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Vier Thesen zum Hunger

Zwei Milliarden Opfer auf der Erde

Eine menschliche Katastrophe, die vollständig vermeidbar wäre

Hunger gibt es nicht, weil es zu wenig zu essen gäbe oder die Erde nicht alle ernähren könnte. Nach Aussagen der FAO könnte die Erde auch 11 Milliarden Menschen ernähren.
In den Jahren zwischen 1960 und 1990 ging der Hunger zurück, sowohl absolut als auch im Verhältnis zur Weltbevölkerung – obwohl diese im selben Zeitraum von 3 auf 5 Milliarden Menschen gestiegen ist. Das liegt daran, dass gleichzeitig die Nahrungsmittelproduktion weltweit um 20% zugenommen hat – dank einer Zunahme der landwirtschaftlich bebauten Flächen und der Produktivität pro Hektar Land.

Mitte der 80er Jahre begann dieser Trend sich umzukehren. Viele Länder des Südens gerieten in die Schuldknechtschaft gegenüber den Banken des Nordens und dem IWF; sie wurden gezwungen, ihre Ausgaben für Gesundheit, Bildung und die Entwicklung ihrer Infrastruktur zurückzufahren, die Nahrungsmittelproduktion kam in vielen Regionen zum Erliegen oder wurde auf den Export ausgerichtet, um Devisen zu erwirtschaften. Kriegerische Konflikte um Land und Rohstoffe nahmen zu. In Lateinamerika stieg die Zahl der Unterernährten in den «verlorenen» 80er Jahren von 46 auf 60 Millionen.

Und auch in die Industrieländer kehrte der Hunger infolge von Langzeitarbeitslosigkeit und der zunehmenden Ausgrenzung der Betroffenen auch von Sozialleistungen zurück: Um die Jahrtausendwende erhielten jährlich 2 Millionen Franzosen Nahrungsmittelhilfe, und in den USA galten 26 Millionen als unterernährt (gleichzeitig gilt die Hälfte der Bevölkerung als zu dick, was ebenfalls ein Ausdruck falscher Ernährung ist). In Russland und einigen osteuropäischen Ländern brach im Zuge der Restauration des Kapitalismus und der Auflösung der kollektiven Sicherungssysteme auch die Agrarproduktion zusammen.

 

I.

Hunger ist die Folge von Armut. Am härtesten trifft er die Landbevölkerung, drei Viertel der Unterernährten lebt auf dem Land – Kleinbauern, Viehzüchter, landlose Bauern. Sofern sie überhaupt über Land verfügen, sind die Äcker meist zu klein, um genug Lebensmittel für ein ganzes Jahr für eine kinderreiche Familie anbauen können, es fehlt ihnen aber auch das Geld, Nahrung hinzu zu kaufen.

Politische, ethnische oder religiöse Minderheiten tragen ein höheres Armutsrisiko als andere. In Indien trifft es vor allem die Kaste der Unberührbaren, in Lateinamerika die indigenen Völker und die Schwarzen, im Sudan mit seiner arabischen Oberschicht die schwarze, christliche oder animistische Bevölkerung im Süden des Landes, in Myanmar die Muslime im Ostteil des überwiegend buddhistischen Landes. In der Sahelzone gelten die viehzüchtenden Nomaden, die die Trockengebiete bevölkern, als rückständig und Menschen zweiter Klasse.

Die derzeitige Dürre in Ostafrika trifft nicht die Bauern, die das auch in Kenya, Äthiopien und Somalia reichlich vorhandene fruchtbare Land bebauen, sondern die Nomaden, die ihr Vieh von Wasserquelle zu Wasserquelle treiben und Getreide, Obst und Gemüse nur im Austausch gegen den Verkauf ihrer Tiere bekommen. Wenn diese wegen einer Dürre nicht mehr genug zu fressen finden, lassen sie sich schlechter verkaufen. Der Fleischpreis sinkt, während zugleich die Preise für Gemüse und Getreide steigen; die Viehzüchter können nicht mehr genug andere Nahrung zukaufen, sie müssen ihr Vieh schlachten, um sich selber zu ernähren, bis sie nichts mehr haben. Das ist ein Teufelskreis der Armut. 60% aller Somalier leben teilweise oder vollständig als Nomaden.

II.

Hunger ist eine Folge der Produktionsbedingungen auf dem Land. Im 18.Jahrhundert war es Europa, das häufig von Hungersnöten heimgesucht wurde, vor allem Frankreich, wo sie schließlich die Französische Revolution auslösten. Diese schuf die wesentlichen Bedingungen, dass sich dies nachhaltig änderte, nämlich eine durchgreifende Agrarreform für Kontinentaleuropa. Sie war die unmittelbare Folge der Napoleonischen Kriege, die sowohl im Rheinland als auch in Preußen nach dessen Niederlage bei Jena und Auerstedt 1807 zur Befreiung von Erbuntertänigkeit, Leibeigenschaft und Zehnt führte. Den Bauern wurde das Eigentum an den von ihnen bewirtschafteten Höfen übertragen, zersplitterte Besitzparzellen wurden zu individuell nutzbaren, größeren Einheiten zusammen gelegt, die Dreifelderwirtschaft (mit Brache) abgeschafft und eine Fruchtwechselwirtschaft eingeführt.

Die verbesserte landwirtschaftliche Produktivität setzte Arbeitskräfte frei, die Einsatz in der beginnenden industriellen Revolution fanden. Die neu entstehende Industrie wiederum stellte die Maschinen her, mit denen größere Ackerflächen mit weniger Arbeitskräften bebaut werden konnten.

Der Einsatz der Industrie erleichterte auch den Ausbau der Infrastruktur, Straßenbau und Eisenbahnnetz, über das die landwirtschaftlichen Überschüsse in die wachsenden Städte transportiert und ein allseitiger Austausch organisiert werden konnte.

Die agrarische Revolution war somit eine Voraussetzung der industriellen Revolution; beide zusammen haben den Hunger aus Europa verbannt und zu einem raschen Anstieg des Lebenshaltungsniveaus geführt. (Spätere Hungersnöte wie im Winter 1946/47 waren nicht dem Mangel an Nahrungsmitteln, sondern dem – kriegsbedingten – Zusammenbruch der Infrastruktur geschuldet.)

In vielen Ländern der Dritten Welt hat es eine solche Agrarreform nicht gegeben und auch nicht die Nutzung von deren Überschüssen zum Aufbau einer heimischen Industrie. Ihre Landwirtschaft wurde durch die Kolonialherrschaft geprägt und in die Richtung des monokulturellen Anbaus von Genusspflanzen für den Verzehr in Europa gedrängt. Die verbreitete Plantagenwirtschaft bevorzugte den Einsatz von Sklaven bzw. Leibeigenen und rückständige Anbaumethoden. Der ebenfalls mangelhafte Ausbau einer Verkehrsinfrastruktur behindert bis heute einen regen Austausch zwischen Kleinproduzenten aus verschiedenen Regionen. Exporte sind wichtiger als der Aufbau eines funktionierenden Binnenmarkts.

Auch die Entlassung in die politische Unabhängigkeit (Entkolonialisierung) hat keine Agrarreform gebracht; in Asien, Afrika und Lateinamerika leidet die Mehrzahl der Bauern immer noch unter fehlendem Zugang zu bebaubarem Land. Die Einführung der sog. «grüne Revolution» hat die erzielten Produktivitätsfortschritte sehr ungleich verteilt; wo die Großgrundbesitzer abgeschafft wurden, traten Nahrungsmittelkonzerne an ihre Stelle, die die Bauern in eine neue technische und materielle Abhängigkeit gepresst haben und für ihre Produkte chronisch unterbezahlen.

Hinzu kommt, dass die moderne industrialisierte Landwirtschaft mit viel Einsatz von Unkrautvertilgungsmitteln, Wasser, Dünger und Maschineneinsatz zwar die Ernten auf durchschnittliche Erträge von 80 Tonnen pro Hektar Land steigern konnte, diese Produktivität aber gegengerechnet werden muss gegen eine rapide Verschmutzung der Gewässer und Böden, die Minderung des Nährstoffgehalts der Böden und der Nahrungsmittel und eine neue Anfälligkeit für Epidemien.

III.

Der Hunger wütet dort am stärksten, wo Regierungen Kleinbauern und Viehzüchter nicht ausreichend unterstützen und deshalb Einkommen und Infrastruktur zu schwach sind. Die geringen Einnahmen verhindern, dass die Bauern höhere Überschüsse produzieren, sie bekommen für diese aber auch nichts. Die Überschüsse aus dem Landbau fließen in die Stadt, ohne dass diese sie ihrerseits durch Bildungsprogramme, Gesundheitsprogramme, Bewässerungstechniken, Trinkwasserversorgung, besser Werkzeuge oder Ausbau der Verkehrsinfrastruktur u.a. zurückgeben würde.

In den semiariden/ariden Regionen Ostafrikas ist die mangelhafte Infrastruktur einer der Hauptgründe, weshalb Bevölkerungsgruppen isoliert leben, schlechte Informations- und Vermarktungsmöglichkeiten haben (und auch die Nahrungsmittelhilfen nicht rechtzeitig bei den Bedürftigen ankommen). Die Webseite www.welthungerhilfe.de zitiert einen Mitarbeiter so: «Der größte Fluss Kenyas, der Tana, fließt hier, doch drum herum ist Dürre, weil das Wasser nicht für die Landwirtschaft genutzt wird.» Obwohl auch hier ausreichend Anbauflächen und Wasserreserven zur Verfügung stehen, sind die Länder nicht in der Lage, sich aus eigener Kraft zu ernähren; sie bleiben abhängig von Lebensmittelimporten. Damit verschlimmert sich ihre Situation, weil sie dem Weltmarkt ausgeliefert sind.

Landwirtschaftliche Produktion – mithin die ausreichende Versorgung mit Nahrungsmitteln – hängt nicht mehr in erster Linie von den Widrigkeiten oder Vorzügen der natürlichen Umgebung ab, sondern von der Bereitschaft der Staaten, in die Landwirtschaft zu investieren und den Bauernstand zu subventionieren.

Welche Erfolge erzielt werden können, wenn die Agrarpolitik darauf ausgerichtet ist, Länder und Regionen zu Selbstversorgern mit Nahrungsmittel zu machen, zeigt die 1962 beschlossene Gemeinsame Europäische Agrarpolitik (GAP). Die Erzeugerpreise wurden seither angehoben, den Bauern feste Abnahmen garantiert, ihre Produkte vor der ausländischen Konkurrenz geschützt. Zwanzig Jahre später stöhnte die EG unter Butterbergen und Milchseen. Sie hat sie abgebaut durch Flächenstilllegungen und den Export ihrer überschüssigen Produktion in Länder des Südens – mit der damit einhergehenden Preiskonkurrenz trägt sie zum Ruin der Kleinbauern im Süden bei.

IV.

Die Beseitigung des Hungers erfordert die Entmachtung der Konzerne. Die Liberalisierungspolitik der WTO und der EU bürdet den Kleinbauern in Asien, Afrika und Lateinamerika seit dem Ende des 20.Jahrhunderts einen Freihandel mit Nahrungsmitteln auf (bei gleichzeitiger Protektion einer hochsubventionierten Landwirtschaft in den Ländern des Nordens), der sie an die Wand drückt.

Gleichzeitig wird Landwirtschaft mehr und mehr zu einem Betätigungsfeld der Nahrungsmittelkonzerne, die diese losgelöst vom Boden und vom örtlichen Klima betreiben – unter hohem Einsatz von Energie, Dünger, Wasser und Unkrautvertilgern (siehe den Beitrag zu Spanien in dieser Ausgabe). Die Konzerne eignen sich in den Ländern des Südens riesige landwirtschaftliche Flächen an, um Holz oder Rohstoffe abzubauen oder aber Industriepflanzen (z.B. für die Automobilindustrie) anbauen. Sie treten mit den örtlichen Kleinbauern in eine direkte Flächenkonkurrenz. Staaten mit knappen Land- und Wasserressourcen wie die Golfstaaten, oder mit großer Bevölkerung wie China, Südkorea und Indien erwerben Land im Ausland auch, um sich Ackerland für die Ernährung der eigenen Bevölkerung zu sichern.

Die Plagen des neuen Feudalismus heißen exportorientierter Freihandel, Abhängigkeit von Konzernen bei Saatgut und Vertrieb, Landkauf für Industriezwecke, Spekulation auf Nahrungsmittelpreise und industrialisierte Landwirtschaft.

Das Recht der Kleinbauern, ihre Region zu ernähren, bildet zusammen mit dem Zugang zu bebaubarem Land und der Befreiung vom Diktat der Konzerne und der Finanzmärkte die heute wichtigste Forderung der Kleinbauern weltweit. In internationalen Organisationen wie WTO, Weltbank, EU u.a. haben Bauern nichts zu sagen. Mit einem Bevölkerungsanteil von 2,6 Milliarden und einer Beschäftigung von 450 Millionen Landarbeitern stellen sie eine extrem zersplitterte Interessengemeinschaft dar, während auf der anderen Seite zehn Unternehmen die Hälfte des Saatgutangebots und drei bis vier Konzerne den Welthandel mit den wichtigsten Nahrungsmitteln kontrollieren. In jedem entwickelten Land kontrollieren vier bis fünf Supermarktketten die gesamte Distribution. Und sie dringen vor in die Länder des Südens.

Die Verbände der Kleinbauern, die in Via Campesina organisiert sind, arbeiten deshalb am Aufbau eigener Vertriebskanäle auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene, mit dem Ziel, die Produktion stetig der Nachfrage anzupassen und den Erzeugern die Preise zu garantieren. Sie setzen auf Agroökologie, weil diese erlaubt, die Produktivität zu steigern bei gleichzeitig schonendem Umgang mit der Umwelt.

Auch der Weltagrarbericht, der im April 2008 von 400 Wissenschaftlern aus der ganzen Welt vorgestellt und von 58 Regierungen unterzeichnet wurde, fordert freien Zugang zu Land, Saatgut und Trinkwasser. Die meisten Länder des Nordens sind nicht dabei.

 


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