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Das Märchen von den Kleinkrediten

von Angela Huemer

Gerhard Klas: Die Mikrofinanz-Industrie. Die große Illusion oder das Geschäft mit der Armut, Berlin/Hamburg: Assoziation A, 2011, 19,80 Euro, 320 S.

Wer sich jemals selbst um einen Kredit bemüht hat, weiß, dass die Zinsen umso höher sind, je weniger Sicherheiten man zu bieten hat – falls man überhaupt einen Kredit bekommt. In den letzten Jahren sind die Kreditzinsen ziemlich gesunken, für rund 3–5% Jahreszinsen kann man sich Geld leihen. Die Dispozinsen bei der Bank liegen schon etwas höher – bei 14% oder mehr. Und in der kleinen Geschichte der Kredite, die Gerhard Klas an den Anfang seines Buches stellt, erfahren wir, dass in der Antike Kredite nur in absoluten Notlagen aufgenommen wurden und Zinsen verpönt waren. Platon bspw. warf den Zinsnehmern vor, die Armut zu vergrößern.
Auch in christlichen Kreisen waren Zinsen lange verpönt, Geld wurde oft innerhalb der Familie verliehen. Zinsfrei. Die Vorläufer der heutigen Mikrokredite sind Genossenschaftsbanken sowie Spar- und Kreditgruppen. Jonathan Swift, der Autor von Gullivers Reisen, war einer der ersten, der Kleinkredite vergab, weitgehend frei von Zinsen, was heute in der Mikrokreditbranche als undenkbar gilt.
Die Mehrheit der Weltbevölkerung kommt nie in die Verlegenheit oder auf die Idee, einen Kredit zu beantragen, denn sie hat keinerlei Sicherheiten zu bieten. Da schien Muhammad Yunus’ Bestreben, Kleinstkredite an Arme zu vergeben, damit sie ihre Lebenssituation verbessern können, indem sie kleine Unternehmen gründen, einleuchtend. Im Jahr 2006 erhielt Yunus für seine Schaffung und Verbreitung der Mikrofinanz den Friedensnobelpreis.
Mikrokredite aber sind teuer! Dabei werden Zinsen von mindestens 20% kassiert, Klas spricht sogar von tatsächlichen 38%. Wenn man bedenkt, dass dieses System eigentlich als Alternative zum Wucher geschaffen wurde, bekommt man doch starke Zweifel. Die hohen Zinsen werden mit den operativen, administrativen Kosten begründet und damit, dass die Mikrofinanzunternehmen Geldverleiher sind, keine Banken, und selber Geld bei Banken leihen müssen.
Die hohe Rückzahlungsquote von 97%, von der Yunus immer wieder spricht, könnte eigentlich beruhigend wirken. Doch es kommen weitere Zweifel, wenn man erfährt, dass Finanzinstitutionen Investitionen in die Mikrofinanz anpreisen, weil arme Leute so zuverlässig sind! Noch dazu, kritisiert Klas, wird viel zu wenig berücksichtigt, wie hoch die Umschuldungsrate ist, also die Zahl der Fälle, wo ein Kredit von einem anderen Anbieter genommen wird, um das Geld für einen früheren Kredit zurückzahlen zu können.
Besonders schwierig wird die Lage nach Naturkatastrophen wie dem Zyklon Aila, der im Mai 2009 in Südasien wütete. Nur einen Monat Aufschub gab es für die Rückzahlung eines Kleinkredites, erzählt Kharun Nisa, eine Frau, die Gerhard Klas im Südwesten von Bangladesh traf. Laut Angaben der NGO Action Aid mussten Hilfsgelder der Regierung für die Rückzahlung von Krediten verwendet werden. Eigentlich hatte Muhammad Yunus nach einem Besuch in der Katastrophenregion angekündigt, alle Kredite ein halbes Jahr lang zu stunden. Doch wie verbindlich diese Aussagen waren, schreibt Klas, ist angesichts von Beispielen wie das von Kharun Nisa schwer auszumachen.
Klas kritisiert, dass meist wenige einzelne positive Beispiele zum Beweis des Erfolgs der Mikrokredite herangezogen werden. Seine umfangreichen Recherchen haben die Zweifel an den hohen Rückzahlungsquoten und damit erfolgreichen Kreditnahmen vermehrt. Bestärkt fühlt er sich durch Reinhardt Schmidt, Mikrofinanzexperte an der Uni Frankfurt, der Mikrokrediten grundsätzlich gewogen ist: «Viele Mikrofinanzinstitute lassen ausfallgefährdete Kredite einfach in den Büchern stehen, statt sie abzuschreiben.»
Doch Klas’ Kritik ist grundsätzlicher: Viel zu wenig würden die vorliegenden Untersuchungen die «Rückzahlungsquoten aus der Sicht der Schuldnerinnen betrachten» und nachbohren, «wie sie die hohen Ratenzahlungen meistern und ob sie sie als Bürde ansehen». Viel zu wenig werde untersucht, wie sich die Lage der Kreditnehmer tatsächlich verändert hat, und ob die Kredite wirklich für den Aufbau einer neuen Existenz und nicht für die Begleichung von Arztkosten oder aufgrund einer akuten Notsituation aufgenommen würden. Klas sieht im Schwinden der öffentlichen Vorsorge einen der Gründe für den Boom der Kleinkredite; was früher ohne Bezahlung zu haben war, wie Gesundheitsversorgung, ist nun oft kostenpflichtig.
Das Buch von Gerhard Klas ist sehr umfangreich, er konzentriert sich auf Bangladesh und Indien und widmet einen sehr interessanten Teil der Art und Weise, wie die Medien die Mikrofinanz-Industrie viel zu wenig kritisch hinterfragen. Bisweilen reibt er sich zu sehr an Muhammad Yunus. Ausführlicher wünscht man sich das Kapitel zu möglichen Alternativen, wie Ernährungssouveränität, Grundeinkommen und Schilderungen von Beispielen, wie es anders gehen kann – etwa das Beispiel des indischen Bundesstaats Kerala.
Allen, die schon lang ein gewisses Unbehagen bei all der Euphorie über Mikrokredite verspüren und auch, wie Klas klugerweise betont, nie vergessen, dass Kredite eigentlich Schulden sind, sei dieses Buch wärmstens ans Herz gelegt – auch der weiterführenden Literatur- und sonstigen Hinweise wegen.

Lesungen
Nürnberg, 11.–13.11.: Linke Literaturmesse, Künstlerhaus, Königstr.93, www.linke-literaturmesse.org.
Heidelberg, 15.11.: Veranstaltet von der Heidelberger Südasiengruppe. 19 Uhr, Karlstorbahnhof, Gumbelraum.


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