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Klassenanalyse@BRD

Arbeitende Klasse in Deutschland –
Macht und Ohnmacht der Lohnarbeiter

E.Lieberam/J.Miehe (Hg.), Bonn 2011: Pahl-Rugenstein, 210 S., 19,90 Euro
von Jochen Gester

Lieberam/Miehe legen eine Aufsatzsammlung vor, deren Hauptteil sich mit der strukturellen Entwicklung der Arbeiterklasse in den letzten Jahrzehnten befasst und darüber hinaus versucht, die Faktoren zu beschreiben, die verhindern, dass sich die abhängig Beschäftigten als selbstbewusste und handlungsfähige Klasse konstituieren.
Dieses Buch ist Ergebnis einer 2003 begonnenen Forschungsarbeit des Marx-Engels-Instituts mit dem Titel Klassenanalyse@BRD. Die Beschäftigung mit diesem Thema ist in der Linken kein Novum. Anfang der 70er Jahre entstand das «Projekt Klassenanalyse» in Westberlin, das wohl auch vor dem Hintergrund einer wenig politisch selbstbewussten Arbeiterklasse für die Hoffnung stand, über diesen Weg einen Generalschlüssel zur Überwindung dieses Mankos zu finden. Sozialwissenschaftler der DDR und des IMFS in Frankfurt stellten ihre Klassenanalyse in den Rahmen der Theorie des staatsmonopolistischen Kapitalismus.

Gestritten wurde in der antikapitalistischen Linken damals vor allem über einen zu engen oder zu weiten Begriff der Arbeiterklasse. Im ersten Fall wurde diese auf die Schicht der produktiven Industriearbeiter begrenzt, im zweiten umfasste sie alle, die bar von Produktionsmitteln sind. Politische Konsequenz der ersten Theorie war, dass die so definierte Klasse gesellschaftlich schon kaum mehr eine Mehrheit darstellte und zu einer Art Bündnispolitik mit anderen Teilen der Lohnabhängigen genötigt war, die die «neue lohnabhängige Mittelklasse» bildeten und zum Objekt von Führung und Anleitung durch das «proletarische Zentrum» wurden.

Die zweite Theorie hat den Haken, dass sie Teile der Lohnabhängigen zur Arbeiterklasse rechnet, die durch ihre Herrschaftsfunktionen und andere herausgehobene Merkmale mit ziemlicher Sicherheit nie Akteure des proletarischen Klassenkampfs werden würden. Auf sie hätte sich höchstens – wie berechtigt auch immer – die angestrebte Regierung der antimonopolistischen Demokratie stützen können, die hier aber eher einen Elitenwechsel als eine soziale Revolution verkörpert hätte.

Die beiden Herausgeber des Buches gehen in ihren Analysen über das damalige Niveau der Auseinandersetzung hinaus und nutzen dabei vorliegende Sozialstatistiken. Trotz der Schwierigkeit, die vorliegenden Daten für eine marxistische Klassenanalyse zu nutzen, versuchen sie mit Hilfe des zwar lückenhaften und nur bis 2008 reichenden Zahlenmaterials die heutige Klassenzusammensetzung zu quantifizieren und zu bewerten.

Jörg Miehe stellt den «Umfang einer orthodox bestimmten modernen Arbeiterklasse in der BRD» vor. Diese beschreibt er u.a. durch den Widerspruch, dass die abhängig Beschäftigten mit 27,7 Mio. Menschen gegenüber der Gesamtzahl von 29,4 Mio. Erwerbstätigen einen Anteil von über 87% bilden, die Schicht der im traditionellen Arbeitsrecht als «Arbeiter» gefassten Lohnabhängigen jedoch nur noch 32,5 % ausmacht. Darin spiegelt sich die Abnahme des Umfangs industrieller Tätigkeiten und die Ausdehnung des Dienstleistungsbereichs, der zunehmend marktförmig organisiert und hierarchisiert wird.

Ekkehard Lieberam skizziert in seinem Beitrag die Veränderung der Klassenzusammensetzung vom 19.Jahrhundert bis heute und die dazugehörigen Diskussionen über die Konsequenzen für den Klassenkampf. Einer seiner zentralen Schlussfolgerungen: «Die reale Klasse ist die ‹mobilisierte Klasse›», kann ich nur zustimmen. Wenn man die Gefahr des Stellvertreterhandelns nicht aus dem Auge verliert, gewinnt man mit dieser Sichtweise am ehesten einen vorurteilslosen Zugang zu den wirklich kämpfenden Teilen der Klasse, deren Bedeutung sich an ihrem Anteil an realen Veränderungen und nicht an soziologischen «Adelsprädikaten» misst.

Der Aufsatz Lieberams endet für mich mit einem unerwartet selbstkritischen und erfreulichen Resümee. Er betont die Notwendigkeit eines organisierten Zentrums der Gegenmacht, das es bei aller «Pluralisierung des Gesamtsubjekts» zu schaffen gilt. Er schlussfolgert jedoch auch: «Ein derartiges Zentrum wird kaum, wie in der Vergangenheit, die ‹Führung durch eine Partei› sein können. Es geht der Sache nach um eine Selbstzentralisierung der sozialen und politischen Akteure als plurale Allianz im Kampf um verbesserte Arbeits- und Lebensbedingungen und um die Überwindung der kapitalistischen Klassengesellschaft.»

Gerade diese Bereitschaft zur selbstkritischen Betrachtung der eigenen Organisationsgeschichte fehlt mir zum Beispiel im Beitrag von Achim Bigus. Der Kollege hat einen sehr lesenswerten Artikel darüber geschrieben, wie die kapitalistischen Verhältnisse und versteinerte politische Traditionen die Lohnabhängigen in der BRD am selbstermächtigenden Handeln hindern.

Dabei kann er sich auf seine langjährige Erfahrung in der Automobilindustrie stützen. Er analysiert das Verhalten der Beschäftigten ohne Mythen und findet treffende Worte für die Politik derjenigen, die die Gewerkschaften verwalten. Doch darüber, welchen Anteil der sog. real existierende Sozialismus für die Zementierung dieser Verhältnisse hatte, verliert er kein kritisches Wort, als ob das Bewusstsein der westdeutschen Arbeiterklasse in dieser Frage nur die bürgerliche Meinungsmache widerspiegele.

Das ist meines Erachtens weit gefehlt. Es ist auch das Ergebnis eines eigenen Urteils darüber, dass hier alles Mögliche real war, jedoch nicht die Selbstbefreiung der Arbeiterklasse.


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