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Die Brücke heißt Kraft-Wärme-Kopplung

Für den Übergang zu den Erneuerbaren braucht es keine fossilen Großkraftwerke
von Mohssen Massarrat

Atomenergie taugt nicht als Brückentechnologie hin zur Versorgung mit erneuerbaren Energien. Das hat vor einem Jahr schon der Sachverständigenrat für Umweltfragen festgestellt. Doch es braucht eine Brücke, bis wir 2050 vollständig auf erneuerbare Energien umgestellt haben. Diese gibt es bereits seit langem, sie muss nicht erst erfunden werden: die Blockheizkrafttechnik.
Durch den flächendeckenden Einsatz von Blockheizkraftwerken (BHKW) könnten alle deutschen AKWs innerhalb von drei Jahren abgeschaltet werden. BHKWs (auch als Kraftwärmekopplung bekannt) sind im Prinzip Kraftwerke mit deutlich höherem Wirkungsgrad. Diese Technologie ermöglicht die Umwandlung der Energieverluste, die bei konventionellen Kraftwerken entstehen, in Wärme. Sie liefert also auf der Basis von Öl oder Gas Wärme und Strom. Um die produzierte Wärme ökonomisch rentabel zu nutzen, müssen BHKWs in unmittelbarer Nähe, am besten direkt beim Wärmeverbraucher, installiert werden. Dieser ökonomische «Sachzwang» macht BHKW-Technik auch zu einem Schlüsselprojekt dezentraler Wärme- und Stromversorgung, in diesem Sinne ist sie durchaus vergleichbar mit Solarzellen auf dem Dach.

Deshalb wird sie auch von den Stromkonzernen, wie E.on, Vattenfall, RWE usw., systematisch ignoriert. Tatsächlich gibt es die BHKW-Technik in allen Leistungsvariationen von 1–2 kW als Minikraftwerke für 4-Personen-Haushalte bis zu 150 MW-Einheiten für die Strom- und Wärmeproduktion innerhalb von Ballungszentren. Die Kapazität einer Einheit BHKW orientiert sich entweder an maximalem Wärme- oder an maximalem Strombedarf der Verbraucher.

Im ersteren Fall wird bei sinkendem Wärmebedarf (bei Haushalten z.B. im Sommer) die Produktion von überschüssigem Strom unausweichlich. Die Rentabilität von BHKW-Technik steigt in diesem Fall jedoch drastisch, wenn der dezentral erzeugte überschüssige Strom flexibel und zentral ferngesteuert abgerufen und in das allgemeine Stromnetz eingespeist werden kann. Auch dafür gibt es bereits die Logistik und sie wird z.B. vom «ZuhauseKraftwerk» Lichtblick in Hamburg erfolgreich eingesetzt.

Die BHKW-Technik ist somit in zweifacher Hinsicht eine Brückentechnologie und dazu ein technisch-strategischer Hebel zum Einstieg in das Zeitalter dezentraler und demokratisch kontrollierter Energieversorgung: Sie ist erstens zur Überbrückung bis zum vollständigen Ausbau der erneuerbaren Energietechnologien eindeutig die bessere Brückentechnologie gegenüber den fossil-konventionellen Großkraftwerken, die von den Großkonzernen favorisiert werden, weil sie angesichts ihres höheren Wirkungsgrads deutlich weniger CO2 produziert und somit den Klimaschutzzielen nicht zuwiderläuft. Und sie ist zweitens auch eindeutig die wirksamste Technik, um alle Atomkraftwerke in kürzester Zeit von ca. 3 Jahren zu ersetzen und sie vollständig abzuschalten.

Die 17 deutschen AKWs haben eine Gesamtkapazität von 20.000 MW. Die 7 ältesten AKWs, die die Bundesregierung für 3 Monate vom Netz nimmt, können auf Dauer stillgelegt werden, da ihre Abschaltung – wie wir in den folgenden Monaten erleben werden – wegen der ohnehin überschüssigen Kraftwerkskapazität in Deutschland keine Versorgungsengpässe hervorrufen wird. Es verbleiben 10 weitere AKWs mit rund 12.000 MW Kapazität.

Diese atomare Restkapazität könnte rein technologisch wie folgt durch den Einsatz von BHKWs flexibel in verschiedenen Dimensionen und in verschiedenen Sektoren substituiert werden: 1400 MW durch Mini-BHKWs mit einer Leistung von 1,4 kW in einer Million 4-Personen-Haushalten; 2000 MW durch den Einsatz von 10-kW-Einheiten in 200000 Mehrfamilienhäusern; 5000 MW durch 100-kW-Einheiten in 50.000 (vor allem mittelständischen) Industriebetrieben, Krankenhäusern usw., und schließlich 3600 MW durch den Neubau von 600 dezentralen BHKW-Einheiten mit einer Leistung von 60 MW zur Erzeugung von Strom und Wärme in den Ballungszentren im Umkreis von abgeschalteten AKWs.

Zur beschleunigten Umsetzung dieses Projekts bedarf es freilich der gemeinsamen Anstrengung des Bundes, der Länder und Kommunen sowie eines staatlichen Anreizprogramms. Selbst bei einer großzügig bemessenen Summe von 15 Mrd. Euro (reinem Zuschuss) und dem ökonomischen Verlust durch die Verschrottung der AKWs wäre dieser Weg für eine reiche Volkswirtschaft wie die deutsche nicht nur materiell verkraftbar. Die ökonomischen und gesellschaftlichen Vorteile, wie die Vermeidung von Risiken für die Gesundheit der Bevölkerung und die Folgekosten im Falle eines atomaren Gaus in dreistelliger Milliardenhöhe, die Forcierung des dezentralen Zeitalters der Energieversorgung, die Schaffung von Zehntausenden neuer Arbeitsplätze bei der BHKW-Produktion und -Logistik – alle diese Faktoren schlagen langfristig, manche von ihnen sogar sofort, positiv zu Buche. Erforderlich ist für dieses Projekt allerdings der politische Wille, der bisher noch fehlt.

Auszug aus einem Artikel für die Zeitschrift Graswurzelrevolution, Nr.358, April 2011.
Der Autor ist emeritierter Professor für Politik und Wirtschaft am Fachbereich Sozialwissenschaften der Uni Osnabrück mit den Forschungsschwerpunkten Mittlerer und Naher Osten, Energie, Friedens- und Konfliktforschung, sowie Nord-Süd-Konflikt.


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