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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 09/2011 |

Transnationale Solidarität stärken

Eine gewerkschaftliche Reise ins «Plastikmeer von Almería»

Ein Bericht von Dieter A. Behr
Im Mai 2011 besuchte eine Delegation österreichischer Gewerkschafter vom Verein «Weltumspannend arbeiten» die spanische Region, die für ihre industrielle Gemüseproduktion bekannt ist.
Die harten Fakten dürften vielen Lesern bekannt sein: In der Region Almería werden auf über 35000 ha jährlich rund 3 Mio. Tonnen Tomaten, Paprika, Auberginen und Gurken produziert, die in den Wintermonaten in den europäischen Supermärkten verkauft werden. In Teilen der Öffentlichkeit besteht mittlerweile ein Bewusstsein darüber, dass billiges Gemüse ohne die systematische Ausbeutung von (oft eingewanderten) Arbeiter nicht zu haben ist. Dokumentarfilme wie We feed the world oder Unser täglich Brot haben diese Realität eindrucksvoll ans Tageslicht gebracht.

Über 120000 Beschäftigte aus Ländern des Maghreb, Afrikas südlich der Sahara, Osteuropas und Lateinamerikas schuften in den Gewächshäusern für Löhne von 20 bis 30 Euro pro Tag; viele von ihnen leben in chabolas, provisorischen Hütten aus Holz- und Plastikresten. Polizeiübergriffe und Lohnraub sind an der Tagesordnung. Seit dem Einsetzen der ökonomischen Krise im Jahr 2008 hat sich die Situation weiter verschärft: Spanische Arbeiter, die ihre Jobs in der vormals boomenden Bauwirtschaft verloren haben, drängen in den Agrarsektor und verschärfen die Konkurrenz sowie rassistische Ressentiments gegen Migranten.

Gegen diese untragbaren Verhältnisse versucht die SOC vorzugehen. Die SOC (Sindicato de obreros del campo) verteidigt seit mehr als zehn Jahren die migrantischen Landarbeiter gegen Ausbeutung und Rassismus. Die österreichische Delegation konnte sich von ihrer Arbeit ein Bild machen.

Gegen Lohnraub

Obwohl die Personaldecke der SOC dünn und die finanziellen Mittel äußerst begrenzt sind, konnte die Gewerkschaft im Kampf gegen Lohnraub schon beachtliche Erfolge erzielen. Laura Góngora, Leiterin der Rechtsberatung der SOC, berichtete, im Zeitraum von 2006 bis 2010 seien rund tausend Fälle erfolgreich bearbeitet worden. Oft handelt es sich bei den erstrittenen Beträgen um Tausende, manchmal sogar Zehntausende Euro. Und dennoch bleibt das Gros der Fälle ungeahndet. Denn es ist an den Arbeitnehmern zu beweisen, dass es zu Lohnraub oder sonstigen Verstößen gekommen ist. Die meisten Arbeiter, die vor Gericht ziehen, um ihren Lohn einzufordern, tun dies erst, nachdem sie entlassen wurden. Es erweist sich oft als schwierig, im Betrieb Zeugen zu finden, die zugunsten der Betroffenen aussagen – in einem so gewerkschaftsfeindlichen Umfeld wie Almería ist das kein Wunder.

Oft werden die Löhne über eine Dauer von ein bis zwei Jahren nicht ausgezahlt – dann kommt es vor, dass der Chef dem oder der Arbeiterin am Monatsende lediglich 100 Euro aushändigt, mit dem (leeren) Versprechen, der Rest werde bald nachgezahlt.

Weil ein Arbeitsvertrag praktisch die Voraussetzung für einen gesicherten Aufenthalt ist, ist in den letzten beiden Jahrzehnte in Almería ein gewaltiger Schattenhandel mit Arbeitsverträgen entstanden. Ein Arbeitsvertrag wird mittlerweile zu Preisen zwischen 5000 und 13000 Euro verkauft! Viele Migranten verschulden sich für den Erwerb eines solchen Papiers in ihren Herkunftsländern.

Der Fall Bio-Sol

Bei einer Begegnung mit einer Gruppe marokkanischer Arbeiterinnen erfuhr die Delegation vom jüngst ausgefochtenen Arbeitskonflikt bei der Firma Bio-Sol. Das Unternehmen, das jährlich rund 7 Mio. Kilo Tomaten, Paprika, Gurken, Zucchini, Auberginen, Wassermelonen und Zuckermelonen für den europäischen Markt produziert, beschäftigt insgesamt rund 200 Arbeiter – davon 80 in den Packhallen. Der Großteil von ihnen kommt aus Marokko, ein kleinerer Teil aus Rumänien.

Im Oktober 2010 wurde rund einem Dutzend marokkanischer Frauen aus den Packbetrieben ohne weitere Angaben von Gründen gekündigt und durch Arbeiterinnen mit prekären Verträgen ersetzt. Es habe verbale Übergriffe und Beschimpfungen seitens der Vorarbeiter gegeben, klagen sie, Arbeitszeiten von neun Uhr morgens bis ein Uhr nachts, der Überstundenzuschlag sei ihnen vorenthalten worden, wenn sie eine Pause von mehr als fünf Minuten eingelegt hätten, sei ihnen automatisch eine halbe Stunde vom abgezogen worden. Sie berichten von Akkordarbeit in den Packhallen und von der Drohung, hinausgeschmissen zu werden, wenn eine bestimmte Menge nicht erreicht wurde.

Bei Bio-Sol zeigt sich, dass die Richtlinien für biologische Landwirtschaft keinerlei soziale Verpflichtungen enthalten. Laura Góngora erklärt: «Bio ist für den Konsumenten sicher gut, aber für die Arbeiter ändert sich nichts. Die Verstöße gegen das Arbeitsrecht nehmen nicht ab. Das Gemüse, für das die Leute schuften, heißt jetzt einfach Bio.»

In der Schweiz gelang es, die Arbeitsbedingungen bei Bio-Sol publik zu machen und die Konsumenten zu mobilisieren. Auf diese Weise konnte die Supermarktkette Coop, die in der Schweiz Hauptabnehmerin des südspanischen Unternehmens ist, dazu bewegt werden, sich in den Arbeitskampf einzumischen und Position für die Arbeiterinnen zu beziehen. So wurde erreicht, dass den entlassenen Arbeiterinnen die volle Abfindung bezahlt wurde und gewerkschaftliche Organisierung im Betrieb nicht mehr unterdrückt wird.

Transnationale Solidarität

Gerade die Gespräche mit den Arbeiterinnen bei Bio-Sol waren ein entscheidender Auslöser dafür, dass die Teilnehmer der österreichischen Gewerkschaftsdelegation nun eigene Solidaritätsaktionen starten. Aktuell sind ein Film und eine Broschüre über die Reise in Planung, im Herbst soll eine Veranstaltungsreihe in Österreich organisiert werden. Diese Aktivitäten verfolgen das konkrete Ziel, die Beschäftigung einer marokkanischen Gewerkschafterin innerhalb der SOC zu ermöglichen.

Die Selbstorganisation von migrantischen Frauen, die in der Landarbeit bzw. in den Verpackungsbetrieben der Region beschäftigt sind, ist von zentraler Bedeutung, wenn man die Skrupellosigkeit und Arroganz, mit der agrarindustrielle Betriebe in Almería gegen ihre Beschäftigten vorgehen, in die Schranken weisen will – dies zeigt der Arbeitskonflikt beim Betrieb Bio-Sol.

 

Weitere Informationen: www.forumcivique.org; www.weltumspannend-arbeiten.at; socalmeria.wordpress. com.

 


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