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Eine vermeidbare Katastrophe

Zur Hungersnot in Ostafrika

Die Bilder von der Hungersnot in Ostafrika sind aus den Massenmedien verschwunden, die Weltgemeinschaft geht zur Tagesordnung über. Den Vereinten Nationen fehlen eine Milliarde Dollar Soforthilfe.

«Das ist keine Katastrophe, die vom Himmel gefallen ist», empört sich der Vorsitzende des bischöflichen Hilfswerks Misereor, Josef Sayer, und zeigt mit dem Finger auf die Regierungen. «Für mich besteht eher der Mangel im Verhalten der Staaten.» Statt einmaliger Aufwendungen fordert er langfristige Programme im Kampf gegen den Hunger.
Die Hungersnot in Ostafrika gilt als die größte humanitäre Katastrophe seit Jahrzehnten. Die vom UN-Büro für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) herausgegebene Karte (s.o.) weist den größten Teil Somalias, den Süden Eritreas, den Osten und Süden Äthiopiens und den Osten Kenyas als Krisen- und Notgebiete aus. Mehr als 12 Millionen Menschen sind von einer verheerenden Dürre betroffen, allein in Somalia fast die Hälfte der Bevölkerung. Zehntausende sind verhungert, 2 Millionen Kinder leiden an Unterernährung. Am schlimmsten scheint die Lage im südlichen Somalia zu sein. Für die Regionen Bakool und Lower Shabelle hat die UNO eine Hungersnot ausgerufen; ohne rasche Gegenmaßnahmen könne diese sich in den kommenden zwei Monaten auf alle acht Regionen des südlichen Somalia ausbreiten.
«Hungersnot» ist die höchste Alarmstufe, die die UNO zu vergeben hat, so etwas wie Stärke 9 auf der Richterskala. Dem UN-Klassifikationsschema zufolge herrscht Hungersnot dann, wenn mehr als 30% der Menschen stark unterernährt sind, in mindestens 20% der Haushalte extremer Nahrungsmittelmangel besteht oder täglich mindestens 2 Erwachsene oder 4 Kinder auf 10000 Menschen den Hungertod sterben. Derzeit sind das in Südsomalia täglich 6 von 10000 Menschen.

Im ostafrikanischen Raum wechseln unter normalen klimatischen Verhältnissen Zeiten der Dürre und Regenzeiten einander ab. Der Ausfall der Regenzeit war früher eine seltene Katastrophe. Zwischen 1900 und heute gab es hier nach Angaben von Misereor mehr als 18 Hungersnöte. In letzter Zeit aber häufen sie sich: Seit der Jahrhundertwende ist dies schon die sechste schwere Dürre, in den letzten fünf Jahren gab es nur ein Jahr mit normalen Regenfällen.

Der Klimawandel erklärt die derzeitige Katastrophe dennoch nicht allein. Denn, wie Sayer sagt: «Man weiß schon lange, dass seit dem ganzen letzten Jahr der Regen im ostafrikanischen Gebiet um 50% zurückgegangen ist, man hätte sich längst darauf einstellen können.» Er zieht den Vergleich zur Bankenrettung und fordert: «Die, denen da geholfen worden ist, müssten beispielsweise mit einer Transaktionssteuer langfristig helfen, sodass nicht einmalig 1,1 Milliarden gesammelt werden, sondern langfristig Programme in die Wege geleitet werden können, dass hier Landwirtschaft in einer Weise möglich ist, die trotz des wenigen Niederschlags das Nötige zum Leben abwirft. Hätte man den Weltagrarbericht (von 2008) mit ganz konkreten Schritten umgesetzt, würden wir nicht so dastehen. Es geht hier um den Willen.»

Bundesminister Niebel (der zu seinem Amtsantritt die Entwicklungshilfe abschaffen wollte) hat im vergangenen Jahr die Entwicklungshilfe für ärmere Länder auf 8,83 Mrd. Euro (= 0,35% des BIP) gesenkt. Jetzt zeigt er mit dem Finger gern auf die Sünden der Regierung Schröder.

Trotz der immer wiederkehrenden Dürreperioden war Somalia bis Ende der 70er Jahre Selbstversorgerin mit Nahrungsmitteln. In den 80ern aber zwangen IWF und Weltbank das Land, seine Schulden zu zahlen und die geforderten «Strukturanpassungsmaßnahmen» durchzuführen. In der Landwirtschaft wurde der Binnenmarkt für Importe aus den Ländern des Nordens geöffnet; multinationale Konzerne aus Nordamerika und der EU drangen mit ihren hochsubventionierten Getreidesorten wie Reis und Weizen auf den somalischen Markt, verkauften sie dort unter dem Kostenpreis und verdrängten damit lokale Produzenten.

Seitdem ist Somalia zu einem chronischen Getreideimporteur geworden. Periodische Entwertungen der somalischen Währung trieben die Importpreise in die Höhe und privilegierten den Anbau von Monokulturen für den Export in die Länder des Nordens. Ähnliches geschah in Lateinamerika und Asien.

Die Getreidepreise werden an den Börsen von Chicago, London, Paris, Amsterdam und Frankfurt festgelegt. Dort folgen sie nicht dem Gesetz von Angebot und Nachfrage, sondern werden von der Spekulation diktiert. Mike Masters, Hedgefonds-Manager bei Masters Capital Management, schätzt, dass 75% der Finanzinvestitionen im Agrarsektor spekulativer Natur sind.

Der Höhenflug der Getreidepreise ist einer der Gründe für die Hungersnot in Afrika. In Somalia ist der Preis für das Grundnahrungsmittel Mais und rote Hirse innerhalb eines Jahres jewels um 106% bzw. 180% gestiegen, in Äthiopien stieg der Preis für Importweizen um 85%, in Kenya der für Mais um 55%.

Wenn man von der weltweiten Getreideproduktion den Anteil abzieht, der in die Tierfütterung geht (25%), als Saatgut dient (5%) oder bei der Ernte und Vorratshaltung verloren geht (25%), bleibt immer noch genug übrig, um alle Menschen mit mehr als den notwendigen 2700 Kalorien pro Tag zu versorgen. In den sog. Entwicklungsländern verdirbt bis zur Hälfte aller Lebensmittel auf dem Weg vom Acker bis zum Teller durch schlechte Lagerhaltung, mangelnde Transportwege und fehlende Vermarktungsmöglichkeiten.

In Deutschland landet jährlich ein Drittel der Lebensmittel – 20 Millionen Tonnen Nahrungsmittel – auf dem Müll. Die verworfenen und weggeworfenen Lebensmittel Europas und Nordamerikas würden dreimal ausreichen, um alle Hungernden der Welt satt zu machen!

 


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