Ehec: Die Zusammenhänge werden verschwiegen


Quelle: SoZ – Sozialistische Zeitung
Website: https://www.sozonline.de
Artikel-Link: https://www.sozonline.de/2011/06/ehec-die-zusammenhange-werden-verschwiegen/
Veröffentlichung: 29. Juni 2011
Ressorts: Nur Online

von Volker Petran

Es ist schon seltsam, was bei der täglichen Dosis Ehec, die über uns ausgeschüttet wird, nicht gesagt wird: kein Wort über die ursächlichen Zusammenhänge. Man könnte meinen, diese Variante von Escherichia coli wäre ein Naturereignis: höhere Gewalt halt.

Ein wenig stimmt das auch. Dieses Bakterium kann, was viele Bakterien können, es kann sich regenerieren. Dazu schmiegen sich zwei Bakterien eng aneinander, checken die Gene des anderen, stellen Unterschiede fest und beheben diese. Nach dieser Konjugation existieren zwei identische Individuen, jeder hat vom anderen, was er nicht hatte. Dabei entstehen ganz neue Varianten, mit neu kombinierten Genen. Die macht diese Keime sehr variabel und veränderbar, was in der Evolution für sie von Vorteil war.

Da E.coli immer schon pathogene Varianten hervorbrachte, konnte es immer dazu kommen, dass mal ein besonders gefährlicher Erreger entsteht. Wie der Keim, der Ehec und HUS verursacht.

Soweit der vom Menschen unbeeinflussbare Teil der Entstehung. Aber es gibt auch Faktoren, die diesen Prozess begünstigen, vielleicht ihm auch ursächlich sind.

Zählt man E.coli-Bakterien in den Mägen von Rindern, die, wie es ihre Natur ist, Gras und im Winter Heu mit etwas Getreideschrot fressen, so stellt man fest, dass die Zahl der Keime zigtausendmal niedriger ist als die Zahl der Keime in Kühen, die mit Kraftfutter gefüttert werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Keim pathogen wird, steigt mit der Anzahl der Keime überhaupt.

Freilich geben Gras fressende Kühe weniger Milch. Haben aber auch weniger E.coli. So wird man sich entscheiden müssen: viel Milch und viele Keime, oder wenig Milch und weniger Keime. Aber auch weniger Rendite. So ist es letztlich deren Mehrung, die die Wahrscheinlichkeit pathogener Keime erhöht.

Hinzu kommt, dass immer mehr Kühe auf engem Raum gehalten werden, was die Anzahl der miteinander kommunizierenden Keime in einem Raum noch stärker erhöht. Die Wahrscheinlichkeit der Entstehung pathogener Keime steigt noch einmal.

Fragt man sich, warum die Kühe in Massentierhaltung gepfercht werden, ist die Antwort wieder recht simpel: Je mehr Kühe in einem Stall, desto billiger die Produktion von Milch. Je weniger Kosten, desto höher die Rendite. Aber auch die Wahrscheinlichkeit der Entstehung pathogener Keime.

Die Escherichia-coli-Bakterien tauschen aber nicht nur die Fähigkeit, Gifte zu erzeugen und sich an Darmwänden festzusetzen, sie geben auch Resistenzen weiter. So ist dieser Keim, wie man hört, inzwischen Antibiotika-resistent. D.h. es gibt im Moment keine Waffe gegen ihn. Man kann den Menschen helfen, aber nicht den Erreger töten. Damit fehlt der Medizin ihre wichtigste Waffe.

Auch diese Resistenz ist keine Fügung, auch sie ist durch Menschenhand entstanden.

In der Massentierhaltung wird präventiv mit Antibiotika hantiert. Man beugt vor, um den Besatz über die Runden zu bringen. Gleichzeitig minimiert man die Kosten und verletzt dabei den Grundsatz, wonach zuviel Antibiotika zur Abtönung der Erreger besser ist als zu wenig. Gibt man zu wenig Antibiotika, bleiben einige Keime übrig, die gegen die gerade verordnetet Dosis resistent sind. Sie vermehren sich und/oder geben ihre Resistenz per Konjugation weiter. So sind bald alle Keime resistent. Wiederholt man dies, erzeugt man eine genetisch verankerte Resistenz.

Nun wurde gegen E.coli nicht präventiv vorgegangen. Warum auch? Dieser Keim ist bei Wiederkäuern nicht pathogen. Er gehört einfach dazu.

Es wird viel mehr so gewesen sein, dass andere Bakterien, die Euterentzündung, Blauzungenkrankheit o.ä. hervorbringen, präventiv bekämpft wurden und alle anderen Bakterien ihr Teil mit abbekamen, auch E.coli. Nun sind diese resistent.

Erstaunlich ist, dass von den Beteiligten in Wissenschaft und Politik dieser Zusammenhang kaum, eher gar nicht, benannt wird. Na ja, vielleicht ist es doch nicht so erstaunlich. Würde sonst doch deutlich, dass eine Landwirtschaft, die der Rendite und nicht der Subsistenz verpflichtete ist, tendenziell gefährlich und ihrem Wesen nach entfremdet ist.