Schließen

Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

Bert Brecht hielt nicht viel vom Recht auf geistiges Eigentum. Wir auch nicht. Wir stellen die SoZ kostenlos ins Netz, damit möglichst viele Menschen das darin enthaltene Wissen nutzen und weiterverbreiten. Das heißt jedoch nicht, dass dies nicht Arbeit sei, die honoriert werden muss, weil Menschen davon leben.

Hier können Sie jetzt Spenden


Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 07/2011 |

«Zum Verzichten braucht man keine Gewerkschaft»

Leipziger Debatte um einen Wandel in der Gewerkschaftsbewegung
von Roman Stelzig und Herbert Münchow
«Wie können die Gewerkschaften in die Offensive kommen?» lautete das Thema einer sehr gut besuchten Veranstaltung, die am 3.Mai 2011 in Leipzig vom Marxistischen Forum, der AG Betrieb & Gewerkschaft und dem Rotfuchs Förderverein durchgeführt wurde.

Hauptreferentin Mag Wompel, Industriesoziologin und freie Journalistin des LabourNet Germany, sprach über Entstehung und Anliegen des einzigartigen Netzwerkes: Es will Vernetzung und Informationsaustausch unter der linken Gewerkschaftsopposition vorantreiben und das Informationsmonopol bürgerlicher Medien und der Gewerkschaftsapparate zu brechen. Das LabourNet leistet durch Berichterstattung und Veröffentlichung, u.a. von Lohnforderungen und Tarifvereinbarungen, einen Beitrag zur Herausbildung von mündigen, informierten und gebildeten Mitglieder der Gewerkschaften.

Standortlogik und -patriotismus hält Mag Wompel für fehl am Platz. Internationalismus könne zwar nicht bedeuten, sich der Verantwortung vor Ort zu entziehen, aber auch von der Gewerkschaftsbewegung anderer Länder lasse sich, gerade in Hinblick auf den Kampf gegen die Privatisierung von öffentlichem Eigentum, viel lernen

Die Ursache dafür, dass sich hierzulande so wenig Menschen trotz materieller Leiden zum aktiven Einsatz für die eigenen Interessen entschließen können, sah die Referentin auf individueller und struktureller Ebene: Jede Bewegung sei nur so stark wie das schwächste ihrer Mitglieder. Die Übernahme von Hierarchien, Konkurrenzdenken und einer verordneten Passivität der Mitglieder sei mitverantwortlich für den Erhalt des Systems und die Stellvertreterpolitik der Apparate. Nicht die Apparate schlechthin verhinderten die Revolution – «wir haben die Apparate, die wir zulassen, wie wir die Regierung haben, die wir verdienen».

Die Lohnabhängigkeit werde aber auch, kritisierte Wompel, von den Gewerkschaftsapparaten fetischisiert. Der ausschließliche Erhalt von Arbeitsplätzen könne nicht die vornehmste Aufgabe der Gewerkschaftsbewegung sein, es geht nicht nur um die Bekämpfung der Auswirkungen des Kapitalismus, sondern letztlich darum, «die Menschen glücklich zu machen». Tarifverhandlungen wären bedeutend einfacher, wenn die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes nicht das Denken der Gewerkschaftsmitglieder blockierte.

In der Diskussion wurde einiges differenziert: Individueller Widerstand kann sich umso besser entwickeln, je mehr dessen Risiken durch die Organisation und die Kollektivaktion minimiert werden. Die Zunahme von Beschäftigungsverhältnissen wie Leih- und Kurzarbeit führt dazu, dass die Rückkehr zum Normalarbeitsverhältnis für den einzelnen Kollegen in den Vordergrund und die Systemfrage in den Hintergrund rückt. Ihrer eigentlichen Aufgabe, Instrument zum Zusammenschluss der Lohnabhängigen und Sammelpunkt des Widerstands zu sein, werden die Gewerkschaften bisher nicht gerecht. Die offizielle Gewerkschaftspolitik motiviert kaum, sich gegen den Kapitalismus zu organisieren.

Und dennoch müssen die einzelnen Gewerkschaften differenziert betrachtet werden. Wo gekämpft wird, da steigt der Organisationsgrad. Außer der Lohnfrage ist die Frage der radikalen Verkürzung des Arbeitstages bei vollem Lohnausgleich – die Frage der Freizeit – das Kardinalproblem gewerkschaftlichen Kampfes. Er richtet den Blick auf die ganze Komplexität des menschlichen Zusammenlebens. Auch eine Neubewertung erwerbsloser Arbeit oder der Hausarbeit muss Bestandteil einer Neuausrichtung gewerkschaftlicher Strategie und Taktik werden.

Die gewerkschaftliche Situation dürfe insgesamt nicht zu pessimistisch gesehen werden, meinten einige Diskussionsteilnehmer. Über positive Beispiele der Gewerkschaftsarbeit informierte die Kreisvorsitzende der GEW, Cornelia Falken, die auch die Veranstaltung moderierte.

Der ehemalige Betriebsrat und IG-Metaller Erich Kassel brachte Erfahrungsberichte aus Bremen: In den Betrieben gibt es heute kaum noch im Klassenkampf erfahrene Kollegen, die befähigt wären, eine junge Generation kämpferischer Gewerkschaftsmitglieder heranzubilden. Es geht darum, Persönlichkeiten zu entwickeln, die in der Lage sind, die gesellschaftlichen Zusammenhänge im Kapitalismus oder die Ursachen der Krise zu erkennen und überzeugend über sie aufzuklären.

Das Massenbewusstsein hängt weit hinter den Krisenerscheinungen des Kapitalismus hinterher. Kraft und Organisierung fehlen auch der sozialen Bewegung außerhalb der Betriebe. Es sei deshalb wichtig, die politisch Aktiven zusammenzuführen. Die Gewerkschaften können und müssen hierbei genutzt werden, weil sie die finanzielle und organisatorische Kraft aufbringen, Widerstand aufzubauen, wenn sich die Mitglieder rühren.


Drucken | Artikellink per Mail | PDF Version

Kommentar zu diesem Artikel hinterlassen

Spenden

Die SoZ steht online kostenlos zur Verfügung. Dahinter stehen dennoch Arbeit und Kosten. Wir bitten daher vor allem unsere regelmäßigen Leserinnen und Leser um eine Spende auf das Konto: Verein für solidarische Perspektiven, Postbank Köln, IBAN: DE07 3701 0050 0006 0395 04, BIC: PBNKDEFF


Schnupperausgabe

Ich möchte die SoZ mal in der Hand halten und bestelle eine kostenlose Probeausgabe oder ein Probeabo.