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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 07/2011 |

Ulrich Grober, Die Entdeckung der Nachhaltigkeit

Kulturgeschichte eines Begriffs
München: Kunstmann, 2010, 299 Seiten, 22,50 Euro
von Hermann Dworczak
Die atomare Katastrophe in Japan zeigt drastisch, was es mit der Mär vom «billigen, sauberen und sicheren Atomstrom» auf sich hat. Wer tiefer schürfen will und für einen nachhaltigen Umgang mit der Natur optiert, für die ist das Buch von Ulrich Grober die ideale Lektüre.

Insbesondere seit der frühen Neuzeit ist die Ideologie des totalen «Herr-Seins» über die Natur Kernelement bürgerlichen Denkens. Im Cartesianismus («Cogito ergo sum» – «Ich denke, also bin ich») fand dieser gewalttätige Ansatz seine reinste, klassische Ausprägung. Descartes spricht unverblümt von «Herrn und Eigentümern (!) der Natur».

Der Mainstream der aufstrebenden und in die ganze Welt expandierenden Bourgeoisie sah in der Natur nichts als «Rohstoff» für ihre auf dem Profitprinzip basierende Produktion. Die Vorratskammer der Natur wurde und wird buchstäblich ausgeräumt. Der Raubbau am Holz, der Rückgang und das Verschwinden der Wälder machen dies besonders deutlich.

Ulrich Grober schildert mit viel Detailwissen, wie es zu den ersten Gegenreaktionen kam – u.a. in Venedig, Frankreich und England. Geistig knüpft er insbesondere an Spinozas Pantheismus an – «substantia sive natura sive deus», die Substanz ist gleich Natur ist gleich Gott – und greift auf Franz von Assisi und dessen geschwisterlichen Umgang mit der Natur («Bruder Sonne, Schwester Mond») zurück. Bei Letzterem finden sich auch die ersten Vorformen des Begriffs «Nachhaltigkeit». Das nicht ausbeuterische Verhältnis zur Natur kombiniert sich oft mit Gedanken über nichtausbeuterische Gesellschaftsformen – etwa in der «Ethik» Spinozas.

Eine wichtige Rolle kommt John Evelyn zu. Sein Schlüsselwerk Sylvia (Wald) wird für viele zum Bezugspunkt. Bei Hans Carl von Carlowitz taucht 1713 zum ersten Mal der Begriff Nachhaltigkeit auf: «Conservation und Anbau des Holtzes, daß es eine continuirliche und nachhaltende Nutzung gebe.» Allmählich verdichtet sich der Begriff, gewinnt an Farbe und Konturen. Bei Herder, in der Weimarer Klassik und bei Alexander von Humboldt findet er die schönste Ausgestaltung.

Ulrich Grober zitiert auch den Kardinalsatz von Marx aus dem Kapital: «Die kapitalistische Produktion entwickelt nun die Technik und die Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen alles Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter.» Ein schönes Beispiel, dass Marx und der «Wärmestrom des Marxismus» keiner «produktivistischen Ideologie» anhingen und die Natur «vergaßen».

Die Entdeckung der fossilen Brennstoffe verschaffte dem kapitalistischen Produktions- und Konsummodell eine «energetische Atempause» – wenn auch mit schlimmen Auswirkungen für Mensch und Natur. Bereits 1930 (!) fand in Berlin eine «Weltenergiekonferenz « statt, wo diese Entwicklung problematisiert wurde. Einer ihrer Teilnehmer war Albert Einstein. Aus Anlass der Konferenz mahnte der Nobelpreisträger im Berliner Tagblatt: «Die fossilen Kohlen sind ein einmaliges Erbe, das uns zugefallen ist, und sind der Erschöpfung ausgesetzt.»

Heute ist es völlig obsolet, den fossilen und nuklearen Energiestrang weiter verfolgen zu wollen. Eine solare «kopernikanische Wende» ist – bei Strafe des Untergangs – unerlässlich.#Wenn eine solidarische Kritik an dem hervorragenden und mit viel Liebe zum Thema geschriebenen Buch anzubringen ist, dann vielleicht die, dass es zu positiv mit dem Brundtlandreport und seinem Konzept des «sustainable development» verfährt. Das Buch nimmt jedoch ebenso stark Bezug auf Evo Morales und die globalisierungskritische Bewegung und zitiert explizit die Losung vom Klimagegengipfel in Kopenhagen: «resist, mobilize, transform».

Jeder, der nach Alternativen zum kapitalistischen Energieschlamassel sucht, wird in Ulrich Grobers Buch vielfach fündig.

 


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