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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 04/2011 |

Hermann Scheer, Der energethische Imperativ

München: Kunstmann, 2010
Hundert Prozent jetzt!
von Rolf Euler
Hermann Scheer, langjähriger Streiter für solare Wirtschaft und Energiegewinnung, Träger des Alternativen Nobelpreises, starb im Oktober vergangenen Jahres. Kurz darauf erschien sein Buch Der energethische Imperativ, sein Erbe sozusagen, das auf erhöhte Aufmerksamkeit stieß, als durch das Atomunglück in Japan alle Welt plötzlich von alternativen Energien redete.
Hermann Scheer war lange Bundestagsabgeordneter der SPD und kennt die Debatte um die solare Energieerzeugung nicht nur von Anfang an, er kennt vor allem die politischen Gegner dieser Alternative: Die Interessenverbände, ihre Berater, ihre politischen Sprachrohre, die Konzerne und die Verhältnisse weltweit. So kann er gewissermaßen durch die heutige Landschaft des Umstiegs geleiten, fast als ob er Fukushima und die jetzige deutsche Debatte vorausgeahnt hätte.

Zu Beginn erläutert er noch einmal den grundlegenden Unterschied zwischen der Energiegewinnung aus erneuerbaren Quellen wie Sonne, Wind, Biomasse, und derjenigen aus fossilen Trägern, die lokal begrenzt vorkommen und weltweit vertrieben und in Großkraftwerken bereit gestellt werden. Er schreibt: «Als natürliche Umgebungsenergie sind die erneuerbaren Energien überall auf dem Erdball vorhanden, in allerdings unterschiedlicher Intensität. Sie ermöglichen eine dezentrale Energiegewinnung für dezentralen Energiekonsum, also das Zusammenfallen der Räume der Energiegewinnung mit denen der Energienutzung.» Anstelle der «zwangsläufigen Folge der Aneignung und Umwandlung dieser Energie durch wenige zentralisierte Energieversorger und deren Veräußerung und Verteilung an alle» wird es möglich, mit erneuerbaren Energien «den umgekehrten Weg einzuschlagen: die Aneignung und Umwandlung von Energie potenziell durch alle und damit die umfassende Befreiung von existenziellen Abhängigkeiten».

Hier klingt ein wichtiger Ansatz seines Buches an: Es geht ihm nicht um Technik, Physik und Zahlen, sondern um die Gesellschaft und die möglichen Träger einer anderen Energieversorgung. Außerdem will er klarmachen, dass die Versorgungsstrukturen der deutschen Elektrizitätswirtschaft genau die Haupthindernisse einer Umstellung auf 100% erneuerbare Energien sind. Franz Alt spricht von den «vier Besatzungsmächten» RWE, Eon, EnBW und Vattenfall.

Hermann Scheer zitiert viele Untersuchungen, die kalkulieren, wie schnell man mit welchem Einsatz zu einer vollständigen Umstellung der Stromerzeugung kommen kann, bei gleichzeitiger Nutzung von Einsparpotenzialen im Wärme- und Stromverbrauch. Er verweist auf die vielen Technologiesprünge bei den erneuerbaren Energien, von denen noch vor kurzem behauptet wurde, sie könnten nur maximal 5% der Stromversorgung übernehmen. Allein der Ausbau der Windenergie in den südlichen Bundesländern, der politisch von den dortigen CDU/CSU-Länderregierungen behindert wurde, auf das Maß von Brandenburg oder Schleswig-Holstein hätte zur Folge, dass der Anteil der Windenergieerzeugung am Nettostromverbrauch fast verdoppelt würde.

Besonders ausführlich setzt sich das Buch mit den so genannten «Brückentechnologien» zu einer solaren Energieerzeugung auseinander: Atomenergie und CO2-Verpressung, aber auch anscheinend alternative Projekte wie Offshore-Windenergieparks und «Desertec», also die Stromerzeugung für Europa in den nordafrikanischen Wüsten.

Die Planung für diese Projekte verlängert nur den Bedarf an zentralistischen, monopolistischen und preistreibenden Strukturen. Kohlekraftwerke mit anschließender Trennung und Verpressung des Kohlendioxids in der Erde stoßen schon im ersten Planungsstadium auf Widerstand. Atomkraftwerke können nicht mehr länger betrieben werden. Aber was ist mit Wind vom Meer und Sonne aus der Wüste? Auch hier stellt Scheer zu Recht fest: Dieselben Konzerne, die die schärfsten Gegner der erneuerbaren Energien waren, machen sich für diese Projekte stark, weil sie ihre zentralisierte Gewinnung von Strom und Profit auf diese Art fortführen können. Solche Projekte würden jedoch den Einsatz von Mitteln für dezentrale Wind-, Sonnen- und Wasserkraftwerke und die Diskussion um wirkliche Alternativen, die nicht an die Großstrukturen und Eigentumsverhältnisse der Konzerne gebunden sind, verhindern.

Scheer weist nach, dass eine dezentrale erneuerbare Energiegewinnung sowohl schneller möglich ist, als auch der für die Nutzer der wirtschaftlich effizientere und gesellschaftlich attraktivere Weg ist. Er verweist auf die technologischen Fortschritte in der Erzeugung von Solarzellen, die Bereitstellung von kleinen Windkraftwerken am Haus, Flüssigsalzspeicher, Wasserstofferzeugung und Rückverwandlung in Stromerzeugung. Großkraftwerke fossiler oder atomarer Art stellen nicht nur Energie- und Ressourcenvernichtung dar, sondern auch ein erhöhtes Gefahrenpotenzial bei ihren Abfallprodukten wie strahlendem Material bzw. Treibhausgasen.

Das Buch beschäftigt sich auch mit den politischen Rahmenbedingungen zur Förderung alternativer Energien, wobei das Scheitern der Klimakonferenz ihn dazu bringt, von einem völligen Neuanfang zu sprechen und lokale und regionale Initiativen zu fordern. Scheers Sprache ist drängend, überzeugende Argumente und Kritiken wechseln mit der Darstellung von alternativen Beispielen und der Darlegung der vielen Chancen, die in einer vollständigen Umsteuerung auf «100 % jetzt!» liegen.

Sein Bucherbe ist durch Fukushima und die nachfolgende Diskussion leider noch aktueller geworden, gut dass es noch fertig geworden ist.


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