Schließen

Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

Bert Brecht hielt nicht viel vom Recht auf geistiges Eigentum. Wir auch nicht. Wir stellen die SoZ kostenlos ins Netz, damit möglichst viele Menschen das darin enthaltene Wissen nutzen und weiterverbreiten. Das heißt jedoch nicht, dass dies nicht Arbeit sei, die honoriert werden muss, weil Menschen davon leben.

Hier können Sie jetzt Spenden

Sie befinden sich hier: Home > 2011 > 09 > Das-beispiel-kenya

Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 09/2011 |

Das Beispiel Kenya

Kenya ist das am höchsten industrialisierte Land Ostafrikas. Das verarbeitende Gewerbe trägt 9% zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) bei, der Tourismus 62%, die Landwirtschaft 23%. In der Landwirtschaft arbeiten 60% der Bevölkerung, die meisten in der Subsistenzwirtschaft.
Landwirtschaftliche Güter machen jedoch die Hälfte der Exporte aus – es sind vor allem Tee, Kaffee, Blumen, Gemüse und Pyrethrum, das ist ein Insektizid, das aus den Blüten von verschiedenen Tanacetum-Arten gewonnen wird. Im Hochland, wo diese Produkte vielfach angebaut werden, gibt es deshalb eine Flächenkonkurrenz zwischen Exportkulturen und Grundnahrungsmitteln.

Die in Kenya konsumierten Nahrungsmittel, vorwiegend Mais, werden im Land selbst produziert; das Ernteergebnis ist stark von den Regenfällen abhängig. Auch die Viehzucht im Norden und Osten des Landes ist stark wetterabhängig: geringe Regenmengen bringen höhere Kosten für das Tränken der Tiere und weniger Einnahmen, weil mehr Tiere geschlachtet werden müssen und das Fleisch deshalb billiger wird. (In der EU gibt es für solche Fälle Ausgleichszahlungen aus dem Topf der Gemeinsamen Agrarpolitik.)

Viehzüchter müssen das Hauptnahrungsmittel Mais zu 80% zukaufen. Sofern sie nebenbei etwas Ackerbau betreiben, sind sie immer noch zu fast zwei Dritteln vom Ankauf von Mais abhängig. Ackerbauer hingegen bauen den Mais größtenteils selber an. Während die Dürre einen Verfall der Fleischpreise verursacht, klettern die Preise für das aus demselben Grund knapper werdende Getreide nach oben. Im Jahr 2008 verdoppelten sich die Maispreise im Inland und blieben eineinhalb Jahre auf hohem Niveau.

2008 und 2009 waren schlechte Erntejahre; der selbst angebaute Mais reichte nicht zur Versorgung der Bevölkerung, Mais musste importiert werden. In der Zeit aber trieb die Nahrungsmittelspekulation an den Weltbörsen die Maispreise nach oben. Kenya musste fast die Hälfte mehr für den Maisimport ausgeben als normalerweise.

Die Viehzüchter, die Hauptopfer der derzeitigen Hungersnot in Ostafrika, sind also nicht nur Opfer der Dürre, sondern auch Opfer der Nahrungsmittelspekulation auf den Weltmärkten. Die Teuerung beim Maispreis verursachte nach Schätzungen der Weltbank bei fast einer halben Million Menschen zusätzlich Unterernährung – zeitweise fiel die Versorgung auf unter 1000 kcal pro Tag.

Typisch für ein nicht industrialisiertes Land, kann Kenya seine internationale Wettbewerbsfähigkeit bei den Exportprodukten nicht nutzen, um eine größere Nahrungsmittelsicherheit zu erzielen, weil die realen Austauschverhältnisse im Außenhandel (terms of trade) in den letzten zehn Jahren gefallen sind. Bei den für Kenya vier wichtigsten Importprodukten (Energie, Getreide, Straßenfahrzeuge und Stahl) sind die Weltmarktpreise nämlich gestiegen. Kenya hat dadurch weniger Devisen eingenommen, die kenyanische Währung sank im Kurs, was die Importe zusätzlich verteuerte. Vor allem wegen der gestiegenen Importpreise für Getreide konnte Kenya in der Zeit der großen Dürre 2005/2006 die Nahrungsmittelversorgung der Bevölkerung nicht mehr aus eigener Kraft gewährleisten.

Anders als Somalia sind Kenya und Äthiopien funktionierende Staaten. Ihre Agrarpolitik konzentriert sich jedoch ausschließlich auf (exportierende) bäuerliche Produktionsbetriebe in den fruchtbareren Gegenden; für die Entwicklung und Verbesserung der Lebensverhältnisse der nomadisierenden Viehzüchter und der Subsistenzbauern gibt es keinen Plan und kein Geld.

 

Quelle: Hans H. Bass, Finanzmärkte als Hungerverursacher? Studie für die Deutsche Welthungerhilfe e.V., Bremen, 8.4.2011

 


Drucken | Artikellink per Mail | PDF Version

Kommentar zu diesem Artikel hinterlassen

Spenden

Die SoZ steht online kostenlos zur Verfügung. Dahinter stehen dennoch Arbeit und Kosten. Wir bitten daher vor allem unsere regelmäßigen Leserinnen und Leser um eine Spende auf das Konto: Verein für solidarische Perspektiven, Postbank Köln, IBAN: DE07 3701 0050 0006 0395 04, BIC: PBNKDEFF


Schnupperausgabe

Ich möchte die SoZ mal in der Hand halten und bestelle eine kostenlose Probeausgabe oder ein Probeabo.