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Die Krise in Darfur

Sudan: Die ethnische Darstellung der Konflikte ist eine Erfindung des Kolonialismus

von Paul B. Kleiser

Die Bilder der Hungerkatastrophe in Äthiopien und Somalia führen uns Afrika wieder als den Kontinent des Elends vor, der der Mildtätigkeit bedarf. Auch wenn die anhaltende Dürre die wesentliche Ursache der Katastrophe ist, ziehen sich durch viele Beiträgen doch kolonialistische und rassistische Argumentationsmuster.
Besonders den Features über die «Guten» und «Bösen» (zumeist die Islamisten) in Somalia ist nicht zu trauen. Allgemein gilt der Grundsatz: Je dünner die Faktenkenntnis, umso dicker wird die Moral aufgetragen.

In seinem Buch Guter Moslem, böser Moslem hatte Mahmood Mamdani 2006 die ideologischen Wurzeln und Stereotypen des «Kriegs gegen den Terror» unnachsichtig herausgearbeitet und kritisiert. Bushs Kreuzzugspolitik hatte eine klare islamfeindliche Ausrichtung. Ihren Nachklang findet man hierzulande in den Schriften von Broder bis Sarrazin.

In seinem neuesten Buch Blinde Retter. Über Darfur, Geopolitik und den Krieg gegen den Terror analysiert der in Bombay (Mumbai) geborene, in Kampala (Uganda) aufgewachsene und heute an der New Yorker Columbia-Universität lehrende Anthropologe und Politologe die Diskurse über die Darfur-Krise und vergleicht sie mit der dortigen Realität. Mamdani geht dabei besonders mit der «Save-Darfur-Kampagne» ins Gericht, die in den Bush-Jahren zu einer der größten Kampagnen der neueren US-Geschichte aufgebaut (und aufgebauscht) wurde. Sie beruhte im wesentlichen auf zwei Behauptungen:

1. In Darfur findet ein Völkermord statt.

2. Dort geht es um einen Kampf zwischen (muslimischen) Arabern und (christlichen) Schwarzen, die angeblich nicht in einem Staat zusammenleben können (obwohl sie das viele Jahrzehnte mehr oder weniger friedlich getan haben).

Diese Botschaften wurden auch in den deutschen Massenmedien kolportiert. Im Unterschied zu den moralisierenden Meinungsmachern analysiert Mamdani die Krise jedoch im Rahmen des sudanesischen, afrikanischen und globalen Kontextes; das waren in den letzten hundert Jahren Kolonialismus, Kalter Krieg und der «Krieg gegen den Terror».

Reale Ursachen…

Der Ausgangspunkt der Darfur-Krise (1987–2009) war die Ausdehnung der Wüste Sahara seit etwa zwei Generationen um etwa 100 km nach Süden, verbunden mit immer schneller aufeinander folgenden Dürreperioden. Nicht nur in Darfur kamen deshalb die nomadischen und die sesshaften, die landbesitzenden und die landlosen Stämme miteinander in Konflikt. Verantwortlich sind jedoch auch die Kolonialmächte (hier die Briten), denn sie hatten die Bevölkerung in diese Kategorien aufgeteilt.

Als die landlosen Stämme in Gebiete der landbesitzenden Stämme eindrangen, kam es 1987–1989 zu einem blutigen Bürgerkrieg, einige Stämme kämpften ums Überleben. Auf der «Versöhnungskonferenz» von 1989 sprachen die Landbesitzer erstmals von «Völkermord» – ohne irgendeine Verantwortung der sudanesischen Regierung zu behaupten. Die Brutalität des Krieges wurde noch durch Waffenlieferungen aus Libyen und dem Tschad verschärft, wo sich das Regime von Gaddafi und die Neokolonialisten aus den USA, Frankreich und Israel gegenüber standen.

2003 brach der Konflikt erneut aus und forderte um die 70000 Menschenleben. Eine mit der Untersuchung der Vorfälle beschäftige UN-Kommission kam zum Schluss, «dass die Regierung des Sudans keine völkermörderische Politik verfolgte». Trotzdem begann in den USA (vor dem Hintergrund des Krieges im Irak, man könnte auch sagen zur Ablenkung von demselben) eine riesige, von den Massenmedien und vielen Kulturschaffenden (auch Liberalen wie Meryl Streep oder Georges Clooney) unterstützte Kampagne. Man müsse – so wurde argumentiert – einen neuerlichen Völkermord, wie er sich 1994 in Uganda ereignet hatte, verhindern. Dazu wurden die Opferzahlen gewaltig übertrieben, man sprach von der «schlimmsten humanitären Katastrophe der Welt», wiewohl im Irak weit mehr Menschen zu Tode kamen (wahrscheinlich über eine Million) und im Kongo bis zu 4 Millionen abgeschlachtet wurden.

Der Konflikt wurde «entpolitisiert und moralisiert» und zu einem Kampf zwischen «Arabern» und schwarzen «Afrikanern» gemacht, die angeblich ausgerottet werden sollten. Wiewohl die Betreiber der Kampagne keine Ahnung von der Realität in Darfur hatten, schreibt Mamdani, sei die (scheinbar unpolitische) Kampagne «für jene US-Amerikaner attraktiv (gewesen) die es hassen, Steuern zu zahlen, aber liebend gern für einen wohltätigen Zweck spenden» – also besonders die Klientel der Republikaner.

…und ihre verkehrte Abbildung

Die Vorstellung vom Kampf zwischen «Arabern und Schwarzen», die den Konflikt durch die Brille des (inzwischen abgespaltenen) Südsudans sieht, ist laut Mamdani aus vielen Gründen falsch: Erstens ist nicht jeder, der Arabisch spricht, auch ein Araber, genausowenig wie ein Spanisch Sprechender ein Spanier sein muss.

Sodann war die Sklaverei in Darfur – im Unterschied zum Südsudan – niemals eine arabische Institution; vielmehr entwickelte sie sich etwa seit 1650 im Kontext des Sultanats Dar Fur. An ihr waren auch die Rinder züchtenden Stämme der Baggara im Süden beteiligt – nicht jedoch die Kamele züchtenden Abbala-Stämme im Norden des Landes, aus denen sich viele an der Aufstandsbekämpfung der Zentralregierung ab 2003 beteiligten. Das Erklärungsmuster «frühere Sklavenhalter gegen Sklaven» taugt also genauso wenig wie das Muster «Araber gegen Schwarze». Mamdani weist in einer umfänglichen Darstellung der Geschichte dieser Region nach, dass solche rassistischen Kategorisierungen der Völker des Sudans auf die früheren Kolonialmächte zurückgehen.

Außerdem war der Kampf des Südsudans ein Kampf gegen die Zentralregierung in Khartum, während der Krieg in Darfur ursprünglich ein Krieg zwischen sesshaften und nomadischen Stämmen war. Auch mischten sich die Westmächte im Südsudan erst spät ein, während sie in Darfur aufgrund der Kämpfe im Tschad und der versuchten Neutralisierung Gaddafis von vornherein beteiligt waren.

Die häufig als Helfer oder gar Handlanger der Zentralregierung in Khartum dargestellten Dschandschawid sind weder «Araber» noch «Islamisten», sondern ein Produkt der Krise des Nomadentums aufgrund des Voranschreitens der Wüste, das man in allen Ländern der Sahelzone antreffen kann. Es handelt sich um – durchaus unterschiedliche – Gruppen von Banden; einige von ihnen wurden in der Krise 2003/04 tatsächlich zur Aufstandsbekämpfung eingesetzt, aber eben nicht systematisch.

Der Konflikt in Darfur, schreibt Mamdani, «hat sich entlang zweier Achsen entwickelt: Während auf der Nord-Süd-Achse norddarfurische Stämme ohne Land gegen süddarfurische Stämme mit Land kämpften, bekriegten sich auf der Süd-Süd-Achse ‹arabische› süddarfursiche Stämme untereinander, weil nur die eine Seite über ausreichend Land verfügt. Dass der Konflikt auf der Süd-Süd-Achse keine Beachtung findet, ist das Werk der ‹Save-Darfur›-Aktivisten. Dadurch dass sie den Darfurkonflikt auf die Nord-Süd-Achse reduzierten, ist es ihnen gelungen, ihn als einen Rassenkonflikt zwischen ‹Arabern› und ‹Schwarzen› darzustellen und somit das Schlüsselproblem – die Landfrage – auszublenden … Dass die Gewalt in Darfur – die Gewalt der Aufstandsbekämpfung im Allgemeinen und die der Dschandschawid im Besonderen – den Stempel ‹arabisch› aufgedrückt bekam, hat weniger mit der darfurischen Geschichte als mit der Logik des ‹Krieges gegen den Terror› zu tun.»

Eine kurze Geschichte des Sudan

Im zweiten Teil des Buches untersucht Mamdani die Geschichte des Sudans und die Ursprünge des Rassendiskurses. Er zeigt auf, dass die Bevölkerungsmehrheit in Darfur aus Zuwanderern aus dem Süden und Südwesten besteht, wie sich recht früh ein Handelskapitalismus herausbildete und dass dieser einheimische Handelskapitalismus (und nicht irgendwelche arabischen Sklavenhändler) für die Ausbreitung der Sklaverei gesorgt hat.

Politisch betrachtet gab es im heutigen Sudan seit dem 16.Jahrhundert zwei Staaten, das Königreich Fundsch mit der Hauptstadt Sinnar und das Sultanat Dar Fur mit der Hauptstadt Faschir; das besonders Kennzeichen dieser Staaten war das Fehlen von Städten (abgesehen von den beiden Hauptstädten). Die Versuche einer Zentralisierung des Staates beruhten auf drei Säulen: a) der Vergabe von Land an Einzelne zulasten der Clans, b) der Aufstellung einer königlichen Armee aus Sklaven und c) der Einführung des Islams als Hofideologie. Der Staat versuchte auch, Nomaden in die staatliche regulierte Wirtschaft einzubinden, wollte jedoch gleichzeitig den Handel quer durch die Sahara verstärken, was zu gewissen Widersprüchen führte. Wichtige Wege der Handelskarawanen führten von Darfur aus nach Ägypten, wobei sie nicht nur die Produkte des Südens, sondern auch Sklaven transportieren; Anfang des 19.Jahrhunderts war Darfur der größte afrikanische Handelspartner Ägyptens.

Da beide Staaten in starkem Maße Sklaven und andere Güter raubten, um sie in den Mittelmeerraum zu bringen, war massive Gewalt viele Jahrhunderte lang Teil der Geschichte dieser Region.

Im frühen 19.Jahrhundert drangen osmanisch-ägyptische Truppen in den Sudan ein und besetzten weite Teile des Landes. Sie gründeten auch die heutige Hauptstadt Khartum. Es wurde ein brutales System ausbeuterischer Besteuerung eingeführt, gegen das sich alsbald massiver Widerstand regte. Der «Mahdi» Muhammad Ahmad führte einen «antiimperialistischen» Aufstand an, der einen gereinigten Islam als Grundlage einer gerechten Gesellschaft verkündete und die Zentralisierung des Landes vorantrieb. Das Regime des Mahdi konnte sich bis 1898 halten. Dann wurde das Land Zug um Zug von den Briten erobert, die nach der Logik des «Divide et impera» als zentrale Kategorie die Rasse und den Stamm einführten, wobei die als «eingeboren» definierten Stämme bevorzugt wurden. Die Re-Ethnisierung der Gesellschaft führte zu deutlichen hierarchischen Spaltungen und zur Marginalisierung der Region Darfur.

Die Unabhängigkeitsbewegung wurde von zwei Parteien, der Demokratisch-Unionistischen Partei (DUP) und der Umma-Partei (Ansar) dominiert; erstere sprach sich für eine Union mit Ägypten aus, letztere rief: «Der Sudan den Sudanesen!»

Angesichts der Rückständigkeit gab es seit der Unabhängigkeit 1956 vier Versuche, das Land zu «modernisieren» und eine «Nation» zu schaffen: Zunächst waren im Gefolge von Nasser die «Arabisten» an der Reihe, danach die Muslime, dann (zunächst unter Führung der KP, dann der des Diktators Numeiri) die säkularen Nationalisten und schließlich jene, die den Sudan als «afrikanisches Land» verstehen.

Vor allem unter Numeiri beherrschte ein bürokratischer Apparat ohne Gespür für die Bedürfnisse der Bevölkerung das Land. Doch auch der «islamistische» Putsch von General al-Bashir 1989 «huldigte einem übertriebenen Modernismus». Als seine Bewegung 1999 zerbrach, gründete der zweite Mann des Regimes, al-Turabi, die Rebellenbewegung JEM, die einen «afrikanischen Islam» anstrebt.

Mahmood Mamdanis Buch ist ein gründlicher und erhellender Beitrag zur Geschichte und Gegenwart des größten Landes Afrikas; es ruft die politischen Führer des Kontinents auf, gegen die Einmischungen des Imperialismus eine demokratische «Afrikanisierung» des Kontinents (etwa im Rahmen der Afrikanischen Union) voranzutreiben.

 

Mahmood Mamdani, Blinde Retter. Über Darfur, Geopolitik und den Krieg gegen den Terror, Hamburg: Edition Nautilus, 2011, 384 S., 29,90 Euro.

 


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