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Miese Ausbildung, miese Bezahlung, Diskriminierung

Azubis 2011
von Manfred Dietenberger
Es ist unerträglich, dass auch zum Ausbildungsstart Ende August/Anfang September 2011 rund 1,5 Millionen junge Menschen zwischen 20 und 29 Jahren ohne eine qualifizierte, abgeschlossene Berufsausbildung sind.
«Lehrjahre sind keine Herrenjahre.» Mit solchen und ähnlichen dummen Sprüchen wurden früher und werden heute noch Wünsche und Erwartungen der jugendlichen Auszubildenden niedergemacht – im Betrieb, in der Schule oder zu Hause. Viel Arbeit, wenig Geld, schlechter Unterricht, das ist die Alltagswirklichkeit der Azubis. Der DGB-Ausbildungsreport registriert erhebliche Missstände in den Ausbildungsbetrieben und an den Berufsschulen.

Besonders stark beklagen sich Lehrlinge im Hotel- und Gaststättenbereich über ihre miese Ausbildung. Das tägliche Erleben, nur als billige Arbeitskraft ausgenutzt zu werden, führt bei vielen von ihnen zu großer Enttäuschung, aber auch Wut. Zwei Drittel der Azubis im Hotel- und Gaststättengewerbe kommen zudem regelmäßig auf Überstunden – im Durchschnitt aller Ausbildungsbranchen waren es «nur» 40,2%.

Die werdenden Hotel- und Restaurantfachleute verzeichneten außerdem die höchste Abbrecherquote; die meisten gaben an, nicht auf Dauer in dem Beruf bleiben zu wollen. Hinzu kommt, dass die Bundesregierung ein «flexibleres Jugendarbeitsschutzgesetz» plant, das es Ausbildungsbetrieben im Hotel- und Gaststättengewerbe ermöglichen soll, die Arbeitszeiten von minderjährigen Auszubildenden bis in die Nachtstunden auszuweiten.

Nur zwei Drittel der über 7000 Befragten sind mit der Qualität ihrer Ausbildung irgendwie zufrieden. Am besten schnitt in diesem Jahr die Ausbildung zum Industriemechaniker ab, gefolgt vom Bank- und Industriekaufmann. Den theoretischen Teil der Ausbildung bewerteten hingegen 13,1% aller Befragten mit «ausreichend» oder sogar «mangelhaft». Nur jeder Zehnte findet den Unterricht «sehr gut».

Schon eine frühere Umfrage der IG Metall ergab: Bei den Berufsschulen handelt es sich nicht selten um sanierungsbedürftige Gebäude mit veralteter Ausstattung. Der Staat spart unsere Berufsschulen sehenden Auges kaputt. Je Berufsschüler gibt der Staat im Durchschnitt jährlich gerade mal 2200 Euro aus, nicht einmal halb soviel wie für die ebenfalls meist mangelhaft ausgestatteten allgemein bildenden Schulen.

Ein weiteres Ergebnis der Studie bringt einmal mehr zu Tage, dass weibliche Auszubildende gegenüber ihren männlichen Kollegen auch im zweiten Jahrzehnt des 21.Jahrhunderts immer noch benachteiligt sind. Frauen verdienen im Schnitt monatlich rund 110 Euro weniger. Weiterhin werden junge Frauen in «typische» Frauenberufe abgedrängt. Wie lange noch dulden wir, dass weibliche Lehrlinge dafür bestraft werden, dass sie Dienstleistungen einbringen, Menschen pflegen oder beruflich Kinder erziehen?

Der DGB-Ausbildungsreport zeigt: Die Lage der arbeitenden und lernenden Jugend in diesem unserem Lande ist systemisch mies. Zum Aktionstag der IG Metall am 1.Oktober 2011 in Köln werden über 20000 junge Metaller erwartet, die gemeinsam für eine lebenswerte Zukunft auf die Strasse gehen werden – das wäre ein ausbaufähiger Anfang. Gelingt es den Azubis, ihren Protest mit den Schüler- und Studentenstreiks zu vernetzen, kann sich ihre Wut zu aktivem und erfolgreichem Widerstand entwickeln.


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