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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 05/2011 |

Massentierhaltung und Kapitalkonzentration

Ein Beispiel aus dem Landkreis Celle
von Volker Petran
Wir essen Industrieabfälle, vernichten Ackerland, verseuchen das Wasser und produzieren Hunger: Ein Beispiel einer neu zu errichtenden Hähnchenmastanlage im Landkreis Celle schildert den verheerenden Kreislauf der industriellen Landwirtschaft.
Auch ich war ehedem der Meinung, der kapitalistischen Durchdringung der Landwirtschaft wären Grenzen gesetzt. Schon allein die Tatsache, dass sich Grund und Boden eben nicht, wie industrielle Produktionsmittel, beliebig vermehren lassen, und auch die noch aus feudaler Zeit stammenden Besitzverhältnisse und festen Traditionen würden dem Kapital Grenzen setzen.

Ich konnte mir, Romantiker, der ich war, nicht vorstellen, dass sich Lebensmittelproduktion von natürlichen, landschaftlichen, klimatischen Bedingungen ankoppeln lässt. In einem bestimmten Raum, etwa im Gebirge mit Almwirtschaft, gäben die natürlichen Bedingungen, um ein Beispiel zu nennen, eben nur ein bestimmte Anzahl zu haltender Tiere her. Welch ein Irrtum!

Das Lob der Produktivkräfte
Zum ersten Mal wurde mir dieser Irrtum bei einem Verwandtschaftsbesuch 1981 in der DDR bewusst. Durch die Vermittlung der Verwandten bekam ich die Gelegenheit, sowohl einen Stall mit 4000 Kühen als auch eine Schweinemastanlage mit rund 20000 Tieren zu besuchen und mit den Betreibern zu sprechen.

Freimütig gaben sie zu, dass die ökologischen Probleme nicht gelöst waren. Die Tiere scheißen und pinkeln auch dann, wenn man die Gülle nicht ausbringen kann. So große Kavernen für ihre Aufbewahrung könne man gar nicht bauen. So floss seinerzeit alles in einen Vorfluter – in diesem Fall in den Greifswalder Bodden.

Auch der Arbeitsschutz wurde, z.B. bei der Arbeit mit den Schweinen, nicht groß geschrieben. Wie man heute weiß, verätzt der dabei entstehende Ammoniak die Lungen. Aber, so wurde mir bedeutet, die Produktivkräfte würden sich ja weiter entwickeln. Sie haben sich entwickelt, heute wird die Gülle in Biogasanlagen entsorgt. Die Emissionen hat man allerdings noch nicht im Griff.

Auf den qualitativen Sprung in der Landwirtschaft war man seinerzeit in der DDR besonders stolz. Wie die industrielle Entwicklung dem Handwerk zu einem sprunghaften Anstieg der Produktivität verholfen hatte, so meinte man jetzt, ihn auch in der Landwirtschaft vollziehen zu können. In der DDR hat man dafür die Pflanzen- und die Tierproduktion vollkommen voneinander getrennt. Es gab nun nicht mehr die ganzheitliche Vorstellung, dass Futtergrundlage und Anzahl der Tiere voneinander abhängen. Jetzt folgten die Betriebe hauptsächlich betriebswirtschaftlichen Kriterien von Effizienz und Kosten. Faktoren, die die Anzahl der Tiere begrenzten, gab es grundsätzlich nicht mehr, nur noch logistische Probleme.

Eine wesentliche Folge davon sei, so bekam ich zu hören, dass sich zum ersten Mal in der Geschichte eine industrielle Landarbeiterschaft entwickeln würde, die mit dem Industrieproletariat vergleichbar sei. Dieser Prozess wurde durch Schulungen u.a. forciert. Noch heute lassen sich die mehrstöckigen Wohnblöcke besichtigen, die damals in die Dörfer geknallt wurden und unserem sozialen Wohnungsbau fatal ähnlich sehen – freilich heute mit viel Leerstand und etwas heruntergekommen. Damals war man darauf stolz. Das landwirtschaftliche Proletariat sollte nicht schlechter leben als das industrielle in der Stadt.

Vergebens wies ich darauf hin, dass so eine Landwirtschaft nicht nur unter sozialistischen Eigentumsverhältnissen emporkam, sondern in den USA, Kanada, und auch hier, in Europa, damals vorwiegend in Holland, ähnliche Prozesse abliefen. Sie entstehen immer dann, wenn der bäuerlichen Produktion der Feldfrüchte eine industrielle, immer stärker konzentrierte Verarbeitung der Lebensmittel gegenüber tritt. Es ist die kapitalistische Dynamik, die die bäuerlichen Strukturen untergräbt. Je konzentrierter die Verarbeitung und der Vertrieb, desto höher der Druck auf die Landwirtschaft.

Landwirtschaftliches Proletariat
Ein besonders eindrucksvolles Beispiel dafür liefert der Landkreis Celle. Hier entsteht gerade Europas größter Hähnchenschlachthof. 2,5 Millionen Hähnchen will man in der Woche schlachten, das sind am Tag 400000 Tiere, oder 20 Lkw-Ladungen.

Solche Mengen kann der Landwirt mit einer Hühnerschar von 200–300 Tieren nicht mehr liefern. Da müssen andere Dimensionen geschaffen werden: Die Tiere müssen just in time gemästet werden, alle designed, alle gleich groß, gleich schwer, gleich alt. Das geht nur mit industrieller Produktion.

Die örtliche Bürgerinitiative schätzt, dass dazu 450 Mastställe für je 40000 Tiere notwendig sind. Dabei werden Landwirte bevorzugt, wenn sie im Außenbereich der Dörfer auf ihrem Land Ställe bauen. Wenn ein Bauer dort bauen will und alle allgemeinen Bestimmungen einhält, darf er ohne besondere Genehmigung bauen.

Der Schlachthofinvestor sucht sich den Bauern als Partner aus. Der Investor könnte sicher noch viel größere Mastfabriken bauen, und hätte es dann auch leichter, aber diese bekämen dann nicht die Privilegien, derer sich der Landwirt erfreut: Es gäbe keine Zuschüsse von der EU und vom Land, die Zinsen wären höher, uvam. Dafür gäbe es strengere Auflagen bei den Emissionen, bei der Wasserentnahme usw. Der Kapitalist bedient sich des Bauern, solange er Vorteile davon hat.

Allerdings hat der Investor im Landkreis Celle, die Emsland Frischgeflügel, Probleme, genug Landwirte zu finden, die solche Ställe bauen würden – in den Dörfern regt sich ziemlicher Widerstand. Denn die Bauern würden dabei zu so etwas wie Franchisenehmer (Konzessionäre). Sie bauen die Mastställe für jeweils eine halbe Million Euro auf ihre Kosten, und bekommen dafür je nach Region Zuschüsse von der EU und als Landwirte niedrige Zinsen.

Dafür schließen sie mit dem Schlachtkonzern einen Vertrag, selten für länger als zwei Jahre. Darin verpflichten sie sich, die Küken und das Futter vom Konzern zu kaufen und dessen Logistik zu benutzen. Im Gegenzug nimmt ihnen der Konzern die gemästeten Tiere ab. Am Ende haben die Landwirte pro Tier einen Gewinn von 3 bis 6 Cent, bei 6 Durchlaufen pro Jahr bringt das etwa 15.000–20.000 Euro – wenn alles gut geht. Alle Risiken liegen beim Landwirt.

Die Zurichtung der Tiere…
Der Konzern bestimmt die gesamte Produktion, er kann sich Abweichungen von der Norm nicht erlauben. Die schlachtreifen Tiere sind quasi industrielle Zwischenprodukte, Zulieferteile. Schon beim Bau der Mastanlage gibt der Konzerne dringende Empfehlungen. Ob er finanziell auch an den beteiligten Baufirmen, Techniklieferanten usw. beteiligt ist, kann nicht bewiesen werden, wird aber vermutet. Jedenfalls schließt er die Verträge nur, wenn der Landwirt seinen Empfehlungen Folge leistet.

Die Küken werden nach einem geheimen Verfahren aus verschiedenen Rassen erbrütet, es sind Hybriden. Die Tiere werden vor der Geschlechtsreife geschlachtet. Aber auch sonst könnten sie sich nicht fortpflanzen. Sie wachsen zu schnell, ihnen ist der Sättigungsreflex weitgehend weggezüchtet, und sie wachsen disproportional. Durch den überproportionierten Brustmuskel liegt ihr Schwerpunkt zu weit vorn, sie fallen vornüber.

Hinzu kommt, dass ihre Knochen langsamer wachsen als die Muskeln, deshalb können sie ihr Gewicht kaum tragen. Die Tiere hocken mehr, als dass sie sich bewegen, das ist auch gewollt, denn dadurch werden sie noch schneller schlachtreif. Bei dieser Haltung kommt es häufig zu Fußballenentzündungen. Die Kontrollen durch die Kreisveterinärämter sind lax, die Skandale Legion.Sollten sich die Hühner aber dennoch vermehren, entstünden nur wieder die Eltern der Hybriden – so ist Genetik.

… und des Bodens
Das Futter liefern konzerneigene Futterwerke. Das exorbitant schnelle Wachstum lässt sich nur durch einen Anteil von 25–30% an Proteinen erreichen. Früher wurde das durch die Beimischung von Tiermehl erreicht. Nach BSE – Rinderwahnsinn genannt, obwohl der Wahnsinn doch eher in dieser Form der Landwirtschaft steckt – ist das nicht mehr möglich, deshalb kommen die Proteine aus dem Soja. Das wird aus Argentinien und Brasilien importiert.

Es ist genverändert, das heißt nicht, dass es ertragreicher ist, sondern nur, dass es «round up» resistent ist. «Round-up»-Saatgut, von Monsanto hergestellt, verhindert, wenn es auf das Land ausgebracht wird, ein Jahr lang jegliches Pflanzenwachstum, nur nicht das von genmanipuliertem Soja.Die Konzerne sparen an der Bearbeitung der Böden, vergrößern dadurch aber nicht den Ertrag. Da die Böden mit der Zeit verarmen und immer mehr Kunstdünger brauchen – wobei der Phosphor schneller zur Neige geht als das Erdöl –, nimmt der landwirtschaftliche Ertrag bei dieser Art der Produktion tendenziell eher ab als zu.

Hinzu kommt, dass in Südamerika der großflächige Anbau von Soja die Campesinos von ihren Parzellen vertreibt, auf denen sie Subsistenzwirtschaft treiben. Sie ziehen an den Rand der Städte und vermehren das Heer der Armen, oder sie roden, um zu überleben, Wald, meist Regenwald.

Was sonst noch so alles dem Viehfutter beigemischt wird, kam kürzlich erst wieder ans Tageslicht: offenkundig sind auch industrielle Abfälle darunter, die eigentlich entsorgt werden müssten. Eine grandiose Idee: Wir fressen, mit Hilfe der Massentierhaltung, die Abfälle einfach auf, dann brauchen sie nicht mehr entsorgt zu werden.

Wenig Eigenkapital und kein Risiko
Im Fall des Landkreises Celle heißt der Investor, der Kapitalist, Rothkötter. Er behauptet, er investiere in einen Wachstumsmarkt. Dieser Markt scheint auch zu wachsen, nur nicht so schnell, wie Rothkötter behauptet. In Wahrheit geht es ihm um seinen Marktanteil. In den vergangenen fünf Jahren hat er ihn von 17% auf 24% gesteigert, und er will noch mehr. Das kann die anderen drei Marktführer nicht kalt lassen, sie rüsten ebenfalls auf.

Vor allem von Wiesenhof, mit 42% Marktanteilen der größte, ziehen die Werber übers Land, um Bauern zu gewinnen. Auch hört man, Wiesenhof habe seine Schlachtkapazitäten erhöht. Wenn es aber zu einem «Kampf» um Marktanteile kommt, der auch über den Preis ausgetragen wird, wissen auch die Bauern und die Arbeiter am Band, wer den «Preis» bezahlen wird. Wiesenhof ist nicht Mitglied im Arbeitgeberverband, hat keinen Betriebsrat und keine Vertrauensleute.

Es sind vier Voraussetzungen, die für die Ansiedlung eines Schlachthofs erfüllt sein müssen:
– Es muss eine stabile CDU-Mehrheit im Land, im Kreis und in der Gemeinde geben, die für die Genehmigungen und die Zuschüsse sorgt. Der Schlachthof soll 40 Mio. Euro kosten, ein Drittel davon werden als Subventionen von der EU, dem Land und dem Kreis aufgebracht. Bezogen auf die Gesamtsumme des Projekts, 300 Mio. Euro, trägt der Kapitalist gerade mal 10–15% selbst bei und hat dennoch die volle Kontrolle. Mit 225 Mio. Euro tragen die Landwirte das meiste bei.
– Wegen der CDU-Mehrheit wird auch erwartet, dass es in der Bevölkerung nur eine geringe Ablehnung gibt. Das stellt sich zunehmend als Irrtum heraus. Bürgerinitiativen schießen wie Pilze aus dem Boden, sie wehren sich vor allem gegen die Mastställe. Sogar die SPD vor Ort ist gegen die Mastställe, wegen der Arbeitsplätze ist sie aber für den Schlachthof. Das ist so, als wäre man fürs Autofahren, verböte aber, den Motor anzulassen.
– Es muss genügend Landwirte geben, deren ökonomische Situation so verzweifelt ist, dass sie sich in die Abhängigkeit eines Konzerns begeben.
– Und schließlich muss die Region ausreichend strukturschwach sein, dass sie durch die EU gefördert wird.

Bauernland in Bonzenhand
Bei der industriellen Landwirtschaft erfolgt die Kapitalisierung von außen. Anders ist das beim Bau vieler Biogasanlagen. Sie entstehen aus der Landwirtschaft selbst. Landwirte, die eine Biogasanlage betreiben, können derzeit mit Einnahmen von etwa 3000 Euro pro Hektar rechnen, das ist weit mehr als die EU-Förderung von 340 Euro pro Hektar.

Allerdings sind die Biogasanlagen der Landwirte zwar zahlreich, aber klein. Dennoch führen sie mehr und mehr dazu, dass Mais in Monokultur angebaut wird. Im Landkreis Celle macht der Maisanbau schon 20% aus. Aus vielerlei ökologischen Gründen ist das problematisch. Wie vielschichtig die Probleme der Umwidmung von immer mehr Ackerbaufläche für Agrosprit sind, ist bei dem Theater um den Kraftstoff E10 deutlich geworden.

Und noch ein weiteres Problem für die Landwirtschaft steigt am Horizont auf: Die hohe Rendite auf dem Markt für Agrosprit führt dazu, dass immer mehr Kapital in diesen Bereich drängt. Der Spiegel titelte kürzlich: «Bauernland in Bonzenhand».

Er beschreibt, wie immer mehr Land von reichen Anlegern aufgekauft wird. Trotz Vorkaufsrecht können die Bauern die Preise der «Investoren» nicht bezahlen. So nimmt nicht nur die Zahl der Biogasanlagen zu, diese selbst werden auch immer größer, ein «Investor» hat ja auch viel mehr Kapital. Ursprünglich waren die Biogasanlagen mal dazu gedacht, brach liegende Ressourcen zu nutzen. Nun werden sie immer mehr zu einem Faktor der Lebensmittelverknappung – hier wie auch, und noch viel schärfer, in den Ländern des Südens. In Mexiko führte dies schon zu Revolten.

Wenn die Landwirtschaft so weiter betrieben wird, werden nicht nur die Hungerrevolten in ärmeren Ländern, sondern auch die Katastrophen hierzulande zunehmen. Die Massenkarambolage auf der A19 an der Anschlussstelle Rostock-Laage am 8.April war die Folge eines «Sandsturms», das heißt einer Bodenerosion, die in dieser Intensität bisher nur von Wüsten bekannt ist.

Die industrielle Landwirtschaft zerstört ihre eigene Grundlage, nämlich den Grund und Boden, der eben doch nicht beliebig vermehrbar ist.Und sie bedroht die Gesundheit des Menschen: Die Uni Goslar hat kürzlich in den Emissionen von Hühnermastställen nicht nur Aerosole, Feinstaub und Viren festgestellt, die die Atemwege beeinträchtigen, sondern auch gegen Antibiotika resistente Bakterien.

Wenn solche resistenten Keime den Artensprung auf den Menschen schaffen – und das gab es in der Vergangenheit hin und wieder schon einmal –, dann werden Katastrophen wie Tschernobyl und Fukushima Randnotizen gewesen sein.
Volker Petran ist aktiv bei den Euromärschen und Mitglied der LINKEN in Celle.


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