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Großer Aufwasch im Subunternehmen

Film über Leiharbeiterinnen in Frankreich
Frankreich 2008
Regie: Ivora Cusack
von Angela Huemer

Zu Beginn des Films lernen wir drei der Protagonistinnen kennen, Gnima Seydi aus Senegal, Fatoumata Coulibaly aus Mauretanien und Franzette Lassource aus Martinique. Gnima und Fatoumata wurden von ihren Ehemännern nach Frankreich geholt, beide haben Kinder.

Gnima erzählt, die Stelle bei Arcade, das Subunternehmen, das für die Accor-Hotels die Reinigungsarbeiten erledigt, war ihre erste richtige «Arbeit», zuvor hatte sie zu Hause oder auf dem Feld gearbeitet. (Zur Accor-Gruppe gehören ua. Novotel, Ibis, Mercure.)

Franzette Lassource hingegen war schon als Jugendliche gekommen, ihre Mutter hat sie nachgeholt. Nach der Schule arbeitete sie stets als Reinigungskraft, in einem Spital, einem Gymnasium und schließlich bei Arcade. Doch am 7.März ziehen sie gemeinsam mit anderen 32 Zimmermädchen vor eines der Accor-Hotels. Sie streiken.

«Nettoyage – Esclavage» ist ihre Parole, Reinigungsarbeit ist Sklaverei. Der Grund für ihren Protest: Sie müssen bis zu 4–5 Zimmer pro Stunde reinigen, im Schnitt haben sie pro Zimmer 17 Minuten. Sie alle werden nur für wenige Stunden pro Tag bezahlt, in denen sie ein gewisses Pensum erledigen müssen. D.h. sie arbeiten regelmäßig viel mehr Stunden, als sie tatsächlich bezahlt werden. Zu Beginn des Films erläutert das ein Beitrag der französischen Fernsehnachrichten und nennt das Ding beim Namen, Akkordarbeit.

Im Beitrag kommt auch der Generalsekretär von Arcade, Guy Auneau, zu Wort. Die Schnelligkeit ist eine Frage der Übung, meint er. Und er zieht einen Vergleich: Wenn man zum ersten Mal Windsurfen geht, landet man auch oft ungewollt im Wasser, bis man die richtigen Kniffe drauf hat. Doch um ein Badezimmer gründlich zu putzen, das Bett zu machen, und ein Zimmer gründlich zu reinigen bräuchte man wohl einen Zauberlehrling, um das in den geforderten 17 Minuten zu erledigen. 1,63 Euro verdienten die Frauen 2002 für die Reinigung eines Zimmers. Der Streik hatte Folgen: Binnen kurzer Zeit wurden acht Frauen entlassen.

Doch nicht nur die schlechten Arbeitsbedingungen waren die Ursache für den Streik. Die Frauen, die bei Arcade beschäftigt sind, arbeiten Seite an Seite mit Zimmermädchen, die direkt beim Hauptunternehmen Accor angestellt sind – wissend, dass sie um einiges schlechter behandelt werden. Damit sie das nicht so leicht herausfinden, dürfen sie nicht einmal mit den Accor-Zimmermädchen sprechen, erzählt Gnima Seydi aus Senegal. Die Frauen sind hartnäckig und bekommen Unterstützung von Gewerkschaften und einem Solidaritätskomitee. Sie ziehen von Hotel zu Hotel und versuchen, Beschäftigte und Hotelgäste aufzuklären. Mittels Konfetti und Flugblätter «verunreinigen» sie Hotellobbies. Die Frauen, die sonsten für Hotelbesucher nahezu unsichtbar bleiben, treten endlich in den Vordergrund. Keine von ihnen hat auch nur irgendeine Erfahrung im Arbeitskampf, geschweige denn genaue Kenntnisse über ihre Rechte.

Neben den Arbeitsbedingungen ist es auch ihre Würde, um die sie kämpfen. Wie sagt eine der Frauen: «Sie behandeln uns wie Tiere.» All das ändert sich im Streik. Als sie einen halbwegs akzeptablen Vertrag angeboten bekommen, akzeptieren sie und beenden den Streik – nach über einem Jahr.

Doch damit ist es nicht vorbei. Eine der Frauen, Faty Mayant, die nach dem Streik Gewerkschaftsvertreterin wurde, wurde 2004 entlassen. Angeblich hätte sie zuviele Stunden für ihre Gewerkschaftstätigkeit aufgewendet. Nur zwei ihrer Kolleginnen wollten für sie streiken – verständlich, angesichts des ökonomischen und sozialen Drucks, unter dem sie stehen. Doch mithilfe des Solidaritätskomitees kämpft Faty Mayant.

Auf ungewöhnliche Weise: Jede Woche picknicken sie und ihre Freunde vom Komitee in einem anderen Hotel. Sie laden die Gäste ein, mit ihnen zu essen und zu trinken, und manche tun das auch. Manche wenden sich aber wütend an den Hotelrestaurantleiter und verbitten sich, beim Abendessen durch das Verteilen von Flugblättern gestört zu werden.
Accor versucht sich aus all dem weitgehend herauszuhalten, indem es den schwarzen Peter schlicht und einfach dem Subunternehmer zuschiebt – wie im Film zu sehen, bedeutet ein Wechsel des Subunternehmers meist eine Verschlechterung. Doch nach und nach werden Reinigungskräfte wieder direkt eingestellt.

Obwohl der Film die Geschichte eines Arbeitskampfs in Paris zeigt, ist das Thema gesamteuropäisch von Relevanz. Umso erfreulicher ist es, dass die Stiftung für Menschenwürde und Arbeitswelt die Herausgabe einer DVD des Films ermöglicht hat, mit Untertiteln auf Französisch, Englisch, Niederländisch, Italienisch, Spanisch und Deutsch.

Erhältlich bei: http://remue-menage. 360etmemeplus.org.


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