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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 04/2011 |

Stagnation oder Lange Wellen der Konjunktur?

Serie zu Krisentheorie und -politik (V.)
von Ingo Schmidt

Krisen gehören zum Kapitalismus – darin sind sich Marxisten einig. Über den Daumen alle acht bis zehn Jahre unterbrechen sie die kapitalistische Akkumulation. Die Existenz dieses Krisenzyklus ist empirisch gut belegt, allerdings steht sie im Widerspruch zur Vorstellung, Krisen würden die Illusion von Freiheit und Gleichheit der Marktteilnehmer zerstören.

Von den Weltwirtschaftskrisen 1857 und 1873 erhoffte sich Marx eine Wiederbelebung des revolutionären Geistes, der die 48er Revolutionäre beflügelt hatte. Zudem setzte er darauf, dass die Ausbreitung des Kapitalismus und die damit einhergehende Proletarisierung breiter Volksmassen der Revolution massenhaft neue Kämpfer zuführen würde. Vergeblich: Die 57er Krise unterbrach den langfristigen Aufschwung, den die Industrialisierung Westeuropas und Nordamerikas nährte, nur kurz und ohne die politischen Systeme auch nur anzukratzen.

Die 73er Krise leitete zwar eine Phase schwächeren Wachstums ein, Zeitgenossen sprachen sogar von einer Depression, der davon erhoffte Aufschwung der Arbeiterkämpfe blieb aber auch diesmal aus. Um aus künftigen Krisen mehr politisches Kapital schlagen zu können, wurde 1889 die II.Internationale gegründet; der Zusammenhang von Krisen und Klassenkampf wurde neu diskutiert. Dabei verschob sich das Interesse von den zyklischen Krisen auf längerfristige Entwicklungen.

Hilferding (1910) und Lenin (1917) wiesen auf die Herausbildung von Kartellen und Konzernen hin und behaupteten, die Macht des zunehmend konzentrierten Kapitals werde nicht von der unsichtbaren Hand des Marktes kontrolliert. Hilferding argumentierte, die Kommandohöhen des Monopolkapitalismus könnten von Kapitalisten und demokratisch gewählten Volksvertretern gemeinsam eingenommen werden, während Lenin ihre Erstürmung durch die Avantgarde des Proletariats empfahl.

Beide hoben strukturelle Veränderungen – den Übergang vom Kapitalismus der freien Konkurrenz zum Monopolkapitalismus – hervor und zogen daraus strategische Schlussfolgerungen. Die Akkumulationsbewegung spielte nur insofern eine Rolle, als Lenin davon ausging, die Investitionen würden umso stärker zurückgehen, je weniger die Konkurrenz das Monopolkapital zu unternehmerischer Aktivität anstachele. Die Herausbildung der Monopolbetriebe führe zu Stagnation, der Wettbewerb zwischen den Unternehmen eines Landes verlagere sich auf die imperialistische Konkurrenz zwischen vom Monopolkapital kontrollierten Staaten.

Einen Zusammenhang zwischen Stagnation und Imperialismus stellte auch Rosa Luxemburg (1913) her, stützte ihre Analyse aber nicht auf strukturelle Änderungen der Angebotsseite, sondern auf den Mangel an zahlungsfähiger Nachfrage. Der Massenkaufkraft sind durch den Widerstand der Unternehmen gegen Lohnsteigerungen Grenzen gesetzt. In Industrialisierungsphasen wird die Akkumulation von der Nachfrage nach Investitionsgütern getragen. Nach dem Aufbau eines industriellen Kapitalstocks stellt sich jedoch das Problem der Überkapazität. Ein allgemeiner Nachfragemangel kann dann nur noch vermieden werden, wenn neue Märkte erschlossen werden. Diese wurden zu Luxemburgs Zeiten vor allem außerhalb der gerade in Europa und Nordamerika entstandenen industriellen Zentren gesucht. Imperialistische Konkurrenz war die unausweichliche Folge der kolonialen Expansion.

Zwei Weltkriege und die Depression der 30er Jahre bestätigten die Schlussfolgerungen, die Lenin und Luxemburg aus ihren jeweiligen Analysen gezogen hatten. Ob Kriege und Krise aber durch die nachlassende Investitionstätigkeit des Monopolkapitals, durch fehlende gesamtwirtschaftliche Nachfrage oder eine Kombination aus beiden, oder durch gänzlich andere Faktoren verursacht wurden, ist immer noch umstritten. Die Frage nach den Ursachen vergangener Krisen wird jedes Mal gestellt, wenn die Gegenwart von besonders heftigen ökonomischen und politischen Krisen geprägt ist.

So war es auch nach dem Ersten Weltkrieg, in der Krise 1920/21, als Trotzki und der sowjetische Ökonom Kondratieff die Frage nach den Zukunftsperspektiven des Kapitalismus vor dem Hintergrund seiner bisherigen Entwicklung diskutierten.

Die Betrachtung langer Datenreihen führte Kondratieff zu der Annahme, der Kapitalismus habe seit den 1840er Jahren zwei lange Wellen durchlaufen und die zweite dieser Wellen sei gerade in ihre Abschwungsphase übergegangen, so dass für die nähere Zukunft weitere Wirtschaftskrisen zu erwarten seien. Mitte der 20er Jahre entwickelte er ein theoretisches Modell zur Erklärung dieser Wellen. Demzufolge erforderten Basisinvestitionen in neue Technologien und Infrastruktur große Kapitalbeträge, die über einen längeren Zeitraum zusammengespart werden müssten und schließlich zu einem anhaltenden Investitionsboom führen würden. Dessen Auslaufen sei allerdings mit einer Zunahme von Klassenkämpfen und internationaler Konkurrenz bis hin zu Kriegen verbunden.

Obwohl dieses Modell sich auf Marx’sche Argumente berufen konnte, widersprach Trotzki heftig. Kondratieff sagte zwar für die unmittelbare Zukunft weitere Krisen und Klassenkämpfe voraus, hielt nach einer längeren Krisenphase aber auch eine neue Prosperität für möglich.

Dies behagte dem Revolutionär Trotzki, der 1938 die Gründung der IV.Internationale mit dem Hinweis auf den unmittelbar bevorstehenden Zusammenbruch des Kapitalismus begründete, schon in den 20er Jahren nicht. Sein Argument: Die kapitalistische Akkumulation gehe mit zyklischen Krisen einher, durchlaufe aber auch längere Entwicklungsphasen, die über den acht- bis zehnjährigen Zyklus hinausgingen und von externen Faktoren, z.B. Kriegen und Revolutionen, bestimmt seien. Dieses Argument sollte die Möglichkeit der Aktualität der Revolution nach dem Abflauen der revolutionären Welle Anfang der 20er Jahre offenhalten. Trotzkis Argumentation ließ viel mehr Raum für politische Intervention als Kondratieffs in sich geschlossenes Akkumulationsmodell.

Mit dem Zweiten Weltkrieg setzte eine historisch beispiellose Prosperitätsphase ein, die Trotzkis Zusammenbruchserwartung widersprach, aber auch mit Kondratieffs Schema der langen Wellen nicht recht zusammenpasste. In diesem Schema waren Kriege als Folge des Übergangs von der langen Aufschwungs- zur Abschwungsphase vorgesehen.

Dies traf für den Ersten Weltkrieg zu, nicht aber für den Zweiten, der im Nachhinein deutlich erkennen lässt, dass er dem Fordismus-Boom der 50er und 60er Jahre zum Durchbruch verholfen hat. Je länger der Boom anhielt, umso mehr erschienen marxistische Krisentheorien als Fußnoten einer glücklich überstandenen Geschichte von Kriegen und Krisen. Ende der 60er Jahre, als der Prosperitätsmotor schon nicht mehr richtig rund lief, sahen die meisten Marxisten das Problem eher in inflationären Verteilungskämpfen und damit verbundenen Legitimationsproblemen des Kapitalismus als in einer Rückkehr von Krise oder gar Depressionen.

Eine Ausnahme stellte Mandels Werk Der Spätkapitalismus (1972) dar, in dem er eine Synthese aus Trotzkis Betonung von Politik und Klassenkampf und Kondratieffs ökonomischem Modell der langen Wellen vorstellte. Diese Synthese baute er im Laufe der folgenden Jahre, deren wiederkehrende Krisen sich gut in sein Schema eines langen Abschwungs einfügten, zu einem eigenen Buch aus (Die langen Wellen im Kapitalismus. Eine marxistische Erklärung, 1983; im englischen Original 1980).

Bei dessen Erscheinen waren die herrschenden Klassen bereits dazu übergegangen, die Rolle des Klassenkampfs – nun allerdings von oben – für den Akkumulationsprozess praktisch unter Beweis zu stellen. Theoretisch begleitet wurde die Kapitaloffensive von einer Schumpeter-Renaissance.

Schumpeter (1939) hatte Ende der 30er Jahre seine eigene Synthese aus Kondratieff und Trotzki vorgestellt – allerdings ohne auf letzteren explizit Bezug zu nehmen. Anhaltende Aufschwungsphasen würden Schumpeter zufolge durch Avantgarden innovativer Unternehmer ausgelöst, die in seiner Theorie eine ähnliche Rolle spielen wie die proletarischen Avantgarden in Trotzkis Revolutionstheorie.

Die schumpeterianische Unternehmensrevolution lief sich in den 80er Jahren freilich ebenso tot wie die proletarische Revolution in den 20er Jahren. Zwar gelang es dem Unternehmertum, Gewerkschaften und Sozialdemokratie zurückzudrängen. Der kapitalistische Produktionsprozess wurde vollständig umgekrempelt und es konnten auch eine Reihe neuer Märkte erschlossen werden. Von einer langen Prosperitätsphase konnte aber – außer an der Börse – keine Rede sein. Die Akkumulation entwickelte sich auch nach den Krisen der 70er Jahre eher schleppend und endete 2008 in einer Weltwirtschaftskrise, die häufig als Große Rezession bezeichnet wird.

Vielleicht war sie aber auch der Beginn einer neuen Depression, sprich einer anhaltenden Phase schwachen Wachstums und häufiger Rezessionen? Um diese Frage zu beantworten, müsste der marxistische Theoriefaden wieder aufgenommen werden, den sich die Linke in den 80er Jahren von den bürgerlichen Schumpeter-Freunden hat abnehmen lassen.


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