Die jüdische Nationalbewegung und ihr Verhältnis zum Westen


Quelle: SoZ – Sozialistische Zeitung
Website: https://www.sozonline.de
Artikel-Link: https://www.sozonline.de/2011/10/die-judische-nationalbewegung-und-ihr-verhaltnis-zum-westen/
Veröffentlichung: 03. Oktober 2011
Ressorts: Buch

Daniel Cil Brecher, Der David – Der Westen und sein Traum von Israel Köln: PapyRossa, 2011 246 S., 15,90 Euro

von Anton Holberg
Anfang August veröffentlichte der Kölner PapyRossa-Verlag ein wichtiges und, um es vorweg zu sagen, hervorragendes Buch von Daniel Cil Brecher über zentrale im Westen kursierenden Mythen über Israel. Der Autor, 1951 in Tel Aviv geboren und heute in den Niederlanden lebend, ist Historiker, hat an der Universität Haifa und der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem gearbeitet und war Direktor des Leo Baeck Instituts in Jerusalem.
In der Einleitung und fünf weiteren Kapiteln zeigt D.C.Brecher auf, wie einerseits die jüdische Nationalbewegung, die aus der europäischen Judenverfolgung und der Adaption nationalistischer Ideologie durch säkulare europäische Juden im 19.Jahrhundert erwachsen ist, stets um eine Anerkennung ihres Strebens nach einem Staat für alle Juden dieser Welt durch die christliche Umwelt bemüht war. Dieser sollte von den Christen als eine Form legitimer Rückkehr zur antiken jüdischen Staatlichkeit verstanden und unterstützt werden.

Andererseits zeigt der Autor auf, dass und wie die entsprechenden historischen Beispiele des «Philosemitismus» bei näherem Hinsehen keineswegs den behaupteten eindeutigen Charakter haben. Vielmehr handelt es sich um Mythen. Insbesondere seit der Gründung Israels ist deren mächtigste die Idee, dass sich hier ein kleines, an und für sich unterlegenes Land wunderbarerweise gegen die übermächtige feindliche arabische Umwelt behauptet – der biblische Mythos von David und Goliath. Brecher zeigt das für die Zeit bis zur Staatsgründung unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg.

Den Anfang machte eine Proklamation Napoleons von 1799, die diesem 1940 von Franz Kobler zugeschrieben wurde, in der er angeblich ankündigte, das zu diesem Zeitpunkt von seiner in Ägypten stehenden Armee noch keineswegs eroberte Palästina an die «seit tausenden Jahren» seiner «heimatlichen Erde» beraubten «einzigartigen Nation, Israel» zurückzugeben.

Darauf folgte die von der britischen Protektoratsmacht über Palästina nach dem Ersten Weltkrieg veröffentliche «Balfour-Erklärung» zugunsten einer «jüdischen Heimstatt» in Palästina, und schließlich die Unterstützung und völkerrechtliche Anerkennung des neugegründeten Staates durch die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs – zuerst durch die UdSSR, dann durch die USA.

Siedler statt Komponisten

In all diesen Fällen handelte es sich in Wirklichkeit allerdings keineswegs um Ergebnisse fester projüdischer Haltungen, sondern um machtpolitische Manöver. Diese hatten bestenfalls am Rande etwas damit zu tun, dass die genannten Verantwortlichen der Meinung gewesen wären, die Gründung eines jüdischen Staates auf arabischem Boden sei aufgrund der Geschichte – sei es der Existenz jüdischer Staaten in der Antike, sei es auf Grund des im Nazi-Holocaust gipfelnden europäischen Antisemitismus – selbstverständlich legitim.

Von besonderer Bedeutung scheint mir das von Zionisten und nichtjüdischen Anhängern des Zionismus gemeinsam geteilte Bild vom zionistischen Staat und seinen – jüdischen – Bewohnern zu sein. Es ist das Bild von einem Volk von Pionieren, das die natürliche und kulturelle Wüste, die bis zu ihrem Eingreifen Palästina geprägt haben soll, zum Erblühen gebracht habe. Etwas bösartig formuliert, kann man die Eigenschaften dieses «neuen Juden» so zusammenfassen: «Flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl.»

Damit ist der zionistische Siedlerkolonialist das genaue Gegenteil der europäischen Juden, die jahrhundertelang Europas Kultur so wesentlich bereichert haben. Nicht nur keine kleinen Händler, Geldverleiher und dergleichen in osteuropäischen Ghettos oder in wohlhabenderer Form in Westeuropa, auch keine Komponisten wie Felix Mendelssohn oder Gustav Mahler, keine Schriftsteller wie Heinrich Heine, Hugo von Hofmannsthal oder Franz Kafka, keine Wissenschaftler wie Siegmund Freud oder Albert Einstein. Stattdessen Wehrbauern – muskulös, und, wenn man Hollywoods prozionistischen Werbefilmen Ben Hur und Exodus glauben will, auch blond und blauäugig (Charlton Heston, Paul Newman).

Unverkennbar bezieht sich diese Projektion keineswegs auf «die» Juden, sondern auf die Juden, die alleine die treibende Kraft des zionistischen Projektes waren und so gut wie die gesamte herrschende Klasse Israels stellten – die europäischen Juden. In gewisser Weise erweist sich auf diesem Hintergrund auch der fanatische Philosemitismus der «Antideutschen», denen Brecher im Kapital «Sprachstunde Null – Wie die Bundesrepublik Deutschland über Juden und Israel zu sprechen lernte» mehrere Seiten widmet, als besonders deutsch.