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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 04/2011 |

Smolensk: Ein Jahr nach dem Flugzeugunglück

von Norbert Kollenda
Viele Menschen in Polen sahen mit gemischten Gefühlen dem ersten Jahrestag der Flugzeugkatastrophe von Smolensk entgegen. Die meisten haben genug von den ständig wiederkehrenden Verschwörungstheorien der nationalkonservativen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS), der der verstorbene Staatspräsident angehörte.

Im Sejm gedachten Politiker der Katastrophe, bei der Lech Kaczynski und 95 andere Persönlichkeiten Polens umkamen. Der Zwillingsbruder des ehemaligen Präsidenten rief derweil seine Anhänger vor dem Präsidentenpalast zusammen, wo ehemals das umstrittene Kreuz stand. Breiten Raum in der Berichterstattung der polnischen Medien nehmen die Auffassungen von Jaroslaw Kaczynski und seiner Anhänger ein.

Berücksichtigen wir im Vergleich, wie wenig Zustimmung Kaczynski in der Bevölkerung findet, so ist das schon recht verwunderlich, zumal nicht nur die Regenbogenpresse, sondern auch angesehene Zeitschriften wie die Polityka seitenlang mit von der Partie sind.

Die Katastrophe von Smolensk hatte neben dem Ereignis selbst für Polen noch eine andere tragische Komponente. In Katyn bei Smolensk waren durch einen Befehl Stalins während des Zweiten Weltkriegs über 20.000 Soldaten, Offiziere und Intellektuelle erschossen worden. Erst in der Amtszeit von Gorbatschow wurde dieser Mord durch die Sowjetunion zugegeben, nachdem sie vorher die Schuld auf die Nazis geschoben hatte.

Wer gehofft hatte, dass nach der Flugzeugkatastrophe von Smolensk die Menschen in Polen näher rücken und all die Unterstellungen und Beschimpfungen beenden würden, sah sich getäuscht. Spätestens nach der verlorenen Präsidentenwahl begann der Präsidentenbruder Jaroslaw Kaczynski wieder mit seinen disqualifizierten und disqualizierenden Äußerungen. Was eher nach einem nicht verarbeiteten Schock aussieht und einfach gestrickte Menschen einbezieht, mag eine Sache für Psychologen und Soziologen sein. Die politische Atmosphäre vergiftet sie allemal.

Aber die meisten Polen gehen nicht, wie Kaczynski und seine Anhänger, davon aus, dass dieses Unglück durch einen Anschlag verursacht wurde. Auch nicht durch einen künstlich erzeugten Nebel etwa (!). Nur 8% der vom Zentralen Meinungsforschungsinstitut TNS OBOP Befragten gehen davon aus, dass diese Katastrophe durch einen Anschlag ausgelöst wurde. Und nur 15% sehen in der Katastrophe eine wichtige moralische Herausforderung – also nur die Hälfte der PiS-Anhänger. 37% sehen darin ein Ereignis, das politisch ausgenutzt wird, und 34% meinen, dieses Drama sollte die Menschen vereinen und nicht entzweien.

Dies zeigt, denke ich, ganz deutlich, dass all die Bemühungen von Jaroslaw Kaczynski, mit Verschwörungen die Menschen zu verunsichern und zu manipulieren, wenig fruchten. Wie so oft, spielt auch in Polen die Meinung von Politikern und den bürgerlichen Medien bzw. der Regenbogenpresse nicht die Meinung der Mehrheit der Menschen wider.

Ein Problem und Unsicherheitsfaktor mag auch sein, dass es zwar von russischer Seite einen Bericht über die Ursachen der Katastrophe gibt, aber noch keinen der polnischen Untersuchungskommission. Ein hoher Militär, der einst auch Präsidentenmaschienen flog, ist der Auffassung, Polen würde sich blamieren, wenn, wie von Kaczynski verlangt, eine internationale Untersuchungskommission den Absturz untersuchen würde. Die elementarsten Vorschriften seien nicht eingehalten worden. In Smolensk gab es keine technischen Voraussetzungen, um bei Nebel zu landen. Aber die Piloten hatten ihren angetrunkenen Chef der Luftstreitkräfte im Nacken, dessen Selbsterhaltungstrieb offenbar schon ausgeschaltet war, als sie wiederholt zum Landeanflug ansetzen (mussten). Es handelte sich um eine junge und unerfahrene Besatzung, die aus offenbar politischen Gründen an keinen Schulungen mehr an der Tupulew in Russland teilgenommen hatte.


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