Was mich die Aussperrung über internationale Arbeitersolidarität gelehrt hat


Quelle: SoZ – Sozialistische Zeitung
Website: https://www.sozonline.de
Artikel-Link: https://www.sozonline.de/2011/10/was-mich-die-aussperrung-uber-internationale-arbeitersolidaritat-gelehrt-hat/
Veröffentlichung: 03. Oktober 2011
Ressorts: Amerika, Arbeitskämpfe

13 Monate Arbeitskampf bei Honeywell, USA

Erfahrungsbericht eines Kollegen aus Illinois

von John Paul Smith
Im Internet-Blog Working in these times hat der Autor seine Erfahrungen mit internationaler gewerkschaftlicher Solidarität beschrieben.

Vor einem Jahr, als Honeywell International mich und 228 meiner Kolleginnen und Kollegen aus der Fabrik in Metropolis im Bundesstaat Illinois aussperrte, hätte ich mir nicht träumen lassen, dass ich einmal in Deutschland und Belgien erklären würde, was bei uns passiert. Aber genau dahin hat mich dieser Kampf, der offiziell in der Woche endete, in der der neue Dreijahresvertrag angenommen wurde, geführt.
Viele Mitglieder gewerkschaftlicher Ortsverbände in den USA, darunter auch mein eigener, haben Zweifel daran, wie wichtig die Zusammenarbeit mit Gewerkschaften in anderen Teilen der Welt ist. Hoffentlich bringen meine Erfahrungen während der dreizehn Monate währenden Aussperrung von Honeywell nun diese Zweifel zum Verstummen.

Am 28. Juni 2010 entschied Honeywell International – einer der größten Geldgeber für politische Parteien in den USA und ein wichtiger Lieferant von Rüstungsgütern – Mitglieder der Gewerkschaft United Steel Workers (USW) Local 7-669 aus der Fabrik in Metropolis, in der Uran verarbeitet wird, auszusperren. Dies geschah, obwohl wir angeboten hatten, auch nach Ablauf unseres Tarifvertrages weiter zu arbeiten und zu verhandeln.

Schon bevor wir ausgesperrt wurden war uns klar, dass wir gegen eine so große Firma nicht alleine kämpfen können. Unser erster Schritt war der Beitritt zum nationalen amerikanischen Honeywell Gewerkschaftskomitee, das jedoch bis dahin nicht sehr aktiv war. Unterstützt vom Leiter des Komitees des Bezirks 9 der USW, Daniel Filippo, hielten wir ein erstes Treffen ab – in unseren Gewerkschaftsräumlichkeiten in Metropolis, direkt gegenüber von unserem alten Arbeitsplatz. Dieses Treffen war nicht auf Ortsverbände der USW beschränkt, eine Reihe anderer Gewerkschaften nahmen teil, die Beschäftigte in verschiedenen Honeywell-Betrieben vertraten.

Außerdem war der in einem Honeywell-Betrieb bei Hamburg beschäftigte Michael Petersen, Mitglied der IG BCE (die deutsche Chemiearbeitergewerkschaft) und Vorsitzender des europäischen Honeywell-Betriebsrates, eingeladen. Vor meiner ersten Begegnung mit Michael wusste ich gar nichts darüber, wie der deutsche Betriebsrat funktioniert. In Europa sind große Firmen gesetzlich dazu verpflichtet, Betriebsräte zuzulassen, die dann tatsächlich einigen Einfluss darauf haben, wie Firmen mit ihren Arbeitskräften umgehen. Jede Firma oder Firmenbereich mit fünfzig Beschäftigten kann einen Betriebsrat wählen, der freigestellt wird. Die Anzahl der Betriebsräte hängt direkt von der Anzahl der Beschäftigten der Firma ab, und die Beschäftigten können den Betriebsrat wählen, egal ob sie zur Gewerkschaft gehören oder nicht.

 

Unsere Kampagne wird international

Je länger die Aussperrung in Metropolis dauerte und je stärker unsere Kampagne gegen diese abscheuliche Firma wurde, desto mehr Anfragen von überall her erreichten uns, doch jemanden zu schicken, der unsere Geschichte erzählt.

Eine Anfrage erschien seltsam: Ein Gewerkschaftsangestellter aus Pittsburgh (da ist die Gewerkschaftszentrale) rief mich an und fragte mich: «Hallo, was hältst du davon, nach Deutschland zu fahren und dort über die Aussperrung zu berichten?» Zuerst war ich schockiert und überrascht, dass Menschen auf der anderen Seite der Welt überhaupt etwas von unserer Aussperrung wussten und von uns persönlich etwas darüber hören wollten.

Steven Lech, Aktivist unseres Locals, und ich machten uns am 2.Mai auf den Weg. In Deutschland trafen wir die Konzernbetriebsräte und erzählten unsere Geschichte. Dabei ist wichtig zu wissen, dass zwar jeder dieser Betriebsräte gewählt ist, jedoch nicht notwendigerweise Mitglied einer Gewerkschaft ist. Nach unserer Präsentation verabschiedeten die Konzernbetriebsräte einstimmig eine Resolution, in der das Ende der Aussperrung gefordert wurde, und schickten diese an das Management von Honeywell. Damit war unser Kampf international.

Angefangen mit der Solidarität und der finanziellen Unterstützung der Brüder und Schwestern in den Gewerkschaften ist Deutschland ist ein sehr interessantes Land, weil im europäischen Vergleich der gewerkschaftliche Organisationsgrad dort sehr hoch ist. Gleichzeitig sind dort die Arbeitskosten am höchsten, und trotzdem ist die Wirtschaft am stärksten. Alle, mit denen wir gesprochen haben, waren entsetzt darüber, dass uns die Firma ausgesperrt hat, besonders nachdem sie erfuhren, dass in Metropolis mit Uran gearbeitet wird und dass seit dem Beginn der Aussperrung gegen die Sicherheitsvorschriften verstoßen wird.

Nach dem Besuch in Deutschland fuhren wir weiter nach Brüssel und trafen dort Mitglieder des europäischen Betriebsrats von Honeywell, welche dort eines ihrer regelmäßigen Treffen abhielten. Honeywell verbot den Konzernbetriebsräten Treffen mit uns, die blieben aber ihren Überzeugungen treu und trafen uns in ihrer Freizeit. Nach diesem Treffen wurde erneut dem Honeywell-Management eine einstimmige Resolution übermittelt. Einige dieser Betriebsräte waren sogar Manager in ihren Firmen und gehörten keiner Gewerkschaft an.

Darüber hinaus trafen wir in Brüssel Vertreter aller bedeutenden europäischen Gewerkschaften wie der Europäischen Metallgewerkschaft (EMF), der Bergbau-, Chemie und Energie-Gewerkschaft (EMCEF) und der Dienstleistungsgewerkschaft (EPSU).

Bei alledem war die Möglichkeit, mit Beschäftigten anderer Honeywell-Betriebe Informationen und Ideen auszutauschen, am wichtigsten. Grundlegende Arbeiterrechte sind in allen Ländern gültig, und schließlich haben wir alle das gleiche Ziel. Wir verdienen es, mit dem Lohn für eine anständige Arbeit ein ordentliches Leben zu führen und keine gesundheitlichen Schäden von der Arbeit davon zu tragen. Nun, da fast jede größere Firma global agiert, müssen auch wir, um damit Schritt zu halten, uns global organisieren. Überall findet nämlich der gleiche Kampf statt, und Arbeiterrechte sind Menschenrechte.

Wenn wir uns in großer Zahl zusammenschließen, sind wir unübersehbar und Politiker und Firmenbosse müssen unsere Forderungen anerkennen. Sie scheinen oft zu vergessen, dass wir unsere Arbeit auch ohne sie da oben machen können, es ihre Jobs und Vermögen ohne uns da unten es aber nicht geben würde. It’s time for global solidarity forever! Die Zeit für weltweite Solidarität ist gekommen – für immer!

 

Quelle: www.inthesetimes.com.