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Fachkräftemangel?

Hausgemachter Blödsinn
von MANFRED DIETENBERGER
Seit mindestens drei Jahren wird wenigstens einmal die Woche die Sau vom angeblichen Facharbeitermangel durchs Dorf getrieben. Der Fachkräftemangel greift scheinbar gefährlich um sich. Egal ob Ingenieure, IT-Fachkräfte oder Pflegepersonal, die deutsche Wirtschaft sucht nach eigenem Bekunden händeringend, aber mehr und mehr erfolglos nach qualifizierten Fachkräften. Bei Otto Jedermann verfestigt sich damit der Eindruck, als gäbe es diesen Mangel an Fachkräften tatsächlich.
Ausgerechnet in Ostdeutschland wehklagen die Kapitalisten besonders intensiv über den vermeintlichen Fachkräftemangel. Dies obwohl z.B. im September 2011 rund 6500 noch in der DDR ausgebildete Ingenieure arbeitslos waren. Nicht gerade viel? Doch zu viel! Die dort genossene Ausbildung galt und gilt als vorbildlich. Dennoch haben viele von ihnen auch nach mehr als 20 Jahren Mauerfall immer noch keine neue Chance.

Mehr als die Hälfte aller arbeitslosen Ingenieure kommt aus Ostdeutschland, obwohl im Westen der Republik viermal so viele Menschen wohnen. Mit dem Ende der DDR wurden viele DDR-Betriebe von der Treuhand entsorgt. Die Filetstücke verleibten sich gefräßige Westfirmen ein. In der hochindustrialisierten DDR gab es sehr viele Ingenieure. Die waren von den sich aus der «Abwicklung» der DDR-Wirtschaft ergebenen kapitalistischen  Nebenwirkungen – wie z.B. Arbeitslosigkeit – besonders schwer betroffen. Denn 1989 lebten im Osten etwa genau so viele Ingenieure wie in der wesentlich größeren BRD.

Prozentual gerechnet waren es sogar gut dreimal so viele. 1975 z.B. wurde in der DDR gut jeder zehnte Jugendliche eines Geburtsjahrgangs zum Ingenieur ausgebildet, in der BRD waren es gerade mal 2,3%. Die Fachschulausbildung für Ingenieure war besonders eng mit der Arbeit im Betrieb verzahnt. Zwei Drittel aller DDR-Ingenieure hatten diese spezielle Art der Ausbildung abgeschlossen, nicht selten berufsbegleitend. Eine solche Berufsausbildung vereinigte handwerkliches Können mit ingenieurwissenschaftlichem Sachverstand.
Jeder Markt reagiert auf Mangelsituationen sofort mit steigenden Warenpreisen. Die Arbeitskraft eines jeden abhängig Beschäftigten ist eine Ware und wird daher auf dem Arbeitsmarkt zu Markte getragen. Wären also Fachkräfte und Ingenieure derzeit wirklich so rar, müssten die Gehälter längst merkbar ansteigen bzw. angestiegen sein. Das aber ist leider nicht der Fall. Löhne und Gehälter stagnieren bzw. sinken seit Jahren. Den Fachkräften und Ingenieuren geht es da keinen Deut besser als anderen Beschäftigten. Die Bruttostundenlöhne für hochqualifizierte Fachkräfte sanken preisbereinigt in 2008 sogar um 0,1%. 2011 steigen die Grundgehälter bei Fachingenieuren nominal um durchschnittlich 2,7%. Preisbereinigt dürften das etwa 0,5% sein.

Die schwache Gehaltsentwicklung hängt mit der auch unter Technikern und Ingenieuren andauernden hohen Arbeitslosigkeit zusammen. In den meisten naturwissenschaftlich-technischen Berufen ging die Zahl der Beschäftigten zwischen 2008 und 2010 überdurchschnittlich stark zurück, die Zahl der Arbeitslosen wuchs entsprechend. Die Bundesagentur für Arbeit meldete im Oktober 2010 z.B. auf 2657 arbeitslose Chemiker und Chemieingenieure ganze 288 offene Stellen.

Trotz der trüben Aussichten ist die Zahl der Ingenieurstudenten seit 2007 deutlich angestiegen und liegt in den meisten Fächern weit über dem tatsächlichen Bedarf. Noch ein Beispiel: 2009 kamen auf rund 9000 ausscheidende Maschinen- und Fahrzeugbauingenieure rund 23000 Hochschulabsolventen aus diesem Bereich. Gäbe es wirklich Facharbeitermangel, dann müssten die Löhne z.B. für Ingenieure drastisch steigen, dürften erfolgreiche Hochschulabsolventen nicht nur Praktika oder Zweijahresverträge zu Billiglöhnen bekommen. Die Bosse würden ihren so gesuchten Fachkräften unbefristete, tariflich bezahlte Arbeitsplätze anbieten und für gute Arbeitsbedingungen sorgen.


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