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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Die Massendemonstration scheitert

Der 15.Oktober in Rom – Große Debatte um die jugendlichen Randalierer

Etwa 200000 Menschen demonstrierten am 15.Oktober in Rom. Statt einer neuen Massenbewegung Auftrieb zu geben, ging das Anliegen der Demonstration jedoch in den Auseinandersetzungen zahlreicher Jugendlicher mit der Polizei unter.
«Es ist unnötig, darum herum oder die Sache klein zu reden», schreibt Giorgio Cremaschi, Vorsitzender der italienischen Metallarbeitergewerkschaft FIOM, auf der Webseite ilmegafonoquotidiano. «Am 15.Oktober fand in Italien an diesem Tag die größte von allen Demonstrationen rund um den Globus statt, und sie endete im Desaster.»
Auf derselben Webseite findet sich einer kleiner Bericht: «Die Demonstration sollte von einer Vielfalt weiterer Initiativen begleitet werden, so planten es die Organisatoren: Besetzungsaktionen, Aufbau von Zeltstädten, spontane Umzüge und anderes. Sie konnten gar nicht umgesetzt werden, weil ein kleiner, aber gut organisierter Teil der Demonstranten eine direkte Konfrontation mit der Polizei suchte, die die übergroße Zahl der Demonstrierenden gar nicht mitmachen konnte. Wenige haben über die Köpfe von vielen hinweg über den Verlauf der Demonstration entschieden.

Sie als ‹Kriminelle› oder ‹Hooligans› zu bezeichnen, führt zu nichts. Wer diesen Tag so geplant hatte, verfolgte ein klares Ziel. Und wurde dabei von vielen, häufig sehr jungen Menschen unterstützt, denen wir schon verschiedentlich auf Demonstrationen begegnet sind. Sie traten am 14.Dezember 2010 in Rom auf (dem Tag der Massendemonstration gegen die Verabschiedung des Krisenpakets im Parlament), aber auch am 4.Juli in Val di Susa bei den Protesten gegen die geplante Hochgeschwindigkeitstrasse. Sie drücken eine politische und soziale Lage aus, mit der man sich auseinandersetzen muss. Sie zeigen eine extreme und bislang ungekannte Mobilisierungsfähigkeit, die aus einer bis dato ebenfalls ungekannten Krisenlage entsteht und Formen von Aufständen und Rebellion hervorbringt, die niemand versteht außer denen, die sie praktizieren.»
Cremaschi kommt in seinem Kommentar zum Schluss:
«Wir, die zu denen gehören, die sie [die Demonstration] initiiert und organisiert haben, sehen uns in der Pflicht, all jene um Verzeihung zu bitten, die nur gekommen waren, um zu demonstrieren. Wir waren nicht in der Lage, ihnen die Ausübung dieses Rechts zu garantieren. Eine Minderheit hat die Demonstration gekapert und auf militärischer, medialer und politischer Ebene in etwas anderes verwandelt. Es fand eine Enteignung von Demokratie statt … Diese Realität darf man nicht leugnen.
Die Jugendlichen, die alles kaputt geschlagen und vor allem den Demonstrationszug selbst angegriffen haben, stellen in erster Linie ein politisches Problem dar. Ich bin absolut gegen die Vorschläge von Di Pietro [früher Staatsanwalt und Sprecher der Partei «Italien der Werte»] und [Innenminister] Maroni, neue Polizeigesetze zu erlassen, das würde uns nur in die 70er Jahre zurückwerfen.

Offenkundig haben diejenigen, die die Zusammenstöße herbeigeführt haben, ein totales Misstrauen gegenüber der Funktion und Wirkung einer Großdemonstration. Darüber muss man reden, bei aller gebotenen Strenge. Wir brauchen Versammlungen, offene und transparente Räume, wo Kriterien und Organisationsformen für die Demonstration beschlossen werden und klargestellt wird, dass, wer sie nicht respektiert, nicht dazu gehört.»

Machismo

Antonio Moscato, Betreiber der Webseite Movimento operaio (www.antoniomoscato.altervista.org), sieht eine Nähe zum Standpunkt, den Sinistra Critica (www.sinistracritica.org) in einer Erklärung angenommen hat, und ergänzt:
«Die Wortwahl ist unterschiedlich, aber die Vorschläge ähneln sich. Ihnen ist gemeinsam, dass sie nicht nur die Forderung nach schärferen Polizeigesetzen zurückweisen, sondern auch die Versuchung, hinter den Gewalttätern nur  mögliche Polizeiprovokateure zu sehen, wie es häufig aus den Blöcken herausklang, die in der Tradition der KP standen und nur ‹Faschisten, Faschisten› riefen.
Auf den Seiten von Il Manifesto gab es heftige Reaktionen auf einen Kommentar von Valentino Parlato, der u.a. geschrieben hatte: ‹Es wäre besser, es hätte sie [die Zusammenstöße] nicht gegeben. Aber unter den derzeitigen Bedingungen, wo die Jugendarbeitslosigkeit ungeahnte Rekorde schlägt, waren sie unvermeidlich. Ich würde hinzufügen: Es ist gut, lehrreich, dass es sie gegeben hat.›

Natürlich hat es möglicherweise Polizeiprovokateure gegeben, wie in Genua und in vielen anderen Fällen. Aber das Phänomen, von dem Parlato spricht, und das ich selbst miterlebt habe, war ein anderes: Zu den 200 oder 300 gut Organisierten und gut Ausgerüsteten, die einen völlig unvorbereiteten Demonstrationszug angegriffen und gefährdet haben, indem sie zwei Meter weiter Autos anzündeten, gesellten sich schnell 2000–3000 Jugendliche, die auf die Salven der Polizei reagierten (diese haben allerdings die organisierten Gewalttäter nicht beeindruckt, dafür aber die Demonstranten gefährdet). Das ist das Problem, das man verstehen und angehen muss, ohne die Polizei von ihrer Verantwortung freizusprechen oder die sog. ‹antagonistischen Kräfte› zu dämonisieren, z.B. die sozialen Zentren. Die sind untereinander sehr unterschiedlich, und auch in diesem Fall haben sie sehr interessante Positionen eingenommen. Ich will nur aus einer Erklärung der Sozialen Zentren der Marche [Region in Mittelitalien] zitieren:
‹Hinter den Bränden vom 15.Oktober haben wir keinen ‘Zorn der Prekären’ gesehen, nur einen ‘schwarzen Aufmarsch’ leichter Aktionen, die alle nur der eigenen Inszenierung dienten. Wir haben nicht gesehen, dass die Paläste der Mächtigen und der für die Krise Verantwortlichen angegriffen worden wären – zumindest wenn man darunter nicht Lebensmittelgeschäfte, Postämter und Mittelklassewagen versteht. Wir haben auch nicht gesehen, dass sich jemand den Palästen der Macht genähert und die Verbotsschilder des Innenministeriums missachtet hätte. Der ‘Aufmarsch’ hat sich ganz an die vorgeschriebene Demonstrationsroute gehalten und sich gehütet sich zu exponieren … Der Wille, sich in Szene zu setzen, stand im Widerspruch zu jedem sozialen und solidarischen Bezug innerhalb der Demonstration, nur bedacht auf die eigene Unversehrtheit und auf das, was die Nachrichten am nächsten Tag bringen würden – eine Karikatur von Machismo, die mit der Geschichte und Kultur der Bewegungen nichts zu tun hat…›»


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