Schließen

Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

Bert Brecht hielt nicht viel vom Recht auf geistiges Eigentum. Wir auch nicht. Wir stellen die SoZ kostenlos ins Netz, damit möglichst viele Menschen das darin enthaltene Wissen nutzen und weiterverbreiten. Das heißt jedoch nicht, dass dies nicht Arbeit sei, die honoriert werden muss, weil Menschen davon leben.

Hier können Sie jetzt Spenden

Sie befinden sich hier: Home > 2011 > 11 > Die-chansonsangerin-blandine-bonjour

Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 11/2011 |

«Le Temps des Cerises» oder: Mein Opa war Weber und Tenor

Die Chansonsängerin Blandine Bonjour

Blandine Bonjour und Bernd Köhler veredelten am 8.Oktober 2011 die 25-Jahr-Feier der SoZ mit Liedern von der Pariser Kommune und anlässlich des 140.Jahrestags der blutigen Niederschlagung der Kommune. Besonders Blandine berührte das Publikum, wenn sie über den Hintergrund und die Geschichte der einzelnen Lieder sprach. Inspiriert von den «Chansons sans cigare» die sie uns präsentierten, wollten wir Blandine die Gelegenheit geben, uns mehr von ihr zu erzählen.
Geboren bin ich in Lyon – die Stadt der canuts, der Seidenweber. Vor ziemlich genau 180 Jahren, Ende November 1831 probten die Seidenweber aus Lyon den ersten Arbeiteraufstand in Europa. Sie protestierten gegen die Händler, die den niedrigen Preis, den sie zahlten, mit der ausländischen Konkurrenz begründeten. Im Kampf um einen Mindestlohn beschlossen die Arbeiter am 21.November 1831, unter dem Motto «Vivre en travaillant ou mourir en combattant» («Arbeitend leben oder kämpfend sterben») zu streiken. Die Aufständischen besetzten eine Kaserne und auch das Rathaus von Lyon. Niedergeschlagen wurde die Revolte von den Streitkräften unter der Führung des Herzogs von Orléans, es gab rund 600 Tote, 10000 wurden aus der Stadt vertrieben. 1834 begehrten die Seidenweber erneut auf, diesmal wurden sie von Adolphe Tiers, dem Henker der Kommune von 1871, blutig unterdrückt.

Kindheit und Jugend

Meine frühen Kindheitsjahre in der Lyoner Rue Laurent Mourguet prägten nachhaltig meine spätere Entwicklung. Die Straße ist benannt nach Laurent Mourguet, ein Arbeiter, der die Handpuppe «Guignol» erfunden hat, ein frecher Kasper mit losem Mundwerk, der regelmäßig seinen Widersacher, den Gendarmen «Flageolet» ärgert. Sein Freund ist «Gnafron», benannt nach Laurent Mourguets Freund im wirklichen Leben. Angeblich trägt die Figur des «Guignol» auch die Gesichtszüge Mourguets. Erst spät entdeckte ich diesen Zusammenhang, voll Freude, denn die Figur des «Guignol» hat viel mit mir zu tun. Aufgewachsen bin ich in einem streng katholischen Milieu, wo aber sehr viel im Schulchor gesungen wurde – ebenso zu Hause und auch bei den Pfadfinderinnen.
Mein Vater leitete den Kirchenchor der Gemeinde. Mein Großvater mütterlicherseits sang in seiner Freizeit, neben seiner Arbeit in der Seidenindustrie in Lyon. Auch das weiß ich erst seit kurzem, und es ist wichtig für mich, denn es verstärkt meine Bindung zur Stadt Lyon und meine Verwurzelung dort, die nach wie vor sehr stark ist.
Schon immer habe ich mich sehr für historische Zusammenhänge und Traditionen interessiert. Ab der Pubertät habe ich viermal wegen irgendwelcher Lappalien die Schule gewechselt (es waren immer katholische Einrichtungen). Der Höhepunkt meiner Disziplinverstöße war bei einer Weihnachtsfeier im Internat, als ich «Potemkine», das Lied von Jean Ferrat über die Revolte der Matrosen in der ersten russischen Revolution, sang (das Lied ist auf unserer CD Chansons sans cigare zu hören) und dann auch noch die Dreikönigsmesse am 6.Januar 1968 schwänzte. Ich wurde ohne Rücksicht auf das bevorstehende Abitur von der Schule verwiesen.
Schon mit 14 Jahren interessierte ich mich für Emile Zola – mehrere Bücher von ihm standen auf dem Index der katholischen Kirche. Ein anderer Lieblingsautor von mir war Jules Vallès, ein Journalist und Schriftsteller, der in die Pariser Kommune gewählt wurde. An der Universität von St.Etienne, eine Stadt nahe Lyon, studierte ich dann Germanistik und Geschichte. Ich gründete eine Singgruppe, «Les années 30». Im Jahr 1969 kam ich im Sommer nach Deutschland. Dort traf ich auf meine große Liebe und studierte dann in Aachen Romanistik und Geschichte. Wir kehrten nach Frankreich zurück, unser erster Sohn wurde geboren. Vier Jahre lang lebten wir in einem Le Corbusier-Haus in der kleinen Stadt Firminy, dort arbeitete ich im Kulturverein «Travail et culture» (Arbeit und Kultur). 1981 kamen wir wieder nach Deutschland zurück, nach Mannheim, unser zweiter Sohn kam auf die Welt und wir hatten ein Pflegekind.

Die Begegnung mit Bernd Köhler

Neben der Kindererziehung arbeitete ich als Französischlehrerin und als Erzieherin in einem Kinderhort. Irgendwann schenkte mir mein Mann ein Akkordeon.
2003 traf ich bei einem unkonventionellen Französischkurs auf den Liedermacher Bernd Köhler. Dazu muss ich sagen, dass ich in 40 Jahren Praxis noch nie jemandem Französisch beibringen konnte, ohne Chansons zu singen!
Und Bernd Köhler – damals in einer Ruhephase – sprang direkt drauf an und begeisterte sich ungemein für die französischen Chansons des «anderen Frankreichs». So fing es an…
Durch Bernd wurde mir die unterschiedliche Liederkultur unserer beiden Länder klar. Ich recherchierte gezielt Lieder, die mich in meiner Kindheit und Jugend berührt hatten und fand oft einen gesellschaftlichen Hintergrund. Das beste Beispiel ist «Le temps des cerises» («Die Zeit der Kirschen»), das Jean-Baptiste Clément 1866 schrieb. Als er 1871 die blutige Niederschlagung der Pariser Kommune mitansehen musste – für die er selbst gekämpft hatte –, widmete er das Lied einer mutigen Krankenschwester, die auf den Barrikaden fiel. Der Text – es war ursprünglich ein Liebeslied – spricht von einer «offenen Wunde», von einer «Erinnerung, die ich im Herzen behalte». Solche Worte können sowohl eine gescheiterte Revolution wie eine verlorene Liebe wachrufen. Man könnte eine poetische Metapher darin sehen: man spricht von einer Revolution, ohne sie zu benennen.
Die «blutige Woche» war Ende Mai 1871, also in der Zeit der Kirschen. Die Kirschen erinnern an Süße und Sommer, an etwas Fröhliches, sogar Festliches. So transportiert das Lied eine gewisse Nostalgie sowie eine volkstümliche Fröhlichkeit und bleibt seit 140 Jahren eines der bekanntesten Lieder, die man in Frankreich zu jeder Gelegenheit singt, z.B. am Ende eines Festessens, bei einer Demonstration oder zur Erinnerung an den Mai 1871.
«Le temps des cerises» ist das erste Lied, das Bernd und ich 2008 zusammen sangen. Wir entwarfen ein Programm mit Liedern aus dem «anderen Frankreich» und gaben im August 2008 unser erstes Konzert in Valprivas, in der Auvergne, das erste große Konzert war in Mannheim, im Dezember 2008.
Schon vorher habe ich öffentlich gesungen, in den 90er Jahren gründete ich gemeinsam mit Florence Launay in Mannheim den Chor «Les balladines» (was soviel wie Balladensängerinnen heißt).

Unsere Lieder

Das französische Chanson ist das Erbe einer literarischen Tradition, die bis zu den Ursprüngen unserer Sprache zurückreicht. Ohne bis zu den troubadours des 11.Jahrhunderts zurückzugehen, die in okzitanischen Dialekten schrieben, hat man ca. 2000 Chansons von trouvères (Minnesänger am Ende des 12.Jahrhunderts) erfasst – leider oft ohne Melodien. Das französische Chanson zeichne sich durch den Vorrang des Textes über die Musik aus und widerspiegelt getreu seine jeweilige Zeit.
Deswegen reicht unsere Chanson-Auswahl von den berühmtesten Chansons von Georges Brassens («L’Auvergnat», «La Mauvaise Réputation») oder Moustaki («Ma Liberté», «Sans la nommer») über die Kampflieder der 70er und 80er Jahre («La Blanche Hermine», «Le Chiffon Rouge») bis zu den antifaschistischen Liedern («Chant du Partisan», «Chant des Marais») oder Antikriegsliedern («Le Déserteur», «Giroflé»). Nicht zu vergessen «Les Canuts», die Seidenweber, die versprechen: «Wir weben das Leichentuch der alten Welt!»
Derzeit kann man unsere «Chansons sans cigare» – von Blandine Bonjour und Bernd Köhler – auf der 2010 entstandenen CD hören. Der Titel bezieht sich auf ein Foto, auf dem ich zufällig Zigarre rauchend abgebildet bin und das Klischeebild eines Kapitalisten, der Zigarre raucht und einen Hut trägt.
Auf unserer neuen CD, Les Nouveaux Mousquetaires, die Ende dieses Jahres erscheint, wird die Hälfte der Lieder international sein (türkisch, sizilianisch, deutsch, italienisch…). Aber «Die Internationale» wird in der puristischen Tradition der Pariser Kommune gesungen, wie Eugène Pottier sie im Juni 1871 schrieb.
Eine Eigenkomposition (Text: Bonjour/Musik: Köhler) gibt dem neuen Album seinen Namen, «Les Nouveaux Mousquetaires». Wie sagt Bernd Köhler: «Eine Würdigung der neuen Bewegungen, die auf den Straßen und Plätzen der heutigen Zeit ihre Klingen mit den Mächtigen kreuzen».

Mehr zu Bernd Köhler und Blandine Bonjour findet sich auf ihren Internetseiten: www.blandinebonjour.de und www.ewo2.de/schlauch-live/aktuell.htm.


Drucken | Artikellink per Mail | PDF Version

Kommentar zu diesem Artikel hinterlassen

Spenden

Die SoZ steht online kostenlos zur Verfügung. Dahinter stehen dennoch Arbeit und Kosten. Wir bitten daher vor allem unsere regelmäßigen Leserinnen und Leser um eine Spende auf das Konto: Verein für solidarische Perspektiven, Postbank Köln, IBAN: DE07 3701 0050 0006 0395 04, BIC: PBNKDEFF


Schnupperausgabe

Ich möchte die SoZ mal in der Hand halten und bestelle eine kostenlose Probeausgabe oder ein Probeabo.