sich gegenseitig mit Ausstiegsszenarien. Haben die Grünen doch Recht? Ist ein «grüner Kapitalismus»  möglich? Oder ist der Kaiser nackt?
Die Mär von der «sauberen Energie»
Die Protagonisten des «Green New Deal» oder eines «sozial-ökologischen Umbaus» können entweder nicht rechnen, oder, was wahrscheinlicher ist, sie wollen es nicht. Die Behauptung, mit der Abkehr von den fossilen Energieträgern und vom Uran (wobei sie sich zu Öl und Gas höchst wolkig äußern) sei ein entscheidender Schritt hin zu einer nachhaltigen, «grünen» Wirtschaftsordnung erreicht, ist blühender Unsinn. Sie seien an einige Fakten erinnert:

Bis auf die Biogaskraftwerke – und die, notabene, auch nur dann, wenn sie mit Material betrieben werden, das nicht aus dafür betriebenem landwirtschaftlichem Anbau stammt (in letzterem Fall ist die Ökobilanz katastrophal), sondern aus Abfallmaterial – haben alle Energieträger eine mehr oder weniger negative Klimabilanz. Der Umstieg auf «grüne Energieträger» bedeutet zwar eine Reduzierung der Treibhausgasemissionen, aber mitnichten eine klimaneutrale Energieproduktion.

20% der Menschen auf der Erde, nämlich die Bewohner der Industrieländer, verbrauchen ca. 80% der derzeit erzeugten Energie. Ein Drittel der Weltbevölkerung hat überhaupt noch keinen Zugang zu kommerziellen Energieformen.

Der «Earth shoot day», das heißt der Tag des Jahres, an dem rechnerisch die Menschheit ihre Ressourcen für das laufende Jahr verbraucht hat (nicht nur die energetischen!) und ab dem wir die natürlichen Ressourcen nicht nachhaltig vernutzen, lag letztes Jahr im August, und er verlagert sich jedes Jahr weiter nach vorne – wir essen ab August sozusagen die Erde auf. Daran ändert sich im Grundsatz auch nichts, wenn wir nur die Diät ändern.

Natürlich wäre die Durchsetzung des sofortigen Ausstiegs aus der Nukleartechnologie (nicht nur aus der Kernenergie!) ein Meilenstein für die Umwelt- und Klimaschutzbewegung, und es ist alles dafür zu tun, dass wir dieses Ziel erreichen. Aber das eigentliche Problem wird dadurch nicht gelöst: Ein kleiner Teil der Menschen lebt über die (ökologischen) Verhältnisse dieses Planeten. Und die Übrigen?

Versteckter Rassismus
Die Umweltzerstörung und der daraus resultierende Klimawandel sind kein nationales Problem. Das Herangehen der «grünen Erneuerer» allerdings ignoriert diese Tatsache. Nimmt man die Beteuerung, es gehe auch um «globale Gerechtigkeit», ernst, dann müsste man den Energiebedarf der Industrieländer in gleicher Weise auf den Rest der Welt übertragen und dafür sorgen, dass er befriedigt würde. Aber auch beim Einsatz «grüner» Energien wäre das ein Ding der Unmöglichkeit, nicht nur, weil es den Klimawandel extrem beschleunigen würde (auch alternative Energieformen gibt es nicht zum klimatischen Nulltarif), sondern auch deswegen, weil dafür die natürlichen Ressourcen nicht vorhanden sind. Der exorbitante Anstieg der Rohstoffpreise ist eine Folge der bereits in manchen Bereichen (z.B. den sog. seltenen Erden) eingetretenen Verknappung der Materialien, die u.a. für die Produktion von Solarmodulen, der zugehörigen Elektronik etc. benötigt werden. Und was geschähe, wenn man den gesamten heutigen Verkehr der Industrieländer ebenfalls weltweit extrapolieren und diese Fahrzeuge dann mit Strom betreiben würde?

Der so gefeierte «Umstieg» ist folglich nur unter der stillschweigenden Voraussetzung ein Erfolgsrezept, dass der Rest der Welt so weiter lebt wie bisher, also weiterhin ausbeutet wird.

Das allerdings findet, wie die Beispiele China und Indien zeigen, nicht statt – der exklusive Club ist gesprengt.

Nachhaltiger Kapitalismus?
An einem Beispiel aus der «Großen Depression» der 30er Jahre kann man illustrieren, warum Kapitalismus und Nachhaltigkeit im Widerspruch zueinander stehen:  Ein amerikanischer Autor machte damals den Vorschlag, die Krise durch «geplante Obsoleszenz» zu beheben, das heißt dadurch, dass man die begrenzte Haltbarkeit von Erzeugnissen gesetzlich festlegt und damit die Produktion und Konsumtion in Gang hält. Was er dabei übersehen hatte: Die Unternehmen hatten das stillschweigend längst eingeführt. Weil die kapitalistische Wirtschaftsordnung auf Wachstum angewiesen ist, betreibt sie systematische Obsoleszenz – die meisten Produkte könnten ohne Probleme fünf- bis zehnmal so lange gebrauchsfähig bleiben, wenn sie nicht systematisch auf eine bestimmte «Lebensdauer» getrimmt würden. Und das ist kein «Auswuchs» des Systems, sondern zu seiner Aufrechterhaltung bitter notwendig.

Im Bereich der Agrarproduktion wiederum kann man beobachten, wie die Tendenz zur Industrialisierung und Kapitalisierung der Landwirtschaft bereits auf den Bodenertrag und die Bodenqualität zurückschlägt – so gehen jeden Tag auf der Welt mehr Böden verloren, als neu erschlossen werden können.

Bei der Frage, wie dem drohenden Klimadesaster und den damit verbundenen Folgewirkungen beizukommen ist, geht es nicht nur darum, ob man den Energiehunger der Gesellschaft ohne fossile Brennstoffe und Uran stillen kann. Es geht um eine ökologische Gesamtrechnung. Und die sieht so aus, dass in allen Bereichen – Energieproduktion, industrielle Erzeugung, Landwirtschaft – bereits der globale Kannibalismus herrscht. Das heißt folgerichtig, dass die Rückführung auf ein Produktions- und Konsumptionsniveau, das nachhaltige Produktion und nachhaltige Konsumption garantiert, durchgesetzt werden muss. Und das ist das genaue Gegenteil dessen, was das derzeitige System kennzeichnet: schrankenloses Wachstum.

Eben diese Form des quantitativen Wachstums ist es, auf das man verzichten muss, wenn man die Ökosphäre und damit seine Lebensgrundlagen nicht zerstören will – auf das aber wiederum die kapitalistische Wirtschaftsweise nicht verzichten kann. Die erwirtschafteten Profite müssen um jeden Preis wieder ins System reinvestiert werden zu weiterer Produktion, sei sie nun ökologisch sinnvoll oder nicht – bei Strafe des Unterganges.

Wer zu kurz greift, den bestraft das Kapital
Selbstverständlich ist ein Kapitalismus ohne Kernkraft möglich. Selbstverständlich ist ein Kapitalismus mit erneuerbaren Energien möglich – da wird dem Herrn Kapital mittelfristig auch nichts anderes übrigbleiben. Aber das beantwortet die wesentliche Frage nicht. Die würde lauten: Ist eine kapitalistische Gesellschaft in der Lage, insgesamt nachhaltig zu wirtschaften? Die Antwort darauf geben 200 Jahre Industriekapitalismus: Es gibt in der Menschheitsgeschichte kein anderes Beispiel dafür, dass eine Gesellschaftsorganisation, wie sie der Kapitalismus darstellt, innerhalb so kurzer Zeit ein derartiges ökologisches (und soziales) Desaster anrichtet, das das Überleben der Spezies selbst in Frage stellt.

Das System ist flexibel, es stellt sich auf die neuen Bedingungen ein: Die derzeitige Wachstumsbranche ist die Umweltindustrie – da wird fröhlich investiert, unter der stillschweigenden Voraussetzung, dass das erste Ziel darin bestehen muss, die aktuellen Produktions- und Konsumtionsstandards (und die dazu gehörigen Gewohnheiten) aufrechtzuerhalten. Das wird dann die Rache des Kapitals sein: Wir haben grüne Energie, die wird teuer sein – und die Umweltzerstörung geht weiter.

Den Umschlag der kapitalistischen Produktiv- in Destruktivkräfte, von dem Karl Marx einmal sprach, haben wir längst erreicht. Bei dem Versuch, einen nicht wachstumsbedürftigen, nachhaltigen Kapitalismus zu erfinden, handelt es sich schlicht um die erneute Suche nach der Quadratur des Kreises.
Und deshalb ist der grüne Kaiser nackt.


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