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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Wie die extreme Rechte Musik nutzt

Das Antifaschistische Infoblatt

von Anja Köhler

Das Antifaschistische Infoblatt (AIB) berichtet seit 1987 über Entwicklungen der radikalen Rechten. Es bietet seriöse und oftmals brisante Hintergrundinformationen und Analysen, die sich bei Politikwissenschaftlern großer Beliebtheit erfreuen und gern für wissenschaftliche Untersuchungen herangezogen werden.
Das aktuelle Heft Nr.91 wirft unter anderem ein Schlaglicht auf faschistische Bestrebungen in Serbien, auf die staatliche Repression gegen Antifaschisten in Dresden, den Umgang mit Aussteigern aus der rechten Szene sowie braune Anklänge im Gedankengut des Waldorf-Gurus Rudolf Steiner.

Titelthema jedoch sind die Grauzonen in Punk und Oi. Darunter versteht das AIB Teile der beiden Musikszenen, die sich apolitisch geben, aber «mit der Neonazi-Szene inhaltlich, strukturell und sozial verwoben sind». Die Beteiligten definieren sich zumeist nicht als Rechte, manche halten sich sogar für eher links. Nichtsdestotrotz veranstalten sie Konzerte mit rechtsextremen Bands bzw. zählen zu deren Fans. Rechtsradikale und rechtslastige Musikgruppen erkennen sie nicht als solche, wodurch sich diesen ein Einfallstor in linke und öffentliche Räume eröffnet.

Die Liedtexte dieser Bands sind geprägt von Stammtischparolen, rassistischem, sexistischem und homophobem Gedankengut, der politische Gehalt der Lieder wird von den Bands selber jedoch nicht als solcher erfasst.

Das «Apolitische» ist damit Selbstbild und Deckmantel zugleich. Es grenzt sich ab von einem Verständnis des Politischen, das auf den explizit bekennenden Politaktivisten reduziert ist. Er allein ist politisch, Liedtexte gegen Migranten sind es nicht. Die Ablehnung des Politischen richtet sich zumeist gegen die Antifa, deren Kritik an Texten und Bands als störend empfunden und pauschal als Angriff auf «die Szene» verstanden wird. Was mit der «Szene» gemeint ist, bleibt unterdessen im Dunkeln.

Wo die gesellschaftlichen Zustände einerseits ein Bedürfnis nach Rebellion und Ausbrechen produzieren, andererseits aber jede Gesellschaftskritik als radikal abgelehnt und links und rechts über einen Kamm geschoren wird, entstehen Grauzonen, nämlich Musikszenen, an die die radikale Rechte anknüpfen kann, ohne mit nennbarem Widerstand rechnen zu müssen. Die Selbststilisierung als Möchtegernrebellen in einer Gemeinschaft, die anders, besonders, ist und angeblich vom Mainstream mit Verachtung gestraft wird, gehört zum Grundmuster des rechten Lifestyles.

Grauzonen entstehen auch durch eine Verschiebung in der rechten Szene. Die NPD verliert die Oberhoheit über die Konzertlandschaft. Aufgrund staatlicher Repression und erfolgreicher Antifa-Aktivitäten kann sie ihre Veranstaltungen immer seltener offen durchführen. Freischwebende Rechte wollen nicht unbedingt ihre Personalien bei der Polizei abgeben, und das politische Radebrechen lokaler Parteigrößen zwischen den Liedern gilt mittlerweile als höchst langweilig.

«Unpolitische» Konzerte gehen hingegen immer. Manchmal können die Bands sogar auf Festivals gegen Rassismus aufspielen. Das bietet ihnen die Möglichkeit, später in öffentlichen Einrichtungen und Jugendclubs aufzutreten oder gar linke Räume zu entern.

Rechte und rechtslastige Bands erreichen so ein viel größeres Publikum. Auf diese Weise tragen sie zu einem gesellschaftlichen Klima bei, das wiederum einen idealen Nährboden für Rechtsradikale bildet – die sich dann politisch organisieren oder Angst bei Minderheiten schüren.

Darüber hinaus ist es gut möglich, dass die vergrößerte Szene in einigen Jahren wieder parteipolitisch angebunden wird. Unklar bleibt aber, ob die Saat aufgeht. Rebellion kann auf die Dauer nicht unpolitisch sein. Die Ausrichtung an rebellischen Lebensstilen, die sich – wie im Falle des Punk – schon per se gegen Autoritäten richten, beißt sich mit dem Führerkult. Die Grauzone kann schnell nach links kippen.

Zugleich stellt sich die Frage, welche Relevanz Punk und Oi für Jugendliche im Jahr 2011 überhaupt noch haben. Andere Musikszenen wären da wahrscheinlich ein spannenderer Gegenstand.

 


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