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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Der Pontifex im Bundestag

von Helmut Dahmer, Wien

Im Rahmen seines Besuchs im „Missionsgebiet“ Deutschland hat der mit Salutschüssen als Staatsoberhaupt empfangene, seit 2005 amtierende deutsche Papst am 21. September 2011 im Reichstag eine Rede gehalten, die vielen als bemerkenswert gilt. Eine Reihe von Abgeordneten war gar nicht erst erschienen, und einige verließen den Saal während der Ansprache, weil sie den Auftritt eines Theokraten im Parlament für unpassend hielten. Die meisten aber fühlten sich – als mehr oder weniger gläubige, zumindest aber Kirchensteuer zahlende Christen welcher Konfession auch immer – durch die Anwesenheit des derzeitigen „Stellvertreters“ des Messias in ihren unheiligen Hallen irgendwie geehrt. Außerparlamentarisch versammelten sich derweil in Sicht-, nicht aber Hörweite des Bundestags, auf dem Potsdamer Platz, die Papstgegner und –kritiker. In abendlichen Talk-Shows wurde dann über Niedergang oder Erneuerung des Katholizismus, über Fragen des politischen Stils und demokratische Spielregeln gestritten. Vielleicht ist es nützlich, bei dieser Gelegenheit zum einen daran zu erinnern, wer der Papst ist, und, zum anderen, den Text seiner „Rede über die Grundlagen des freiheitlichen Rechtsstaats“ noch einmal genauer zu lesen.
Der Papst ist (seit 1871 beziehungsweise 1929) der Wahlmonarch eines Zwergstaats (nämlich der Vatikanstadt-Exklave in Rom), und er ist zugleich der oberste Seelenhirte einer riesigen Herde, die eine Milliarde Menschen umfasst, also die Hälfte der Christenheit. In dieser (letzteren) Eigenschaft ist er der „unfehlbare“ Hüter der Dogmen, also der von der alleinseligmachenden römischen Kirche im Laufe der Jahrhunderte verkündeten Glaubenswahrheiten, die, wie absurd auch immer sie sich ausnehmen, als unabänderlich gelten und darum jeglicher Kritik entzogen sind. (Hier ist in Erinnerung zu rufen, dass Benedikt XVI. vierundzwanzig Jahre lang die „Glaubens-Kongregation“, die Nachfolge-Organisation der „Heiligen Inquisition“, geleitet hat.) Nach christlicher Auffassung sind die sündigen Menschen den moralischen Anforderungen „Gottes“, wie die Kirche sie formuliert, nicht gewachsen. Beständig erliegen sie den Versuchungen des „Fleisches“ (also irdischen Lüsten) und der („teuflischen“) Anfechtung durch den Zweifel. In Schuld verstrickt, können sie (nach Meinung des Vatikans) Gnade nur erlangen, indem sie sich der Kirche, der alleinigen Verwalterin der göttlichen Heils- und Gnadenmittel, unterwerfen, ihre Dogmen akzeptieren und ihre Rituale befolgen. >Außerhalb der Kirche ist kein Heil.< Die weltweite Hierokratie der katholischen Kirche rechnet mit der Unmündigkeit der Menschen und tut alles, was in ihren Kräften steht, sie darin festzuhalten. Innerhalb der parlamentarischen Demokratien auf kapitalistischer Grundlage, deren Existenz davon abhängt, dass die als „mündig“ deklarierten Staatsbürger es nach und nach auch wirklich werden, bildet die große katholische Glaubensgemeinschaft eine Art prämoderne „Parallelgesellschaft“. In Grundfragen des Rechts, sagt der Papst, „reiche das Mehrheitsprinzip nicht aus“: „Vom Blick auf die Gottheit her wird entschieden, was unter Menschen rechtens ist.“ Vom Blick auf die Gottheit her… Doch wer blickt da auf wen, und wer deutet wem, was er da zu sehen glaubt?

Die Papstkirche steht und fällt mit ihrem antiindividualistisch-antimo­dernistischen Programm. Sie hat sich, dem entsprechend, in der Vergangenheit nicht nur propagandistisch, sondern, wenn nötig und möglich, mit Feuer und Schwert gegen Un- und Andersgläubige, gegen die „häretischen“ Wegbereiter der Moderne und gegen die Aufklärung gewandt. Im 20. Jahrhundert hat sie gern mit faschistischen und autoritären Bewegungen und Regimen paktiert, sofern sie gegen Republik, Sozialismus und Kommunismus zu Felde zogen. Die vom Papst jetzt beschworene „Würde eines jeden Menschen“ hat dabei oft gar keine Rolle gespielt.

Von all? dem hat der Papst im Bundestag, wo er in der Rolle des Philosophen auftrat, diplomatisch geschwiegen. Er optierte für die „objektive“ Vernunft, das Korrektiv der (von ihr abgeleiteten) „subjektiven“ oder instrumentellen. Dass aber auch die „objektive“ Vernunft eine menschliche ist, dem „metaphysischen Bedürfnis“ entsprungen, das in uns ebenso stark ist wie das physische, blieb ungesagt. Das Produkt dieses „metaphysischen Bedürfnisses“ ist die Phantasie einer wohl organisierten, „gerechten“ Gesellschaft, die ihr Habitat nicht zerstört, sondern es kultiviert. Dieser weltlichen Phantasie haben auch die Propheten und manche Kirchenlehrer angehangen und sie ausfabuliert. Um vom Ende der Ausbeutung und der Kriege und von einer neuen Erde zu träumen, bedarf es freilich nicht, wie Benedikt meint, des „Hörens“ auf „die Sprache des Seins“ und schon gar nicht der Hörigkeit gegenüber der „Weisung der Erde“. Denn das „Sein“ ist nur eine leere Abstraktion, und die „Erde“ weiß uns nichts zu sagen, geschweige denn, dass sie uns etwas weisen könnte.

Die Abgeordneten, die Kanzlerin und auch der Präsident, sie alle lauschten der feierlich dunklen Rede des Papstes gern. Irgendwie fühlten sie sich erhoben und erbaut, und dies Gefühl trug sie über die Ungereimtheit des Gesagten hinweg. So überhörten sie denn auch die eigentliche Botschaft, dass Sein, Natur und Erde nur die Masken des Schöpfergottes sind, dessen Weisungen einzig die Kirche uns Sündern offenbart.


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