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Die «proletarische Wende» der 70er Jahre

Ein Buch, zwei Ansichten

Jan Ole Arps, Frühschicht. Linke Fabrikintervention in den 70er Jahren,
Hamburg: Assoziation A, 2011, 240 Seiten, 16 Euro

von Jochen Gester und Dieter Braeg
Der Gang in die Betriebe

Das Studium neigt sich dem Ende zu und ein Student der Politikwissenschaften am OSI in Berlin verspürt wenig Neigung zu einer akademischen Karriere. Im Rahmen seines Studiums hat er sich mit Leidenschaft den kritischen Sozialwissenschaften gewidmet, in denen die Arbeitswelt einen hervorragenden Platz einnimmt. Für ihn stellt sich nun die Frage, wo seiner ist.

Da ist es wohl mehr als ein Zufall, dass sein Interesse sich auf die Tausenden von Studierenden richtet, die im Zuge der 68er-Bewegung die Entscheidung trafen, Hörsäle und Seminarräume gegen eine Werkbank zu tauschen und, wie es später hieß, sich selbst zu proletarisieren. Jan Ole Arps hat aus diesem Stoff zuerst seine Diplomarbeit gemacht, und dann das Thema der Arbeit nochmal erweitert und vertieft. Das Ergebnis liegt jetzt in Buchform vor.

Über seinen eigenen Anspruch schreibt er in der Einleitung, das Nachdenken über «1968» kranke daran, dass es zumeist vom Ergebnis her betrachtet werde. In den Erzählungen über die damaligen Ereignisse stünden deren Konsequenzen immer wie zwangsläufig fest. «Ein Verständnis dafür, wie sich die Situation den damals Beteiligten darstellte, können sie nicht entwickeln – es sei denn als ‹Verblendung› oder ‹Illusion›. Mir geht es darum, nachzuvollziehen, was die gesellschaftlichen und historischen Bedingungen waren, unter denen der Schritt ‹vom Seminar in die Fabrik› gerade nicht als bizarres Manöver, sondern als folgerichtig erschien.»

Einfühlsam

Ich habe das Buch mit Gewinn gelesen und kann nur sagen, dass es dem Autor ausgesprochen gut gelungen ist. Die Publikation hebt sich angenehm ab von einer akademischen Literatur, die nur Papierquellen ordnet, und sie beschränkt sich auch nicht auf Oral History. Reflektierte individuelle Biografien und zeitgenössische Gedankenwelten der Akteure werden miteinander verbunden und erlauben es jungen Lesern, tief in die damalige Zeit einzutauchen oder sie als Akteure noch einmal mit neuen Einsichten zu betrachten.

Der Autor konzentriert sich bei seinen Feldstudien auf zwei politische Strömungen: auf die Gruppen, die vor allem durch den italienischen Operaismus beeinflusst wurden, und auf die maoistischen Organisationen. Beide gingen aus der antiautoritären Jugendbewegung hervor. Arps macht aus seiner Sympathie für die erste Richtung keinen Hehl, widersteht jedoch der Versuchung, deren Geschichte zu verklären. Auch nimmt er die Skurrilitäten der ML-Szene nicht zum willkommenen Anlass, ihre Aktionen und Ideenwelt zu einer Lachnummer zu machen. Stattdessen erleben die Leser den Zusammenstoß zwischen den theoretischen Ansprüchen und Zielsetzungen dieser Gruppen und den realen Erfahrungen der Aktivisten, und es wird für sie nachvollziehbar, welche Konsequenzen daraus jeweils kollektiv wie individuell gezogen wurden. Man erfährt dies entweder aus dem Mund der Beteiligten, die Jan Ole interviewt hat, oder als Resümee von ihm selbst.

Bewertung

Für die meisten Kader der sog. «Sponti-Szene» dauerte der Ausflug in die Fabrik nur Monate oder wenige Jahre, während viele ehemalige Maoisten an der sozialen «Wahlheimat» Gefallen fanden, bis zur Verrentung blieben oder noch heute vor Ort sind. Erstere verschrieben sich dann dem Kampf gegen die Lohnarbeit überhaupt, zweitere der Interessenvertretung der Beschäftigten, die vor allem Wert darauf legten, ihre soziale Existenz in der Lohnarbeit zu sichern.

Im Ergebnis – so das Urteil des Autors – sind beide revolutionären Richtungen an der Aufgabe gescheitert, die Kritik des (Arbeits-) Alltags zu einem Hebel für radikale gesellschaftliche Veränderungen zu machen.

Auf der Suche nach dem, was bleibt, plädiert der Autor im Schusskapitel dafür, zur Lösung dieser Aufgabe neue Antworten zu suchen: «Wer in der Geschichte des linken Fabrikexperiments gute Beispiele für heutige Initiativen zu finden hofft, wird daher enttäuscht werden. Mit einem ähnlichen Gedanken scheiterten die ML-Gruppen, als sie die Organisationsmodelle der 20er Jahre kopierten, um damit die Arbeitsgesellschaft der frühen 1970er Jahre zu attackieren. Das konnte schwer gut gehen.»

Doch das letzte Resümee des jungen Linken vom Jahrgang ‘78 ist alles andere als resignativ: «Die Lebenswege meiner Gesprächspartner zeigten, dass es trotz unerwarteter Verläufe und Enttäuschungen, trotz zahlreicher, manchmal erschreckender Irrwege und Sackgassen, trotz eines Alltags, der wenig Raum lässt, möglich ist, eine Hoffnung zu behalten, sie in Zweifel zu ziehen, trotzdem nicht loszulassen, und wieder neu zu finden. Wenn das kein Grund für Optimismus ist.»

Jochen Gester

Ein Buch mit vielen Lücken

Das Buch beginnt mit ziemlich abschreckenden Beispielen von «Betriebsarbeit», die Jan Ole Arps an Personen festmacht: «Klaus Franz hat es getan, Berthold Huber hat es getan, Joschka Fischer hat es getan.»

Aber auch Eugen Eberle hat es getan. Eugen Eberle (Jahrgang 1908), gelernter Werkzeugmacher und seit 1928 Mitglied der KPD, war nach 1945 sieben Jahre lang Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats der Firma Robert Bosch. In dem leider heute vergessenen Buch Kampf um Bosch (Berlin: Wagenbach, 1974) schildert er, wie er sieben Jahre offensiv gegen die Unternehmensleitung kämpfte. Im gleichen Buch analysiert Tilman Fichter die Betriebspolitik der KPD nach 1945 bei der Firma Bosch.

Dieses Buch hätte für die Arbeit von Jan Ole Arps ein Vorbild sein können, denn er hätte die Geschichte der Betriebsarbeit der dogmatischen und undogmatischen Linken, vor allem in den 70er Jahren, viel genauer untersuchen und beschreiben müssen. Die Arbeit der K-Gruppen nimmt in diesem Buch einen breiten Raum, im Quellenverzeichnis spielen bei den ausgewerteten Zeitschriften der Rote Morgen, Autonomie, Arbeiterkampf und Wir wollen alles eine entscheidende Rolle. Das ist zu wenig.

Von der Gewerkschaftspresse sind nur drei Ausgaben der IG-Metall-Mitgliederzeitung Metall angegeben. Die DKP hatte viele Betriebszeitungen: In Neuss erschienen in den 70er Jahren für die Firmen Havester und Pierburg der Rote Traktor und Die Spritpumpe regelmäßig, sie hatten durch ihre Aufmachung und Sprache durchaus das Potenzial, bei der Belegschaft Wirkung zu erzielen. Die Betriebsarbeit der DKP und ihrer Betriebsräte (samt der Kritik an deren oft ziemlich opportunistischem Verhalten gegenüber der Gewerkschaftsbürokratie) fehlt in Ole Arps’ Buch fast völlig.

Ebenso hätte der Kampf der Gewerkschaftsführungen gegen linke Vertrauensleute und Betriebsräte per Unvereinbarkeitsbeschluss eine ausführlichere Behandlung verdient, denn auch dieser Kampf sorgte für jenen «sozialen Frieden» und die «vertrauensvolle Zusammenarbeit», die der Gewerkschaftsspitze wichtig war.

Für die Arbeit der vielen linken Vertrauensleute und Betriebsräte war vor allem das Bildungsangebot der Gewerkschaften von Bedeutung. Der express (damals herausgegeben vom Sozialistischen Büro; er erscheint auch noch heute mit dem Untertitel «Zeitung für sozialistische Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit») war ein wichtiges Informationsmittel und gleichzeitig zentral für die Organisation vieler Veranstaltungen und Tagungen, wie z.B. der «Große Ratschlag – Alternative Ökonomie» im Jahre 1978.

Zur Arbeit der «Plakat»-Gruppe bei Daimler Benz ist im Jahre 1979 im Rotbuch-Verlag ein Taschenbuch erschienen, es dokumentiert die Betriebsarbeit, an der Menschen wie Willi Hoss, Hermann Mühleisen, Dieter Marcello und Mario d’Andrea beteiligt waren; das wird leider in Ole Arps’ Buch kaum erwähnt. Und noch vieles andere mehr nicht: sei es die Betriebsbesetzung der Zementfabrik Seibel & Söhne (Rainer Duhm/Erhard Maus Wir halten den Betrieb besetzt), der Kampf der Arbeiterinnen bei Hella (Automobilzuliefer), die Auseinandersetzungen bei Volvo in Dietzenbach oder der Kampf der Stadt Speyer um die Arbeitsplätze bei VFW Speyer.

Das Kritische Jahrbuch 1974, «Gewerkschaften und Klassenkampf» (Hg. Otto Jacobi, Walther Müller-Jentsch und Eberhard Schmidt, Fischer-Verlag), enthielt Berichte über Streiks bei Mannesmann (Duisburg), Pierburg (Neuss), Küppersbusch (Gelsenkirchen), Rheinstahl (Brackwede), bei den Bergleuten im Saarland. Gerade diese spontanen Kämpfe, die im heutigen Sprachgebrauch mit der Kennzeichnung «wild» sprachlich und inhaltlich diskreditiert werden, waren Ergebnisse linker Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit, die weit über jene Erkenntnisse hinausgehen, die Jan Ole Arps in seinem Buch beschreibt.

Sträflich wird auch die Wirkung des Werkkreises Literatur der Arbeitswelt verschwiegen, der in den 70er Jahren sehr viel zu den Auseinandersetzungen beitrug. Dazu gibt es das Buch mit dem Titel Betriebsräte berichten von 1977. Nicht nur Arbeitskämpfe, auch Betriebsratswahlen spielen da eine Rolle, und der Alltag der Arbeit von Vertrauensleuten und Betriebsräten. Noch leben viele, die damals gekämpft haben und die nicht, wie der Herr Franz von Opel, «Betriebsratschef» wurden.

Es wäre schön, wenn es bald eine erweiterte, zweite Auflage von Frühschicht geben würde, die die 70er Jahre genauer untersuchte und schilderte, wie damals der Kampf in den Betrieben geführt wurde.

Dieter Braeg


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