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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

Bert Brecht hielt nicht viel vom Recht auf geistiges Eigentum. Wir auch nicht. Wir stellen die SoZ kostenlos ins Netz, damit möglichst viele Menschen das darin enthaltene Wissen nutzen und weiterverbreiten. Das heißt jedoch nicht, dass dies nicht Arbeit sei, die honoriert werden muss, weil Menschen davon leben.

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Es ist an der Zeit, uns neu aufzustellen

Rede zur 25-Jahr-Feier der SoZ
von Angela Klein

Die SoZ ist eine Zeitung, die immer an ein Organisationsprojekt gebunden war. Sie war nie das Sprachrohr einer Organisation, nie ein Zentralorgan. Aber sie hatte immer das Ziel, politisch zu intervenieren und organisiertes Handeln zu befördern.
Nach der Auflösung der Vereinigten Sozialistischen Partei (VSP) im Jahr 2000 hat die Funktion, organisatorisches Rückgrat zu sein, ein wenig die Internationale Sozialistische Linke (ISL) übernommen, aber das ist kein vollwertiger Ersatz: 1987 betrug der Anteil der VSP-Mitglieder an den SoZ-Lesenden 40%, heute machen die ISL-Mitglieder keine 10% aus, und sie tragen nur 20% zu ihren Einnahmen bei.

Der Aboverkauf macht 44% der Gesamteinnahmen aus, dieser Anteil nimmt tendenziell zu, bei einem allerdings niedrigeren Gesamtvolumen. Den Rest bringen die Leserinnen und Leser auf, die die SoZ mit Vereinsbeiträgen und mehr oder weniger regelmäßigen Spenden unterstützen.
Die gedruckte Auflage ist von einem anfänglichen Stand von 2700 im Jahr 1987 schnell auf 2000 im Jahr 1989 und 1600 im Jahr 1995 gesunken. Seit 2005 hält sie sich auf dem Stand von 1200–1300, vertrieben werden knapp 1000, knapp 900 sind Abonnenten.

Die Ausstrahlungskraft der SoZ ist um ein Vielfaches höher ist als diese Zahlen sagen – und das ist so seit den frühen 90er Jahren. 1993 gab sich die SoZ deshalb erstmals ein Redaktionsstatut und führte feste Redaktionskonferenzen ein, die Redaktion wurde erweitert um Nichtmitglieder der VSP.
Heute wird die Zeitung von außen zwar häufig als «posttrotzkistisch» wahrgenommen, doch in der Redaktion sind von zehn Mitgliedern nur 4 in der isl, die anderen kommen aus sehr unterschiedlichen Ecken, und viele Mitglieder der isl betrachten die SoZ nicht wirklich als «ihre» Zeitung. Der Deckel sucht immer noch den Topf, der zu ihm passt.
Bei der Leserschaft hat es sowohl in den 90er Jahren als auch im vergangenen Jahrzehnt immer wieder Umwälzungen gegeben; zwei Drittel der heutigen AbonnentInnen sind seit dem Jahr 2000 oder später dabei – das mag als Ausweis dafür gelten, dass die Zeitung durchaus neue Leserinnen und Leser anzuziehen vermag.
Die personelle und organisatorische Kontinuität der SoZ hat in den letzten zehn Jahren jedoch ein ziemlich kleiner Kreis von Leuten gesichert. Das verdient Beifall, aber es reicht nicht, die vor uns stehenden Auseinandersetzungen zu bestehen.

Kritisch zu Buche schlägt auch, dass die gut verdienende Leserschaft, die uns mit großzügigen Spenden über manche Krise geholfen hat, langsam ausstirbt – auch buchstäblich – zu Gunsten einer Leserschaft, die mehr und mehr unter prekären Lebensbedingungen leidet. Das heißt, das soziale Modell, das die SoZ 25 Jahre getragen hat, ist ein Auslaufmodell.
Wir müssen uns also etwas einfallen lassen und die SoZ auf neue Füße stellen.

Zu diesem sozialen Modell würde ich gern noch ein paar Takte sagen:
Zwei Jahre nach der Gründung der VSP, also 1988, zog Christoph Jünke aus der damals schon zweiten Leserumfrage – keine Zeitung hat je so viele Leserumfragen gemacht wie die SoZ, im Schnitt alle zwei Jahre eine – charakterisierte Christoph die Zeitung also so: «Die SoZ ist das Blatt für die männliche Arbeiteraristokratie.» 78% der Leserschaft waren damals gewerkschaftlich organisiert, die IG Metall führte mit 30%, über 40% der gewerkschaftlich Organisierten hatten Funktionen im Betrieb oder in der Gewerkschaft.
Es war ein politisch sehr engagierter Teil der qualifizierten Facharbeiterschaft, und es waren ungeheure Vielleser: einer brachte es bei der Leserumfrage auf «weitere 38 Zeitungen und Zeitschriften». Und es war eine relativ junge Leserschaft: 80% waren unter 40, fast 30% unter 30 Jahren. Dieses Milieu ist nach der Wende eingebrochen, und es kehrt auch nicht mehr wieder.

Die VSP war 1986 entstanden, weil ihre Vorläuferorganisationen in dem gesellschaftlich so wichtigen und strategischen Kampf für die 35-Stunden-Woche zu einer tragfähigen Zusammenarbeit gefunden hatten; der Kampf endete bekanntlich mit einem Teilerfolg.
Keiner von uns hätte sich damals träumen lassen, dass die Rache der Unternehmer so rabiat ausfallen würde: Wir haben dafür nicht nur mit verschärften Rationalisierungen, sondern auch mit einer gründlichen Umwälzung der gesamten Arbeitswelt bezahlt – dafür stehen die Stichworte: Verlagerung der Produktion in Billiglohnländer, Aufspaltung der Unternehmen und Ausgliederung der bislang betrieblichen Dienstleistungsbereiche, dramatische Mitgliederverluste der Gewerkschaften, wachsende Entsolidarisierung in den Belegschaften und ein Siegeszug der neoliberalen Ideologie auch in den Köpfen der abhängig Beschäftigten.
Diese Entwicklung hat uns Jahrzehnte zurück geworfen: Heute müssen kleine Belegschaften wieder darum kämpfen, dass sie überhaupt einen Betriebsrat oder einen Tarifvertrag bekommen. An vielen Stellen fangen wir wieder von vorn an.

Für die SoZ gehört es zum Kern ihres Selbstverständnisses, diese Veränderungen in der Arbeitswelt und in den Formen der Interessenvertretung zu registrieren und auch kleine Erfolge zu dokumentieren, damit sich daraus Mut schöpfen lässt. Denn der Schlüssel zu einer wirklichen Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse liegt in der Fähigkeit der Gewerkschaftsbewegung sich zu erneuern. Das geht aber nur langsam und meist ziemlich unspektakulär vor sich.
Dass wir seit Jahren in die Defensive gedrängt sind, hat einen Preis: Er lässt sich in den Begriffen «Entpolitisierung und Entsolidarisierung» fassen. Die Alltagssorgen ersticken oft jeden Versuch, politische Zusammenhänge bewusst zu machen und gemeinsames, solidarisches Handeln auf den Weg zu bringen. Gleichzeitig wächst der Unglaube, politisch überhaupt noch etwas erreichen zu können.

Das ist sozusagen der gesellschaftliche Grundton. Darüber erheben sich aber ganz andere Melodien.
Vor diesem Hintergrund gibt und gab es nämlich durchaus eine Vielzahl von manchmal erbitterten Auseinandersetzungen. Sie sind häufig durchaus erfolgreich – denken wir nur an die erzwungene Wiedereinstellung der Kassiererin Emmely. Oder an die Volksbegehren für die Rekommunalisierung von Dienstleistungsbetrieben (Wasserversorgung, Elektrizitätswerke). Es gibt die Riesenauseinandersetzung um Stuttgart 21, und natürlich die Anti-AKW-Bewegung und vieles andere. Das sind partielle Auseinandersetzungen, sie ändern nicht das gesamtgesellschaftliche Kräfteverhältnis, aber sie widerlegen die oft vorgebrachte Behauptung, es würde sich in diesem Land nichts tun.
Seit drei Jahren erleben wir allerdings eine große Veränderung, die kommt leider nicht von unten, sondern von oben: das ist die neue Weltwirtschaftskrise. Sie hat so gewaltige Ausmaße, dass sie nicht nur zu einem dramatischen Rückgang der unteren und mittleren Einkommen führt, sondern auch das Nachkriegsmodell der industriellen Beziehungen, den Sozialstaat und in Europa sogar das bisherige Modell der Nationalstaaten und der parlamentarischen Demokratie unter sich begraben wird.
Dagegen entwickelt sich eine Demokratiebewegung von enormer Wucht, die schon um den halben Erdball gegangen ist und vorwiegend von jungen Menschen getragen wird, die sich um ihre Zukunft betrogen sehen.
Diese Bewegung knüpft nicht mehr, wie ein Teil der 68er, an die 20er Jahre an. Sie stellt die Frage der Demokratie in den Mittelpunkt: das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft, von Gemeinwohl und privatem Profit, von Konkurrenz und Kooperation, von Nationalstaat und globalen Institutionen.

Die Linke jammert gern darüber, warum wir in Deutschland bislang daran noch keinen Anteil haben. Ich für meinen Teil muss sagen: Da mache ich mir wenig Sorgen. Wenn ich sehe, wie eilfertig eine ganz, ganz große Koalition zustande gekommen ist, um nur ja den Euro-Rettungsschirm durchs Parlament zu bringen – fast alle Parteien des Bundestags, alle Arbeitgeberverbände, alle Gewerkschaften –, um nur ja ein weiteres Abstürzen der Finanzmärkte zu verhindern, dann sagt mir das doch, dass die Decke sehr dünn geworden ist und die Regierenden weit davon entfernt sind, die gesellschaftliche und politische Lage unter Kontrolle zu haben.
Meine Sorge ist eine andere: Dass die Linke nicht wieder, wie bei den Montagsdemonstrationen gegen Hartz IV, von einer Bewegung überrascht werde, die vielleicht nicht ganz ihren Vorstellungen entspricht und mit der sie dann wieder nicht weiß, was sie anfangen soll.
Für die SoZ scheint mir wichtig: Wie können wir in Dialog kommen mit Menschen, die keine politischen und keine Organisationserfahrungen haben, die mit dieser neoliberalen Ideologie aufgewachsen sind und vielleicht erstmals aus dieser ausbrechen? Welche Initiativen können wir ergreifen, damit es bei der Empörung nicht bleibt, sondern sich daraus dauerhaftere solidarische Beziehungen ergeben? Was ist der nächste Schritt, die nächste Forderung, die durchsetzbar erscheint und eine breite Öffentlichkeit mobilisieren kann? Welche Bündnisse brauchen wir dazu? Wie können wir die engen Organisationsgrenzen einer zersplitterten Linken überwinden, um größere, auch grenzübergreifende, Handlungsfähigkeit zu erreichen? Für welche Ziele machen wir uns stark? Welche Alternativen bieten wir an? Wie wollen wir leben?
Das sind die Fragen, denen sich die SoZ heute stellen muss. Dazu muss sie aus meiner Sicht zwei Übel überwinden, die sie seit ihren Anfangszeiten mit sich herumschleppt:
Erstens das FaZ-Niveau, das ihr immer attestiert worden ist. Wir haben es heute nicht mehr mit Viellesern zu tun, sondern immer mehr mit Menschen, die uns schreiben: Ihr macht eine gute Zeitung, aber ich komme nicht mehr dazu, sie zu lesen. Immer mehr schreiben auch: Ich kann sie mir nicht mehr leisten. Wir müssen aber so schreiben, dass es Vergnügen macht, uns zu lesen.

Zweitens aber muss die SoZ die Fähigkeit zum Dialog und zur Kooperation entwickeln. Die ist nämlich, all ihren guten Vorsätzen zum Trotz, noch ziemlich unterentwickelt. Meinungsstreit findet bei uns wenig statt; er ist aber das Salz in der Suppe, wenn wir besagte Organisationsgrenzen überwinden und ein größeres, handlungsfähiges WIR schaffen wollen.
Dazu bringt die SoZ eigentlich keine schlechten Voraussetzungen mit: Sie ist kein identitäres Projekt. Und sie hat ein Umfeld, das reicht von der Gewerkschaftslinken über die Linkspartei und Attac bis hin zu Teilen der Interventionistischen Linken. Mit all diesen – und vielen anderen, die ich hier nicht aufzählen kann – den Austausch und die Kooperation zu intensivieren, das ist das, was wir uns selber anlässlich dieser Feier am meisten wünschen – und hoffentlich mit eurer Hilfe auch schaffen werden.
Vor sechs Jahren haben wir einmal Arno Klönne zu einer Redaktionskonferenz eingeladen. Er hielt dort einen Vortrag, den wir in der SoZ zwar dokumentiert, aber nicht umgesetzt haben. Er sagte:
«Die verschiedenen linken Blätter haben ihr spezifisches Profil. Sie würden selbst nicht überflüssig, wenn es DAS gäbe: Eine Zeitung als Organ der Information, des Meinungsaustauschs, der Argumentationshilfe und der öffentlichen Präsentation derjenigen Menschen, die sich mit sozialen, demokratischen und kriegsgegnerischen Motiven in die Politik einmischen wollen. Wer gesellschaftspolitische Alternativen entwickeln will, wird alternative Formen von Medien ausprobieren müssen, in denen ‹Kommunikation› nicht als Tarnbegriff für propagandistische Überwältigung eingesetzt wird. Es mangelt links an Kommunikationsfähigkeit. Das wird kein angeborener Mangel sein.»
Arbeiten wir daran.
Köln, 8.10.2011


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